Darstellungsverfahren in der Wissenschaft (Allgemeines)
Noch eins drauf:
Das Spielen mit verschiedenen Bedeutungen und Bedeutungsschattierungen von Wörtern, und ihrem assoziativen Bedeutungsumfeld, ist Sache der Literatur und der Poesie;
aber nicht Sache der Wissenschaft.
Am besten gleich noch eins drauf:
Jede Wissensordnung bildet bestimmte sprachlich-symbolische Repräsentationsweisen und narrative Verfahren aus; jedes Objekt des Wissens ist essenziell von seiner Repräsentations- bzw. Darstellungsweise abhängig.
Daraus folgt: Jede Darstellung eines Objekts ist ein Verfahren seiner Sichtbarmachung und damit ein poietischer, das heißt ein formgebender, schöpferischer Prozess, bei dem vielfältigste Zeichen, Symbole, Modelle, Methoden, Anordnungsweisen und Begrifflichkeiten verwendet oder überhaupt erst mal narrativisch geschaffen werden.
Dass jede Wissenschaft ihre Ergebnisse in narrativischen Strukturen darstellt, ist nicht neu, mit Forschungsergebnissen zu dem Thema kann man mittlerweile ganze Bibliotheken füllen.
Narrativische Strukturen werden oft dort eingesetzt, wo die traditionellen diskursiven oder zu sehr spezialisierten Darstellungsmodelle versagen, zB in der Elementarteilchenphysik oder beim Transfer von Forschungssprache in Laiensprache.
Wissenschaft ist also nicht nur institutionengebundene, hochspezialisierte Produktion von Fachwissen, sondern immer auch ein narrativisches System, das vorhandene Symbole, Metaphern und Bilder jeglicher Art aufnimmt und umschreibt oder neue Symbole etc. produziert.
Und dann gibt es Fälle, in denen Wissenschaft gleichzeitig und untrennbar auch Prosa-Literatur ist, am bekanntesten ist wohl Sigmund Freud. Seine Werke sind nicht deshalb gleichzeitig Wissenschaft und Literatur, weil er diverse Psychopathologien so anschaulich und einfühlsam beschreibt, sondern weil er zur Darstellung seiner Forschungsideen und –ergebnisse genuin literarische Schreibstrategien verwendet, insbesondere Schreibstrategien der Verdichtung (Metaphern) und der Verschiebung (Metonymien).
Es ist sicher kein Zufall, dass er Verdichtung und Verschiebung auch als zentrale Elemente der Traumarbeit entdeckt hat.
Und kein Wunder, dass Freud so unendlich schwierig zu übersetzen ist, denn der für seine Darstellungsweise typische Doppelcharakter von Wissenschaft und Literatur lässt sich in den wissenschaftssprachlichen Normen gängigen Zielsprachen (Engl., Frz.) kaum abbilden.