Ein hervorragender Beitrag von Nathalie Beßler! (Allgemeines)

W.W. @, Donnerstag, 01.07.2021, 13:27 (vor 33 Tagen) @ naseweis

Die ZIMS ist eine erstaunliche MS-Zeitschrift: spannend, verlässlich, patientennah, die den Veröffentlichungen der DMSG den Rang abgelaufen hat! Im aktuellen Heft geht es um die Stigmatisierung der MS-Betroffenen.

'Stigma' stammt aus dem alten Griechenland: Wer etwas Verurteilenswertes begangen hatte, wurde 'stigmatisiert', d.h. ihm wurde ein Zeichen in die Haut geritzt. Werden MS-Betroffene überhaupt stigmatisiert, könnte jemand fragen, dem es um knallharte Fakten geht?

Es gibt zwei Arten von Aussagen: die einen sind naturwissenschaftliche und statistische Fakten, die oft entsetzlich unpersönlich sind und je nach Interpretation in einem anderen Licht erscheinen, das andere ist die phänomenologische Sichtweise, was manche als 'gefühlsmäßigen Brei' verunglimpfen, aber dem Leser das Gefühl vermittelt: "So ist es!" Das letztere geschieht in der neuen ZIMS. Ein besonders treffendes Beispiel:

Während an Patient*innen mit Lungenkrebs das Stigma "Zu viel geraucht!" und an Menschen mit Übergewicht das Stigma "Zu viel gegessen!" haftet, sehen sich MS-Betroffene mit dem Stigma "Bald im Rollstuhl!" konfrontiert.

Früher wurden überwiegend Menschen mit schweren Behinderungen diagnostiziert, was aber heutzutage keineswegs mehr der Fall ist. Deswegen sollte sich das Bild, dass der Laie von der MS hat, schon längst gewandelt haben. Hat es aber nicht! Es bleibt der Hauptvorwurf: Wenig belastbar!"

Woran liegt das? An den Zeitungen und den Medienberichten über MS, für die es immer noch die schlechten Nachrichtungen sind, die den Leser anziehen. Die, die es besser wissen müssten, also die Ärzte und ihr Personal, sind keineswegs ausgenommen, weil sich am desolaten Image der Krankheit am besten verdienen lässt - wie früher auf Jahrmärkten.

Ein Mensch, dem es trotz seiner MS gutgeht, scheint niemanden zu interessieren. Höchstens dann, wenn er die Medikamente, die ihm die Neurologen anbieten, ablehnt. "Selbst schuld!", wenn jemand die helfende Hand nicht annehmen will. Dazu kommt oft noch etwas anderes, nämlich die vorwurfsvolle Frage: "Man sieht Ihnen ja gar nicht an, dass Sie MS haben!"

Nathalie Beßler verschweigt auch nicht die Selbststigmatisierung. Wer sich dem Mainstream der Meinungen anschließt und nicht seine Selbstständigkeit anstrebt, schadet sich selbst, meint sie. Daneben gibt es auch das verheerende Selbstmitleid, das sich darin äußert, dass es sich Betroffene mit ihrer Krankheit zu bequem machen und sich damit selbst einen Bärendienst erweisen, indem sie sich bedauern und bedienen lassen, obwohl sie es eigentlich gar nicht nötig hätten.

Was Nathalie Beßler hier vorlegt, ist eine sehr feinfühlige Analyse. Viele Menschen lieben es, MS-Betroffene in Schubladen zu stecken. Könnte es auch ohne diese Stigmatisierung gehen? Indem z.B. Betroffene von den Krankenkassen schneller und großzügiger mit Hilfsmitteln versorgt würden, um mit ihrer MS besser zurecht zu kommen. Dass Hilfsmittel, Krankengymnastik und Ergotherapie vor Medikamenten stehen!

Der Weg ist naheliegend. Aber es sind noch viele Vorurteile zu überwinden.

W.W.


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