Was würden sie denn dann mit solch einer Patientin machen, die eben schon entsprechend weit "drinsteckt" im Kuddelmuddel? Ihr sämtliche Therapien und medizinischen Möglichkeiten vorenthalten? Beten? Sie anderswo hinschicken und sich der Sache entziehen?
Ich fürchtete, dass Sie das schreiben würden!
Tatsache ist, dass Menschen, denen es so schlecht geht, nicht zu mir kommen. Das bedrückt mich, weil es zum Ausdruck zu bringen scheint, dass ich sie im Stich lasse!
Aber diesem Vorwurf muss ich mich vermutlich stellen und kann mich höchstens damit herausreden, dass ich keine Ahnung von Tysabri, Mitoxantron und Plasmapheresen habe, und dass man sich lieber von denen behandeln lassen sollte, die sich damit auskennen.
Ganz wohl ist mir nicht dabei, weil ich mich drücke! Andererseits tue ich nur das, wazu ich stehe, aber das Problem ist, dass ich dabei einige im Regen stehen lasse. Ich glaube, aus dieser Zwickmühle gibt es keinen Ausweg. Was würde man von mir denken, wenn ich Patienten eine Plasmapherese empfehlen würde, obwohl ich nicht daran glaube und auch ihre Nebenwirkungen nicht beherrsche?
W.W.
Ich habe früher schon einmal Folgendes geschrieben - und hatte ein schlechtes Gewissen dabei:
Ein Trick, um ein Wunderheiler zu werden
Dieser Trick geht so. Man liiert sich mit einer sympathischen Homöopathin oder Heilpraktikerin. Sie verkündet überall, dass sie sich auf MS spezialisiert habe und empfängt viele Betroffene zum Erstgespräch, in dem sie sich viel Zeit nimmt und alles Mögliche erfragt: Womit die MS angefangen hat, und ob sie möglicherweise schon vorher angefangen hat (was man oft im Nachhinein besser beurteilen kann). Und in welcher Lebenssituation sie war, und was möglicherweise die Schübe ausgelöst hat.
Dann lässt sie sich die Kernspinbilder geben und sagt, sie würde sie mit jemandem, der von MS Ahnung hat, durchsprechen.
Nach einer Woche kommt der Patient oder die Patientin wieder, und die Therapeutin erklärt ihr, ob sie die Behandlung übernehmen möchte oder nicht. Der Hintergrund ist: Sie hat die Bilder mit jemandem, der sich mit MS auskennt durchgesprochen und ihm auch die wichtigsten Lebensdaten dazu genannt. Gemeinsam sind sie dann zu der Einschätzung gekommen, ob die MS vermutlich zum guten oder zum schlechten Drittel gehört, irgendetwas dazwischen. Die Behandlung übernimmt sie nur für die, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen leichten Verlauf haben werden.
Es könnte sein, dass man die Heilpraktikerin und den Neurologen, der mit ihr zusammenarbeitet, verurteilt, weil beide betrügen, wenn man es genau nimmt. Sie betrügen vor allem nicht nur deswegen, weil sie hinter dem Rücken ihrer Patienten agieren, sondern vor allem deswegen, weil sie die, denen es wirklich schlecht geht, im Stich lassen!!!