MS, EBV, 1 Jahr + ~ 60.000 (Allgemeines)

Boggy, Freitag, 24.03.2023, 14:16 (vor 453 Tagen)

Wir erinnern uns:
Vor etwas mehr als einem Jahr erschien in der Zeitschrift "Science" (Jan 2022, Vol 375, Issue 6578, pp. 296-301) ein Artikel über mögliche Zusammenhänge von MS und dem Epstein-Barr-Virus (EBV), der für viel Aufsehen gesorgt hatte (auch "Harvard-Studie" genannt).
=>
"Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis."

https://www.science.org/doi/10.1126/science

Dort gab es u.a. die spektakuläre Aussage, daß das Risiko an MS zu erkranken nach einer EBV-Infektion 30fach größer war ("Risk of MS increased 32-fold after infection with EBV ").
Diese plakative Aussage, gut geeignet um Aufmerksamkeit zu erzeugen, wurde dann auch in der folgenden Berichterstattung mit Freuden aufgegriffen.

Doch diese Aussage ist mehr als fragwürdig; und sie wird auch tatsächlich schon in Reaktionen auf den Artikel, die dem Artikel als "eLetters" angehängt sind, infrage gestellt:
Z.B.:

"Jennifer Massey, Ian Sutton, beide: Neurologist, Department of Neurology, St Vincent’s Clinic; Darlinghurst, NSW 2010, Australia.

Das Risiko, an Multipler Sklerose (MS) zu erkranken, steigt mit einer EBV-Infektion, aber es ist noch nicht bewiesen, dass eine EBV-Infektion eine Voraussetzung für die Entwicklung der Krankheit ist. Bjornevik et al. (1) identifizierten retrospektiv 35 EBV-seronegative Personen und stellten bei 32 von 33 MS-Fällen eine EBV-Serokonversion vor dem ersten Auftreten klinischer Symptome fest.
(...)
Die begrenzte Häufigkeit der serologischen Tests und das Fehlen von MRT bedeutet, dass diese Studie nicht schlüssig beweisen kann, dass eine EBV-Infektion eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung von MS ist."

Man beachte: Es wird ausdrücklich auf die Zahl 32 hingewiesen => es sind nur 32 Personen, die letztlich die Grundlage bilden für die Aussagen der Studie.
Außerdem weisen die Autoren darauf hin, daß es durchaus mehr Fälle von MS ohne vorherige EBV-Infektion gibt. ("Obwohl vermutet wird, dass eine seronegative Person mit MS möglicherweise fehldiagnostiziert wurde, wird 7,5 % der MS vor dem Alter von 20 Jahren diagnostiziert (6), und in einer kürzlich durchgeführten Studie mit 356 pädiatrischen MS-Fällen mit einem Durchschnittsalter von 15,2 Jahren waren 8,2 % der Fälle EBV-seronegativ(7).")

Die Studie fiel außerdem durch ihre Hypothese auf, daß EBV MS verursacht: "Wir haben die Hypothese getestet, dass MS durch das Epstein-Barr-Virus (EBV) verursacht wird (...) Diese Ergebnisse können durch keinen bekannten Risikofaktor für MS erklärt werden und legen EBV als Hauptursache für MS nahe."

Mal abgesehen davon, daß diese feine Relativierung - "legen nahe" - in der Berichterstattung meist weggelassen wurde, gibt es auch schon in den "eLetters", die dem Artikel beigefügt sind, als direkte Reaktionen anderer Mediziner Widerspruch; z.B.

"Bert 't Hart, Amsterdam University Medical Center (VUmc), Peter Stys, University of Calgary , Canada, u.a.:
Das Rätsel, warum die nahezu allgegenwärtige Exposition gegenüber EBV nur in 0,1 % der Fälle MS auslöst, bleibt jedoch ungelöst. Es wird eine genetische Erklärung vorgeschlagen, doch muss es sich dabei um ein seltenes Allel [unterschiedlichen Varianten eines Gens] handeln, da die Prävalenz des dominanten MS-Risiko-Haplotyps HLA-DR2 etwa 20 % beträgt.
Möglicherweise ist die EBV-Infektion auch nicht der Auslöser der MS, sondern prägt eher die sekundäre Immunantwort auf die primäre Myelinschädigung (2).
(…)
Folglich können wir nicht von EBV als einer 'Hauptursache für MS' sprechen, sondern eher als einem führenden 'Risikofaktor' für die Krankheit. Ein erweiterter Blick auf die ersten Schritte in der MS-Pathogenitätskaskade ist dringend erforderlich."

Wir haben diese Fragen ausführlich hier im Forum diskutiert; u.a. hier=>
"32-faches Risiko - fragwürdig?"
http://www.ms-ufos.org/index.php/index.php?id=74684

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Inzwischen finde ich auch an anderer Stelle deutliche Kritik:

"The Journal of Clinical Investigation"
https://www.jci.org/articles/view/164141

"Der Fall in den biologischen Kaninchenbau: Epstein-Barr-Virus, Biografie und Multiple Sklerose"
= > "The Journal of Clinical Investigation": "Falling down the biological rabbit hole: Epstein-Barr virus, biography, and multiple sclerosis;
Ralph I. Horwitz,1 Allison Hayes-Conroy,2 Burton H. Singer,3 Mark R. Cullen,4 Kimberly Badal,5 and Ida Sim6
Published September 1, 2022

(...) Die Ergebnisse scheinen einen seit langem bestehenden Verdacht zu bestätigen, der EBV mit MS in Verbindung bringt, und veranlassten viele dazu, einen EBV-Impfstoff zur Prävention von MS zu fordern. Eine genauere Untersuchung des Artikels zeigt jedoch, dass die Analyse unvollständig war und die Daten falsch wiedergibt. Tatsächlich bestand ein starker Zusammenhang zwischen EBV und MS nur bei denjenigen, die sich erst kürzlich während des aktiven Militärdienstes infiziert hatten.
(...)
Es gibt bereits eine wachsende Zahl von Hinweisen darauf, dass die Erfahrung des Militärdienstes tatsächlich die Anfälligkeit für Krankheiten beeinflusst."

Gruß
Boggy

(Bitte tags - EBV, Epstein-Barr-Virus)

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Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

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EBV, Epstein-Barr-Virus

Kleine Ergänzung

Boggy, Freitag, 24.03.2023, 14:24 (vor 453 Tagen) @ Boggy

Es gibt bei der "American Society for Biochemistry and Molecular Biology" einen Artikel, auf den ich nun nicht weiter eingehen kann, der sich ebenfalls kritisch mit der Harvard-Studie auseinandersetzt, einschließlich des Artikels aus "The Journal of Clinical Investigation".
Alles leider in Englisch, aber ich möchte das nicht unerwähnt lassen:

https://www.asbmb.org/asbmb-today/science/121722/scientists-debate-role-of-ebv-in-ms

"Scientists debate the role of a virus in multiple sclerosis
A recent study offers the strongest evidence yet of the link between Epstein-Barr virus and MS. Not everyone is convinced"
; Elizabeth Preston, Dec. 17, 2022"

Gruß
Boggy

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EBV, Epstein-Barr-Virus

Sorry, Fehler übersehen

Boggy, Freitag, 24.03.2023, 14:28 (vor 453 Tagen) @ Boggy

Dort gab es u.a. die spektakuläre Aussage, daß das Risiko an MS zu erkranken nach einer EBV-Infektion 30fach größer war ("Risk of MS increased 32-fold after infection with EBV ").

Sorry, Alter schützt vor Fehlern nicht ... ;-)

Es muß natürlich heißen: 32fach

B.

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EBV, Epstein-Barr-Virus

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B B b B + ~ 60.000

naseweis ⌂ @, in meinem Paradies, Freitag, 24.03.2023, 14:53 (vor 453 Tagen) @ Boggy

Wir erinnern uns:

Boggys Beiträge bringen Besucher
(…)
Offensichtlich trifft Boggy die Themen, die Menschen mit MS interessieren. Da kniet er sich rein, fasst das Thema begreiflich zusammen.

Danke und ad multos annos :wink:

Folglich können wir nicht von EBV als einer 'Hauptursache für MS' sprechen, sondern eher als einem führenden 'Risikofaktor' für die Krankheit. Ein erweiterter Blick auf die ersten Schritte in der MS-Pathogenitätskaskade ist dringend erforderlich."
[/i]
Wir haben diese Fragen ausführlich hier im Forum diskutiert; u.a. hier=>
"32-faches Risiko - fragwürdig?"
http://www.ms-ufos.org/index.php/index.php?id=74684

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Gruß
Boggy

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Da setze ich doch gern die passenden Tags. flowers

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während die Natur sich selber hilft (Voltaire)

Sisyphos hatte es auch nicht leicht

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