Das echte Leben (Allgemeines)
In Auseinandersetzung mit dem Vortrag von Sloterdijk, der hier gepostet wurde, (und ungeachtet, dass das dort erwähnte Werk von Hans Saner eher "Geburt und Phantasie" und nicht wie behauptet "Geburt und Ironie" lautet,) ein paar Ideen dazu:
Der Traum von der Vollständigkeit unseres Lebens, „Gesundheit“ als idealer Zustand, phantasierter Ort - ein Vorstellung, eigener Unbezwingbarkeit, die Idee, wir könnten überhaupt vollständig makellos, "gesund", fehlerfrei sein - diese Idee:
ermöglicht bei spezifischer Betrachtung erst das Trauma, den Weckruf –krank!
Viele Diagnosen sich allein als solche noch viel schrecklicher als die Krankheit selbst. Krebs – ich spüre nichts, habe keine Beschwerden, und trotzdem wirkt diese Diagnose oft schon wie ein Todesurteil – ist eine Verhexung, ein böser Fluch, von dem sich zu befreien quasi fast – unmöglich scheint.
Wie solch einem Flucht entkommen? Mu!lti!ple! Sk!le!ro!se! – hat sicher vielfach eine ganz ähnliche Wirkung, die Krankheit MS beginnt in dem Moment, wo ich die Diagnose erhalte, wo sie einen Namen bekommt, ein Zauber nimmt seinen Lauf – und wie könnte mich ihm wieder entwinden?
Wer davon hört „MS!“, oh weh, so höre, erlebe ich es oft, macht daraufhin meist ein traurig entsetztes Gesicht, muss sich oft erstmal setzen, erholen, schützen – wir Betroffenen sind verhext und werden weiter verhext, das Damoklesschwert schwerster Behinderungen schwebt über uns, es ist mir anzusehen, an weiteren Beispielen mangelt es nicht.
Der Versuch mittels dagegen Anrufen – die MS ist angeblich besser als gedacht! (der eigenen Tochter würde man von der Heirat mit einem MS-Verhexten dennoch dringend abraten?“), das scheint mir völlig unzureichend, sich selbst weit überschätzend, ob der Strahlkraft des bösen Zaubers, den die MS in unserer Welt allenthalben längst erlangt hat. Ein mehr oder weniger einsames Rufen im Walde, Ausgangspunkt einer kleinen Sekte, die ebenfalls weiterhin den Traum an die Vollständigkeit unseres menschlichen Lebens noch nicht aufgeben konnte – so schlimm wird es schon nicht werden, die MS brennt aus, sie stoppt. So, so.
Das Leben indes brennt erst ganz am Ende aus, es stoppt erst mit unserem Tod, und bis dahin eine beständige Reise, wir sammeln Narben, Verletzungen, Gebrechen und wir gewinnen an Strategien, diese Einschränkungen zu kompensieren.
Wie also können wir noch anders diesem bösen Fluch „MS“ entkommen, ihm uns entwinden?
Überhaupt nicht, glaube ich, weil das Leben eben kein Wunschkonzert ist, und ich es mir dann doch anders, ohne all diese Beschwerden wünschen würde.
Aber ich kann mir bei all der Pein und Frustration klarmachen, dass es nunmal eh nur ein Traum ist, das eigene Leben als vollständig, unbeschwert oder "gesund" zu phantasieren.
Ich kann mich in meinem Umfeld, mit meinen Freunden, Kontakten eine möglichst wertschätzende, unterstützende Atmosphäre einrichten versuchen, vielfältig Ressourcen generieren, ausheben, teilen - und dann ist diese MS immer noch da, all die Einschränkungen, Verletzungen, Narben, aber wer hat denn überhaupt die Idee von dem Heil sein, von "Gesundheit", Unbeschwertheit in die Welt gesetzt, wer promotet solche Ideen weiter und in welchem Interesse, welche Industrie steckt dahinter und wer also Bücher und Ideen mit Titeln "Gesundheit", "Heilung"... verkauft und bewirbt, wer Menschen in das eigene Wartezimmer lockt, mit der Idee, wieder komplett heile zu werden, körperlich und oder "psychisch" gesund, der macht sich verdächtig, vor allem eigene Interessen zu bewerben.
Zum echten Leben gehören Einschränkungen, Kränkungen, Probleme mit dazu.
Glücklich, wer Wege finde, möglichst gemeinsam mit anderen hilfreich damit umzugehen.
Das verzweifelte Rufen nach Heilung, die Fokussierung von Krankheit, eine spezifische Debatte um Psychosomatik erachte ich eher als kontraproduktiv.
Das echte Leben - das gibt es nur im Austausch und der Auseinandersetzung mit anderen, Aggression und Zärtlichkeit, Verletzungen und großartige Momente, die Welt - facettenreich und bunt

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Alles was lebt ist heilig.

