Die Welt eines Angehörigen (Straßencafé)

stefan ⌂ @, Berlin, Donnerstag, 20.05.2021, 14:21 (vor 28 Tagen)

https://m.faz.net/aktuell/politik/inland/pflegende-angehoerige-der-andere-pflegenotstand-17341950.amp.html

Ziele und Ansichten


Die sich ständig verändernden Sicht auf das eigene Leben und die eigene Welt, ich glaube, das könnte ein interessantes Thema sein, sich dazu auszutauschen.

Gerade wenn man selbst im Rollstuhl sitzt, plötzlich viel Zeit hat, Bedeutungen sich grundsätzlich verschieben.

„Es schadet nicht mit Behinderung konfrontiert zu sein“, hat vor vielen Jahren mal ein Professor zu mir gesagt, ich bin sicher, da kann es unterschiedliche Ansichten geben.

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Alles was lebt ist heilig.

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Welche Option, von zwei schlechten, würdest Du wählen?

agno @, Donnerstag, 20.05.2021, 15:35 (vor 28 Tagen) @ stefan

Hi Stefan
Schwieriges Thema!
Wenn Du aussuchen dürftest?
a. Lieber von einem schlecht bezahlten Griesgram mit zuwenig Zeit, schlecht versorgt?
b. Lieber von jemand gut versorgt, der sich und sein Leben dafür opfert?

gruß agno

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Gschafft ist aber noch nix

Weitere Gedanken dazu

stefan ⌂ @, Berlin, Donnerstag, 20.05.2021, 17:04 (vor 28 Tagen) @ agno

Ich versuche inzwischen so gut es geht auf bestimmte Bewertungen, Beschreibungen zu verzichten, gut und schlecht zum Beispiel.

a. Lieber von einem schlecht bezahlten Griesgram mit zuwenig Zeit, schlecht versorgt?

Wer möchte schon schlecht versorgt werden? Wer möchte überhaupt schlecht behandelt werden, was ist das für eine Frage?

b. Lieber von jemand gut versorgt, der sich und sein Leben dafür opfert?

Auch die Beschreibung, dass jemand sein Leben „opfert“, die gefällt mir so überhaupt nicht.

Ich glaube nicht, dass ich das Gefühl hätte, gut versorgt zu sein, wenn sich jemand für mich opfert. Eine gewisse Freiwilligkeit gehört eben dazu.

Was ich in dem Artikel interessant finde ist vor allen Dingen die Beschreibung, dass die Ziele und Vorstellungen dieses Paares sich deutlich voneinander entfernt haben.

Der Mann will kämpfen, die Frau will in gewisser Weise Ruhe.

Was sind meine Wünsche und Ziele? Was ist mir wichtig?

Ich bin gerade dabei, mir beziehungsweise meinem Elektrorollstuhl einen barrierefreien Weg ins Haus und wieder hinaus zu beschaffen. Gleichzeitig stellt sich parallel die Frage, ob das so sinnvoll ist, dass ich weiterhin hier am Stadtrand in diesem Haus lebe, und ob zum Beispiel eine Wohngemeinschaft auf die eine oder andere Art nicht angemessen wäre.

Ich habe bereits mit dem Pflegedienst telefoniert, und mal angefragt, ob ich nicht probeweise mal in eine solche Wohngemeinschaft ziehen könnte, aber so einfach ist das wohl nicht, und ob ich mich mal für eine Woche Verhinderungspflege ins Heim verlegen lasse?

Was ich sonst so höre ist eher, dass entsprechend betroffene Menschen versuchen aus so einer Wohngemeinschaft zurück in eigenen Wohnraum zu kommen.

Oder ich nutze das zweite Zimmer hier und gründe eine Pflege-Wohngemeinschaft?

Der Mann in dem Artikel beschreibt sich selbst meiner Wahrnehmung nach sehr ausgeliefert. So als hätte er keine Wahl. Er will dagegen ankämpfen.

Bei seiner Frau habe ich das Gefühl, sie weiß teilweise, sie hat keine Wahl, aber sie will nicht dagegen ankämpfen. Und sie will auch nicht gegen den Mann ankämpfen.

Der Glaube daran, möglichst viel selbst beeinflussen zu können, selbst geschaffene Realitäten, werden schnell zur Hölle. Auf der anderen Seite: gar nichts tun, sich einfach ergeben, das kann sehr einsam werden.

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Weitere Gedanken dazu

agno @, Donnerstag, 20.05.2021, 19:28 (vor 28 Tagen) @ stefan

Stefan, ich stimme Dir bei allen Gedanken zu.
Aber es gibt "Naturgesetze" die ein Eigenleben, zum Schaden der Pflegebedürftigen, entwickeln.

Wenn Du dagegen angehen möchtest, brauchst Du:
1. Freunde mit Herz und Hirn
2. Klugheit
3. Geld
4. Eigene Großherzigkeit
5. Hohe Schmerztoleranz
6. Glück

Das ist verdammt viel.
Ansonsten bleibt ein pokern:

a. Technische Optimierung vom eigenen Wohnraum, um alles so zu organisieren dass dein selbstständiges Leben für alle Personen die tangiert werden, billiger und bequemer ist.

b. Frühzeitig ein nettes Pflegeheim suchen und lernen mit wenig Bedürfnissen glücklich zu sein. Gleichzeitig externe Kontakte pflegen.

c. Weiter wie bisher, weil es gut so ist, weil es gut gehen könnte und weil Veränderungen große Löcher in aktuellen Kapazitäten reißen würden.

Gruß agno

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Gschafft ist aber noch nix

Weitere Gedanken dazu

stefan ⌂ @, Berlin, Donnerstag, 20.05.2021, 21:04 (vor 28 Tagen) @ agno

Im Prinzip habe ich mich zwei Jahre lang zurückgezogen, mit mir selbst gelebt, selten Langeweile, selten Einsamkeit, ich glaube, ich komme inzwischen gut mit mir zurecht. Und gleichzeitig kann ich mir den Vorwurf machen: ich bin feige indem ich nichts tue.

Insofern könnte es mir an Klugheit mangeln, raus aus der Bequemlichkeit, gerade auf der Suche nach den Löchern meiner Kapazitäten.

Es müsste nicht mal ein entweder oder sein, ich könnte in eine Wohngemeinschaft ziehen und meine Hütte trotzdem behalten, glaube ich.

Ein älteres kleines Haus am Stadtrand von Berlin mit großem Garten, das ist inzwischen fast schon ein „Palast mit Park“, so wie sich das ringsherum hier verdichtet, selten geworden, ein Luxus.

Nun gehen mir die Ausreden aus, das Krankengeld ist durch, die Reha erfolgt, der Rentenbescheid eingetroffen, formal ist praktisch alles geklärt.

Und nun?

Ich glaube, ich sollte es wirklich mal ausprobieren, kennt jemand eine Wohngemeinschaft oder wo finde ich eine Wohngemeinschaft, wo ich einmal eine Woche lang einziehen kann?

Respektive, wer hat Lust einmal eine Woche bei mir einzuziehen?

Am Zugang mit dem Rollstuhl plane ich gerade noch, das lässt sich aber lösen, ansonsten sehe ich nicht viel, was verbessert werden müsste.

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Weitere Gedanken dazu

agno @, Donnerstag, 20.05.2021, 22:02 (vor 28 Tagen) @ stefan

Deine Intention scheint logisch, klar und gut.
Aber, hmpf, irgend etwas unfassbares passt nicht. So als ob sozialer Kontakt ein Konsumgut wäre. Mir fehlt in deiner Art zu schreiben eine Grundfreude im geben.
Naja, wahrscheinlich macht das die Onlinetechnik.
Ich wünsche viel Erfolg.
Gruß agno

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Gschafft ist aber noch nix

Ein Experiment

stefan ⌂ @, Berlin, Donnerstag, 20.05.2021, 22:23 (vor 28 Tagen) @ agno

Das erscheint mir merkwürdig, ist für mich doch jede Beziehung ein wechselseitiger Prozess, ganz automatisch ein Geben und Nehmen, keine Einbahnstraße.

Ich biete also sehr viel von mir. Werfe mich hier in den Ring, unterbreite ein Angebot, und mir scheint es eher wahrscheinlich, das ist viel zu viel von mir und viel zu wenig Idee von „Konsum“.

Ich öffne meine Türen oder verzichte auf meinen Schutzraum und stelle mich zur „Verfügung“.

So zumindest die Idee, eine Art Projekt mit offenem Ausgang.

Ein Experiment.

Ich hatte hier bereits Wohngemeinschaften, allerdings mit Menschen ohne Pflegegrad, entsprechend Berufungen und viel unterwegs.

Im Haus lebt seit über einem Jahr eine Mitbewohnerin, die sich mit um den Garten kümmert, ihre eigene Wohnung hier hat...

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