Porzellanfiguren, magische Schwerter (Straßencafé)

Karo, Mittwoch, 16.06.2021, 13:44 (vor 48 Tagen) @ stefan

Die erste Frage ist glaube ich: was fühle ich jetzt?

Dann diesem Gefühl einen Namen geben, eine große Auswahl gibt es da nicht, und an der Stelle wahrscheinlich dann die Reflexion stoppen, bei dem Gefühl bleiben, allenfalls bei dem Namen.

Mit dem Namen ist es schwierig, etwas benennen oder ansprechen oder "beim Namen rufen" wie in Jesaja 43,1 ist das wohl stärkste Empfinden, Erleben, Durchdringen, Erkennen und vor allem: Sich-zu-eigen-machen, das ich mir vorstellen kann. Jemandem bei seinem Namen zu rufen - das ist unmenschlich, eine Anmaßung, ein Gewaltakt, eine Ungeheuerlichkeit.

Was mich gerade mehr beschäftigt ist die Frage: wie „sekundär narzisstisch“ ist das ganze? Alleine im Gefühl bleiben, auch alleine nachdenken, ...wo sind die anderen? Welche Bedeutung haben andere?

Darüber nachzudenken finde ich viel interessanter als die Frage nach dem Namen. Wo die anderen sind, scheint mir klar, sie sind immer schon da - im Vergangenen, das in der Gegenwart nachwirkt und ggf. auf das Künftige einwirkt, egal ob bewusst / gesteuert oder nicht.

Bleibt zu fragen, wer die anderen sind - und da bin ich vor einiger Zeit auf einen viel versprechenden Roman gestoßen, den ich bald lesen will - Maria Stepanova: Nach dem Gedächtnis. Suhrkamp: Berlin 2018.

Der Roman verhandelt literarisch die Frage, ob sich aus "[] Briefen, Fotos, Porzellanfiguren die Gestalt der Vergangenheit rekonstruieren [lässt]? Welchen Bildern ist zu trauen? Welchen Zeugnissen? Um vom Leben ihrer russisch-jüdischen Familie erzählen zu können, erschafft Maria Stepanova einen Gedächtnisraum, in dem die Stimmen einer ganzen Epoche widerhallen und Dinge des privaten Lebens zu Exponaten eines Geistermuseums werden." (Quelle: Klappentext; hier ein Interview mit der Übersetzerin Olga Radetzkaja)

Ich hoffe, dass ich bald dazu komme, den Roman zu lesen, im Moment ist mein Alltag zu unruhig, um mich auf einen solch komplexen Text einzulassen, es wäre Verschwendung, jetzt damit anzufangen.

Aber der Hinweis auf die Porzellanfigur, die so vieles verkörpert, ist vielversprechend, darin steckt die Idee einer literarischen "Ding-Biografie". Als literarisches Phänomen gibt Ding-Biografien schon seit dem Mittelalter, das "magische Schwert", das Amulett, der Fetisch usw., all die Erzählungen, die sich damit verknüpfen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Was würde denn passieren, wenn man die Porzellanfigur wegwirft? Bleibt die zugehörige Geschichte dann nicht trotzdem im Gedächtnis, erst recht? Umso prägender - weil sie das sowieso immer schon war?

Das magische Schwert im Mittelalter-Epos kehrt schließlich auch immer wieder zu seinem rechtmäßigen Besitzer (oder dessen männlichen Nachfahren) zurück. Man kann es nicht loswerden, nur weil man es will; das magische Ding wird erst verschwinden, wenn es sein Schicksal erfüllt hat - oder: wenn sein Schicksal sich erfüllt hat -, dann fällt es meist in ein loderndes Feuer und verglüht oder so ähnlich, und die Geschichte ist zu Ende, auserzählt. Das wäre jedenfalls eine typische Dramaturgie.

Um auf die Frage zurückzukommen, wer die anderen sind - Porzellanfiguren, magische Schwerter, vergangene und gegenwärtige Stimmen, Erinnerungen an gestern und vorgestern, Pläne für morgen und übermorgen, Begegnungen von heute usw. usf.

Das scheint mir eher auf eine gewisse Form von „Wahnsinn“ hinzuweisen, zu glauben, ich sei autark, könnte das alles mit mir alleine ausmachen.

Der gelebte Augenblick mag dunkel sein, erst mal sprachlos, aber was sind wir ohne die andern?


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