Im Land der Lügen (Allgemeines)
Wir kommen zum schlagendsten Argument, das für die moderne Medizin und die Pharmaindustrie spricht. Auch das habe ich damals noch geglaubt:: Seit 1900 hat sich unsere Lebenserwartung mehr als verdoppelt!
Hierzu muss man wissen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung um 1900 bei 33 Jahren lag. Jetzt liegt sie bei über 80 Jahren. Was wäre naheliegender, diesen immensen Anstieg auf die Verbesserung der medizinischen Versorgung zurückzuführen?!
Aber auch hier liegt ein gravierender statistischer Irrtum vor, den man auf den ersten Blick nicht sieht, und den ich auch damals nicht erkannt habe. Das eine war die Säuglingssterblichkeit. Wenn man 2 Menschen betrachtet, von denen der eine 100 jahre alt wird, der andere aber gleich nach der Geburt stirbt, dann beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung (100 + 0)/2 = 50 Jahre.
.h. also, dass die Abnahme der Säuglingssterblichkeit bei der Lebenserwartung eine enorme Rolle spielt. Je erfolgreicher wir die Säuglingssterblichkeit in Afrika bekämpfen, desto älter werden die Afroafrikaner werden. Das heißt natürlich nicht, dass wir das nicht tun sollten oder dass es sich hierbei nicht um medizinischen Fortschritt handelt, aber die Zunahme der Lebenserwartung hat andere Gründe, als wir vermutet haben.
Auf den anderen Punkt hat mich Ivan Illich gebracht. Vor seinem Tod kam er immer für mehrere Monate aus Mexika an die Universität Bremen und hielt dort Seminare ab. Zu einem davon hat er den Schotten McKewown eingeladen, der letztendlich nicht kam, weil Ivan Illich vorher starb, aber ich beschäftigte mich mit seinen epidemiologischen Studien. McKeown ist Medizinhistoriker.
Seine Ergebnisse waren sehr interessant und stellten alles auf den Kopf, was ich bisher für wahr gehalten hatte. Es ging um die Tuberkulose-Sterblichkeit. Sie war im 17. und 18. Jahrhundert sehr hoch (Sie erinnern sich sicherlich an die Mimi aus 'La Bohème.) und nahm mit der Zeit langsam ab, so wie eine Rutsche auf einem Kinderspielplatz, um schließlich die aktuellen sehr niedrigen Werte zu erreichen. Vielleicht wissen Sie ja auch, dass heutzutage in Deutschland eigentlich nur noch chronische Alkoholiker an Tuberkulose erkranken.
Es wäre nun zu erwarten gewesen, dass die Entdeckung des Tuberkelbazillus bzw. die Entdeckung der Tuberkulostatika zu einem jähen Eindruch in dieser abnehmenden Kurve geführt hätten. Erstaunlicherweise war das nicht der Fall. Völlig unbeeinflusst von diesen für uns so wichtigen Ereignissen fiel die Kurve weiter ab und zeigte nicht die leichteste Delle.
W.W.