Aggression und Lebensfreude (Allgemeines)

stefan ⌂, Berlin, (vor 3515 Tagen)

Ich stelle dies zur Diskussion, weil ich es interessant und vielfach für wichtig finde, und glaube, auch bei Schlafstörungen, Depression, Lebensunlust, Langeweile, Rückzug, könnte es hilfreich sein. Zudem würde ich mich über weitere Anregungen, Ideen gerade auch von MS-Betroffenen hier freuen, zumal MS-Betroffene ja häufig damit konfrontiert sind, sich selbst schon viel zu aggressiv und schlecht zu behandeln, unsere Lebensführung würde eben eine große Rolle spielen, MS und Schübe zumindest einem psychosomatischen Anteil gehorchen, was ich für eine höchst gefährliche und lebensfeindliche Erzählung erachte.


Falls sich also vielleicht doch hier oder da jemand wie ich mir selbst die abenteuerliche Frage stellt, wie angesichts der eigenen MS, all der heftigen realen oder bedrohlichen Einschränkungen und Erlebnisse noch meine eigene Lebensfreude erhalten oder wieder aufrichten kann, anbei ein paar Zitate aus einem Artikel, aus der ich oder der/die geneigte LeserIn möglicherweise sehr hilfreiche Anregungen (eine Leitlinie?) zu ziehen vermag, sofern sie/er/ wir es denn vermöchte(n).

Lebensfreude ohne Leidenschaft und ohne Aggression, ohne entsprechende Selbstbehauptung, Individualität, mit übertriebener Beißhemmung, und ohne eigenen "kritischen Stachel" - für mich quasi undenkbar.


Nun also die Zitate:


Aggression ist eine Kraft, die der Selbstbehauptung des Individuums in der Welt dient und ohne die wir weder geboren würden noch leben könnten. Zugleich trifft das Wort auf negative Assoziationen, die Aggression begrifflich und inhaltlich mit dem Bösen in der Welt und im Menschen gleichsetzen. Wer gegen „Aggression“ ist, ist scheinbar für das „Gute“. Dies ist kurzsichtig und kurz gegriffen, engt zudem den Umgang mit Aggressivität gefährlich ein.
Ich folge hier dem Versuch, „Aggression“ im erstgenannten, lebenserhaltenden Sinne zu verstehen und zusammen mit den Begriffen „Leidenschaft“, „frühe Kindheit“ und „Tabuisierung“ in einen Zusammenhang mit dem Thema „Generativität“ zu stellen.

...



Jeder offensichtliche Ausdruck von Destruktivität, Vernichtungswillen, Wut oder Kampfbereitschaft (wird) im Interesse der zivilen Ordnung unterdrückt. Auch das Gefühl der Wut wird blockiert und sogar verdrängt. Die Menschen sind empfindsam, tolerant, höflich und kooperativ, während sie sich herumschubsen lassen. Aber die Anlässe für Wut sind keineswegs geringer. Im Gegenteil, ( ….) Ständig wird kleiner Ärger erzeugt, der sich nie Luft verschafft; große Wut, die mit großem Engagement einhergeht, wird verdrängt.“ 1 So schreibt Fritz Perls 1951 in seinem Buch über die gefährdeten „Grundlagen der Lebensfreude“.



Wo überall " erkennen wir die Hemmung der Aggressionslust als eine Ursache psychischer Wachstumsblockaden, - wenn wir beginnen, uns zu langweilen, wenn es eintönig wird. Wenn an den Grenzen der beteiligten Ichs gar keine Funken mehr sprühen. Ohne die Aggressionslust, wenn man nicht zupacken, zubeißen, angreifen, festhalten, durchsetzen kann, wie soll sich dann ein Ich etablieren, sicher fühlen können und aus der Sicherheit und Abgegrenztheit heraus dann auch „leidenschaftlich“ werden können?"


Wie kann ich angesichts der Verunsicherung durch die MS also weiter möglichst lebendig und mutig bleiben? Erstmal die Gefahr erkennen.

Das kindliche (oder MS belastete) " Ich... fällt schnell um. Selbstbehauptung ist umso wichtiger und wird andauernd am Gegenüber befragt und kann ja im Zustand vollkommener Ausgeliefertheit und in phantastischer Verkennung der Realität vom Anderen quasi nur appellierend gewünscht werden: „Mach mir bitte nicht zu drastisch klar, dass Ich nichts kann, wehrlos bin.“"


Aber es gibt Hoffnung :-)

(siehe Teil 2)

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Aggression und Lebensfreude (Teil 2)

stefan ⌂, Berlin, (vor 3515 Tagen) @ stefan


Um das Ich zu etablieren und zu festigen, braucht es grenzverteidigende Aggression und diese hat und braucht ein Gegenüber, das im Wege steht und überwunden werden muss. Aggression wünscht sich, braucht und hat immer ein Objekt, an das sie sich heranmachen kann, denn das Ich etabliert sich am Widerstand. Aggression braucht und will, fordert individuellen Kontakt und bekämpft den sozialen und zwischenmenschlichen Anpassungsdruck, der die Individualität verneint.

Leidenschaft ist spontan wohl bei den meisten sexuell assoziiert – aber man kann natürlich alles mögliche „leidenschaftlich“ sein oder tun. Es geht um die körper-seelische Qualität der Beschäftigung: man tut es ganz, man ist ganz dabei, man geht an oder über körperliche Grenzen, zur Leidenschaft wie zur Ich-Etablierung gehört die vorübergehende Befreiung von der Rücksichtspflicht, sie riskiert Rückhaltlosigkeit, man geht auch auf`s Ganze (los), riskiert oder schafft dabei – wie das Wort schon sagt – auch durchaus ein Leiden für sich selbst oder den Anderen. Leidenschaft hat etwas Unbedingtes und Bedingungsloses, die Leidenschaftlichen „vergessen sich“, Leidenschaft drängt jedenfalls danach, die Normen und Vorbehalte der Anpassungsforderung in den Wind zu schlagen. Leidenschaft ist auch entdifferenziert, man tut leidenschaftlich nur dies unter Ausschluss anderer Möglichkeiten.
Natürlich zerstört Leidenschaft das Gewohnte, kann es auch verwüsten. Zur Leidenschaft gehört immer eine irgendwie geartete Grenzüberschreitung – und seien es die der sog. Normalität oder Moral, die der Körper, die eigenen Erschöpfungsgrenzen, finanzielle und zeitliche Grenzen etc. Können wir sagen: Lustvolle Leidenschaft beginnt da, wo man beim Anderen, auch bei sich selbst, hinter der Grenze Kredit aufnimmt? Wo das Ich über sich selbst hinausgeht? Es lehnt sich weit hinüber und über den Anderen hinaus, bereit zu kippen und zu fallen.
Es gehört jedenfalls das Vertrauen dazu, dass die aggressive Leidenschaft vom Gegenüber nicht als destruktives Vorhaben verstanden wird, sondern als Weg vom unsicheren, zweifelnden, mehr oder weniger gehemmten Normal-Ich zu einem vorübergehenden Hochgefühl des ganzen körper-seelischen Ichs, das in der rücksichtslosen Grenzüberschreitung und dem Ausblenden anderer Möglichkeiten noch einmal omnipotent und Nabel der Welt wird – nur insofern auch gegen den Anderen und seine Grenzempfindlichkeiten gerichtet, als ein sich aufrichtendes, ausbreitendes Ich wohlwollend eingeräumten Platz braucht, auch die Bereitschaft des Anderen, die hinreißende Attacke auszuhalten, mit-zu-halten und schließlich gegebenenfalls auch zum Einhalten anzuhalten.
Zur Leidenschaft gehört eine gewisse Unempfindlichkeit des Objekts, das sich vorübergehend bereitwillig „zerstören“ lässt.
Leidenschaftliche Aggression wird hier also als ein innerer Vorgang verstanden, der sich Ausdruck verschafft, um Körper und Psyche als Einheit erfahrbar werden zu lassen. Ein Vorgang der Integration. Die, um nicht in Destruktion und Verwüstung zu enden, darauf vertraut und es benötigt, dass die dingliche und menschliche Umwelt mithält und mit-aushält, mit ihrerseits sicheren Grenzen auch – und ohne Rachsucht - gegenhält.
Der leidenschaftliche Selbstausdruck richtet sich in seinen aggressiven, angreifenden Komponenten gegen etwas Störendes, Schmerzhaftes, gegen Bedrohung, Unwohlsein, Spannungszustände oder auch nur Gleichgültigkeit, all dies soll weg aus dem Organismus oder aus der Umwelt. Insofern ist Leidenschaft, gerade auch die sexuelle, gar nicht vorstellbar ohne Aggression gegen das der Befriedigung im Wege stehende, immer auch sich in eigenen Ich-Grenzen sträubende unwillige Gegenüber, das sich, wie Balint5 es nannte, schließlich der „Eroberungsarbeit“ ergibt.
Das Neue, das durch die Aggression und Angriffslust bewirkt und erschaffen werden soll, strebt das subjektiv Bessere an.


Wer (ab)springen, wer (um)fallen kann, kann wollen und sich hingeben, braucht nicht Kasper nicht Teufel zu bleiben. Beide im übrigen sind bekannt dafür, dass sie keine Eltern und keine Kinder haben, - Kasper und Teufel haben immer nur eine Großmutter und das reicht nicht, um eine Vorstellung von der generativen Idee des Lebens zu haben.


siehe:

http://www.psychoanalyse-aktuell.de/artikel/detail/news/leidenschaftliche-aggression-al...

Zu vorsichtig zu werden ist hoch problematisch.


Liebe zärtliche Grüße :-)

Stefan

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Aggression und Lebensfreude (Teil 2)

Philipp, (vor 3515 Tagen) @ stefan

Man kann dort Texte anbieten.

Philipp

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Aggression und Lebensfreude (Teil 2)

agno, (vor 3515 Tagen) @ stefan

Lieber Stefan,
dass wehrhafte Menschen sich einiges einfacher in ihrem Leben machen, das ist mir auch schon aufgefallen.
Ein paar eigene Sätze, ein paar kopierte Seiten und der Link zu einer Theorie...
Das berauscht mich nicht.
Wie steht es mit deiner Lebensfreude?
Korreliert die bei Dir eher mit deiner Leistungsfähigkeit?
Oder damit dass Du jemand, wie ich deine Texte verstehe, aggressiv zusammenfaltest?

fast kuschlige Grüße von agno

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Ach du Schxxxse ...

Boggy, (vor 3515 Tagen) @ stefan

Zudem würde ich mich über weitere Anregungen, Ideen gerade auch von MS-Betroffenen hier freuen, zumal MS-Betroffene ja häufig damit konfrontiert sind, sich selbst schon viel zu aggressiv und schlecht zu behandeln, (...)

Ach was!!??!!
Wie kommst Du denn darauf?!
Wir behandeln uns selbst zu aggressiv?!?
Wer hat Dir denn das Märchen erzählt?

Das geht deutlich in Richtung Schwarze Psychosomatik-Schrott, den Du doch selbst hinläglich kennst. ...

Boggy und ich sind ausgesprochen freundlich miteinander ... :-D

Gruß
Boggy

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

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P.S.

Boggy, (vor 3515 Tagen) @ stefan

Ich frage mich übrigens, ob ich das Einstellen so langer Textbeiträge Deinerseits - angesichts meiner "kognitiven Störungen" -
als einen aggressiven Akt betrachten soll ... ;-)

Nichts für ungut ...

Gruß
Boggy

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

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Aggression und Lebensfreude

Amy, (vor 3514 Tagen) @ stefan

an dieser Stelle möchte ich nur einen Lektüre-Tipp dalassen:

"Lernfall Aggression"


Von H.P. Nolting

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Aggression und Lebensfreude

Idefix, Körbchen, wenn ich nicht gerade rumflitze, (vor 3514 Tagen) @ stefan

Stefan, es gibt einen passenden Bibelspruch:
Du sollst Deinen nächsren lieben, wie Dich selbst...

Im Umkehrschluß heißt das, zuerst must Du Dich annehmen und akzepzieren.
Das ist Arbeit. Es heißt nicht , daß Du zum Egomanen und Narzisten werden mußt,. Viel mehr muß man seine eigene Imperfektion annehmen,
Sich und sein Handeln mit einem Augenzwinkern betrachten und sich selbst nicht so bierernst nehmen
Psychoanalysespannend sein aber man darf dabei nicht vergessen zu leben...
:-D

Schnuffelige Grüße

Idefix
:heelsr: :heelsr:

Ab Samstag, das Ungeheuer von Wellness...:-D einfach mal nur verwöhnen lassen, die Seele baumeln lassen...

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