Literatur und Wissenschaft, abschließend (Allgemeines)

W.W., (vor 3490 Tagen) @ Karo

Und die Tatsache, daß es Grauzonen gibt, Übergänge von literarischer Sprache und exakt wissenchaftlicher Sprache, entbindet nicht von der Verantwortung, sich klar und präzise, unmißverständlich auszudrücken, wenn man eine bestimmte Postion vertreten will. Dazu gehört auch die saubere Definition der Begriffe, die man verwendet.


Damit forderst du die Umsetzung eines normativen Ideals von wissenschaftssprachlicher Exaktheit, die kaum jemals mehr war als eine Fantasie bzw. eine Proklamation des 19. Jahrhunderts.

Das ist ein interessanter Einwand! Ich versuche es einmal ganz einfach zu sagen: Es gibt das Ideal der Wissenschaftssprache, das aus dem 19, Jahrhundert kam: Philosophie muss zur Wissenschaft werden. Ein wesentlicher Schritt dahin wäre, wenn die Wörter eindeutig würden und Sätze wie 'Das Nichts nichtet' unmöglich.

Das war Carnaps Position und die Position des Wieners Kreises, zu dem anfänglich auch Wittgenstein gehörte. Die Sprache war somit ein Spiegel der Wirklichkeit, und damit war das, was man klar und deutlich erkannte, auch klar sagbar.

Aber immer wieder gab es 'Verunklarer', Leute, die sich entweder nicht klar ausdrücken konnten oder wollten. Bei Kant nahm man an, er sei kein so großer Sprachkünstler wie David Hume gewesen, aber er hätte sich redlich Mühe gegeben, und auch wenn seine Texte schwer verständlich seien, seien sie gehaltvoll und wohlüberlegt.

Die Frage drängte sich auf: War Kant so kompliziert, weil er noch nicht klar genug dachte? Oder war er so kompliziert, weil er etwas Kompliziertes ausdrücken wollte?

Ich glaube, letzteres war der Fall: Kant ist so kompliziert, weil er etwas Kompliziertes zum Ausdruck bringen wollte! Dann kam Schopenhauer und meinte, er könne Kants Grundgedanken einfacher formulieren; was er anscheinend ja wohl auch getan hat, aber er verfälschte Kant und missbrauchte Kant für eine eigene Philosophie.

Auf der anderen Seite war Hegel, der offenbar eine ganz grauenvolle Sprache sprach, wohl aber meinte, ohne diese merkwürdig dunklen und schwierigen Gedankenkonstruktionen nicht das Wesentliche ausdrücken zu können. Man kann darüber schimpfen und stöhnen, aber was er meinte, war so wirkmächtig wie das von Kant. Merkwürdigerweise war das, was wie ein schrecklicher Unsinn wirkte, überhaupt kein schrecklicher Unsinn!

Damit bin ich bei meinem Punkt: Ich verehre Kant, habe aber das Problem: Wenn ich das, was Kant gemeint hat, klarer fassen will, verfälsche ich ihn oder ich schwinge mich über Kants Grundgedanken empor in einen eigene Philosophie.

Wittgenstein hat das gemerkt: Je klarer ich etwas sage, desto komplizierter wird es. Es kann nicht sein, dass das, was den Knoten in unserem Denken löst, einfacher ist als der Knoten.

Ich komme zu meinen Thesen:

1. Das Komplizierte kann nicht einfach gesagt werden.
2. Es gibt keine 'Kunstsprache', die so objektiv sein kann wie die Physik.
3. Das Wesentliche lässt sich oft nur in mystischer Weise andeuten - auf jeden Fall entzieht es sich der naturwissenschaftlichen Formel.

Insofern glaube auch ich, dass Boggy einen Salto zurück zum Wiener Kreis versucht, wobei er jedoch Poppers Korrekturen akzeptiert. Aber auch Popper hing der Idee einer idealen Sprache an. Er meinte, er könne so schreiben, dass ihn jedermann verstehen könne. Das glaube ich übrigens auch, aber das, was jedermann verstehen kann, ist falsch!:-(

Erschreckt merke ich, dass ich länger geschrieben habe als Karo. Und vermutlich ist nicht ganz klar geworden, was ich meine???:confused: Dass Boggys Ideal ehrenwert, aber nicht von dieser Welt ist!

W.W.

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