Im Land der Lügen (Allgemeines)

W.W., (vor 3371 Tagen) @ W.W.

Ich weiß, es hat keinen Sinn! Ich versuchte, es meiner Frau beim Frühstück zu erklären, aber sie meinte, so ein Test könne doch nicht schlimm sein, und da zeige sich wieder einmal meine Neigung, prinzipiell gegen alles zu sein.

Als Rudolph Guiliani, der ehemalige Bürgermeister von New York, davon erfuhr, dass er Prostatakrebs hätte, war in allen Zeitungen zu lesen, dass er allen Männern über 50 empfahl, sich einer Vorsorgeuntersuchung zu unterziehen. Er schrieb auf typisch amerikanische : ‚Ich rate jedem dringend, den PSA-Test machen zu lassen. Wenn der PSA-Wert normal oder niedrig ist, ist alles in Ordnung. Ist er aber hoch, dann gibt es ein Problem.’

Das klingt sehr überzeugend, vor allem, da es sich um jemanden handelt, mit dem man sich leicht identifizieren kann, und es sich um einen einfachen Bluttest handelt. Was sollte dabei also schon passieren?

Die Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Ökonom Thomas Bauer und der Statistiker Walter Krämer haben 2012 die Aktion ‚Unstatistik des Monats’ ins Leben gerufen. Sie berichten jeden Monat über Fälle, die in der Zeitung stehen und hinterfragen sie. Die Unstatistik des Monats August 2014 lautet: ‚Vermeintlicher Lebensretter PSA-Test’.
Sie beziehen sich auf eine Nachricht des TAGESSPIEGEL ONLINE, in dem am 7. August 2014 zu lesen war: ‚Die Prostatakrebs-Vorsorge per PSA-Test kann das Sterberisiko um mehr als ein Fünftel senken.’

Die Autoren weisen darauf hin, dass in diesem einen Satz gleich drei statistische Fehler enthalten sind:

Was heißt: ‚Mehr als ein Fünftel’? Wurde von je 100 Männern, die zur Vorsorgeuntersuchung gingen, das Leben von mehr als 20 gerettet? Das wird nahegelegt, aber die Wahrheit ist folgende: Absolut gesehen starben in der Kontrollgruppe (ohne PSA-Test) nach 13 Jahren etwas mehr als 0,6% der Männer, in der Screening-Gruppe (mit PSA-Test) etwas weniger als 0,5%. Die absolute Reduktion ist also 0,1 Prozentpunkte, die relative Reduktion ein Fünftel. Im Klartext bedeutet also „ein Fünftel“ nichts anders als „ein Mann von 1 000“ (genau: 1 von 781).

Die zweite irreführende Botschaft ist, dass sich diese Zahl auf das „Sterberisiko“ bezieht. Das ist aber nicht der Fall. Sie bezieht sich nur auf das Risiko, an Prostatakrebs zu sterben, nicht aber auf das allgemeine Sterberisiko (d.h., alle Ursachen, einschließlich Prostatakrebs). Denn dieses änderte sich durch PSA-Tests nicht: nach 13 Jahren waren genau so viel Männer am Leben – unabhängig davon, ob sie am Screening teilgenommen hatten oder nicht. Für diesen Unterschied zwischen Sterblichkeit und Prostatakrebssterblichkeit gibt es mehrere mögliche Ursachen. Beispielsweise werden Männer, die an den Folgen einer Prostata-Operation sterben, nicht in der Prostatakrebssterblichkeits-Statistik aufgeführt, aber in der Sterblichkeitsstatistik. Fazit: Die Studie erbrachte keinen Nachweis, dass durch das PSA-Screening Leben gerettet wurde.

Der dritte Irrtum: Es handelt sich nicht um „Prostatakrebs-Vorsorge“ sondern um „Prostatakrebs-Früherkennung.“ Als Vorsorge bezeichnet man Methoden, welche die Wahrscheinlichkeit von Krebs senken, wie etwa mehr Bewegung und weniger Alkohol. Um einen Krebs früh zu erkennen, muss er jedoch schon da sein. Früherkennung verringert also nicht die Wahrscheinlichkeit, Krebs zu bekommen, wie viele Menschen glauben.
Man muss sich fragen, warum so viele Journalisten diese elementaren drei Fehler immer wieder machen – „Spiegel online“ beispielsweise hat dagegen richtig und verständlich berichtet. Positiv anzumerken bleibt, dass der Schaden des Screenings genau beziffert wurde: auf jeden Mann weniger, der mit der Diagnose Prostatakrebs stirbt, kommen 27 Männer, welche unnötig operiert oder bestrahlt werden, was zu Inkontinenz und Impotenz führen kann. Und auch, dass die Autoren der Studie deswegen das PSA-Screening nicht empfehlen.

Jetzt kann ich mir nichts mehr vorwerfen, ich habe es so einleuchtend erklärt, wie es nur geht (hoffe ich!), aber meine Frau ist nach wie vor überzeugt: 'Es würde doch nichts schaden, mir einfach den Wert bestimmen zu lassen,. Und wenn er im Normbereich ist, dann ist doch alles in Ordnung. Ich bin beruhigt - und du auch.'

Es hat keinen Sinn, mit ihr über so etwas zu diskutieren!:-( Meine Frau meint, mit der 'kleinen Intelligenz' käme man überall gut zurecht, aber mit der 'großen Intelligenz' würde man sich ständig irren!

W.W.

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