Über die Ursache der MS (Allgemeines)
Wenn sich jemand (so wie ich) einen großen Teil seines Lebens mit der MS beschäftigt hat, dann müsste er doch eigentlich, wenn er gefragt wird, ein Résumé ziehen und sagen können, was die MS - seiner Ansicht nach - ist.
Er könnte also viel Erfahrung erworben haben, aber es wäre auch denkbar, dass er alt und senil geworden ist und unverständliches Altersweisheiten von sich gibt.
Noch wahrscheinlicher ist es allerdings, dass ihn irgendwann einmal in seinem Leben etwas richtig begeistert hat, und dass er auf Teufel komm raus darauf geblieben ist. Er hat dann sein Herz an Diät, Borrelien oder andere heimtückische Erreger, zerebrale Venenstenosen, Vergiftungen oder Erdstrahlen verloren, und hat sich stur darauf fixiert und hat sogar immer mehr Gründe dafür gefunden, die seine Theorie bestätigen.
Niemals würde er glauben, er sei einem Aberglauben oder einem Vorurteil aufgesessen. Es ist also so eine Sache mit Experten, die in ihrem Beruf alt geworden sind, auch wenn sie noch so nett sein mögen.
Wie ist das mit mir gewesen? Um diese Frage zu beantworten, muss ich weit in die Vergangenheit zurückgreifen.
Als junger Arzt fürchtete ich, in einem Sumpf von halbseidenen Angaben über die MS zu versinken, und meinte, ich müsste vielleicht wie Descartes alles wegstreichen, was auch nur im geringsten zweifelhaft sei. Wenn ich das konsequent täte, würde letztendlich vielleicht nur wenig übrigbleiben, aber das sei zumindest ein sicheres Fundament.
Ich habe das versucht und was mir bliebe, waren folgende 'Tatsachen' über die MS:
1. Die MS ist eine entzündliche Erkrankung, die das Gehirn und das Rückenmark befällt.
2. Ihr Kennzeichen sind zufällig verteilte Herde.
3. In deren Zentrum befindet sich immer eine Vene.
4. In 94% finden sich im Liquor oligoklonale Banden, die neurochemisch Immunglobuline sind.
5. Vieles spricht dafür, dass die MS eine Autoimmunerkrankung ist, bei der 'wildgewordene' Lymphozyten die Markscheiden zerstören.
5. Es gibt einen 'Breitengradeffekt', d.h. die MS ist in nördlichen Regionen häufig und wird immer seltener, je näher man zum Äquator kommt.
6. Frauen werden doppelt so häufig wie Männer betroffen.
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Aber mein Unternehmen war nicht von Erfolg gekrönt. Sogar das, was mir sicher zu sein schien, war es nicht, und ich verlief mich im Dickicht der im Schnitt eher schlechten Studien. Was ich brauchte, war nicht nur eine kritische Haltung, sondern auch eine Intelligenz wie Sherlock Holmes.
Zum Beispiel das mit dem Breitengradeffekt. Zunächst dachte ich, dass dieser doch ein eindeutiger Hinweis dafür sei, dass die MS durch einen Erreger (Virus?) bedingt ist, der kältere und kühlere Gegenden bevorzugt, wo wie Erkältungen ja eher eine Erkrankung sind, die in London häufig und in Zentralafrika selten sind.
Aber war das nicht voreilig? Wie ist es mit der Zivilisation? Ist diese in nördlichen Breitengraden nicht weiter fortgeschritten als in Afrika oder Indien? Oder wie ist es mit der Häufigkeit von Kernspintomographen? Wird die MS nicht eindeutig dort am häufigsten diagnostiziert, wo es die besten Untersuchungsmöglichkeiten gibt?
Oder wie ist das mit den Frauen? Sind sie wirklich doppelt so häufig betroffen? Oder gehen sie häufiger zum Arzt? Oder liegt es gar nicht an genetischen Faktoren (z.B. dass sie zwei X-Chromosomen haben), sondern dass sie ganz anderen Belastungen ausgesetzt sind als Männer (Hausfrau + Mutter + Beruf) und häufiger frustriert wird?
Und wie ist es mit den oligoklonalen Banden, die so typisch für die MS sein sollen? Warum sind sie nicht immer positiv? Und wenn es wirklich Antikörper sind, wogegen sind sie gerichtet?
W.W.

Vielleicht war ich zu umständlich, und ich hätte es kürzer sagen können.
Aber es bleibt unhöflich, und ich lese die Botschaft daraus: Hör endlich auf, hier zu schreiben. Ich habe das in letzter Zeit wiederholt gedacht.

(und nachdenken)

über das Ihr grinsen mögt, das mir aber oft hilft, mein Leben neu zu sortieren - dann ist es was ganz Anderes.