Smouldering multiple sclerosis / schwelende MS (Allgemeines)

Boggy, Mittwoch, 02.11.2022, 15:09 (vor 24 Tagen) @ W.W.

Lieber WW,
ich muß hier als Laie in bezug auf einen umfangreichen, englischsprachigen Artikel sehr (!) vorsichtig sein mit "Erläuterungen" meinerseits.

vielleicht habe ich den Artikel über die 'smouldering MS' nicht richtig verstanden, darum fasse ich ihn vorsichtshalber noch einmal das zusammen, was mir anregend erschien.

Es könnte sein, dass die MS seit ihrer Entdeckung durch Charcot und später durch ihr kernspintomographisches Erscheinungsbild zu sehr als herdförmig lokalisierte, entzündliche Erkrankung aufgefasst wurde,

Ich gebe hier als Antwort ein Zitat aus dem Artikel wieder:
"stellen wir das vorherrschende klinisch-radiologische Weltbild in Frage, das Multiple Sklerose (MS) als fokal-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) definiert.
Wir legen eine Reihe von Belegen dafür vor, dass die 'echte MS' in Wirklichkeit in erster Linie durch einen schwelenden pathologischen Krankheitsprozess bedingt ist."

Ich verstehe das so: die MS kann nicht vorrangig als herdförmig-entzündliche Erkrankung des ZNS definiert werden;
sondern ... =>

während in Wirklichkeit ein anderer eher allgemeiner Prozess unter der Oberfläche abläuft, und die sichtbar in Erscheinung tretenden Herde Vulkankegeln zu vergleichen sind, die sich auf einer krankhaft veränderten Unterschicht entwickeln.

Zitat:
" dass die 'echte MS' wahrscheinlich durch einen primären schwelenden Prozess angetrieben wird, der von einer überlagernden Entzündungsaktivität begleitet wird, die möglicherweise die Immunantwort des Erkrankten auf die zugrunde liegenden Krankheitsursachen darstellt."

Dass wir also den sichtbaren Herden eine zu große und dem unsichtbar ablaufenden zugrundeliegenden Prozess eine zu geringe Bedeutung beigemessen haben.

Daß wir den "sichtbaren Herden eine zu große" Bedeutung beigemessen haben, würde ich so nicht aus dem Artikel lesen. Die Entzündungsaktivität ist ja real. Sie behandeln zu können, ist sinnvoll (IMHO).

Das heißt, wir könnten mit der 'Bekämpfung' der Herde einem Epiphänomen, also einer ursächlich nicht zur Erkrankung gehörenden Begleiterscheinung aufgesessen sind.

Hier kann ich wieder nur nochmal zitieren:
"Die Biologie der schwelenden MS, die später in diesem Beitrag erörtert wird, spricht für die Hypothese, dass MS in erster Linie eine von innen nach außen verlaufende Krankheit ist, die im zentralen Nervensystem (ZNS) beginnt, und dass fokale Entzündungsereignisse ein Nebenprodukt des primären neuroaxonalen Verlustes sind."

Dann wären also die unsichtbaren, schleichenden Veränderungen das eigentliche Problem, das wir durch die immunmodulierenden Medikamente nur unzureichend bekämpft hätten.

Hier wieder nur noch einmal ein Zitat:
"Nach dem derzeitigen Dogma wird MS in erster Linie als eine von außen nach innen gerichtete Krankheit betrachtet, die durch T-Zell-vermittelte periphere Autoimmunereignisse ausgelöst wird.
Die therapeutische Beeinflussung der peripheren immunologischen Vorgänge durch immunabbauende Mittel, z. B. Alemtuzumab oder hämatopoetische Stammzelltransplantation, oder durch Mittel gegen den Lymphozyten-Trafficking, wie Natalizumab, bestätigt diese Hypothese. Beide Strategien schalten zwar die meisten fokalen Entzündungsvorgänge wirksam aus, verhindern aber nicht unbedingt eine Verschlechterung der Krankheit."

"Wir stellen die Hypothese auf, dass die therapeutische Ausrichtung auf einen Zustand 'ohne erkennbare entzündliche Krankheitsaktivität' (NEIDA) die Akkumulation von Behinderungen bei MS nicht ausreichend verhindern kann, was bedeutet, dass sich die Behandlung auch auf andere pathologische Prozesse im Gehirn und Rückenmark konzentrieren sollte, die zum langsamen Verlust der neurologischen Funktion beitragen.
Dies sollte auch durch einen ganzheitlichen Ansatz bei der Behandlung anderer systemischer Krankheitsprozesse ergänzt werden, die nachweislich die MS-Ergebnisse verschlechtern."

Und noch eine zusammenfassende Ergänzung:
"Es wird vorgeschlagen, nicht mehr nur auf die Schübe und die fokale MRT-Aktivität abzuzielen, sondern die Aufmerksamkeit auf die mutmaßlichen Prozesse zu lenken, die für die schwelende MS verantwortlich sind.1,8 Die therapeutische Ausrichtung auf diese Prozesse wird große Auswirkungen auf die Gestaltung künftiger klinischer Studien haben.
Darüber hinaus werden wir mit ziemlicher Sicherheit entweder Doppelstrategien oder Kombinationstherapien benötigen, um die verschiedenen pathologischen Mechanismen die die schwelende MS antreiben, auf breiterer Basis anzugehen."

Ich hoffe, diese nun wiederum etwas umfangreicheren Ausführungen helfen Ihnen dabei, sich ein besseres Bild zu machen.

Gruß
Boggy

--
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