"Über Marx hinaus" - das Multiversum (Straßencafé)

Karo, Samstag, 01.05.2021, 19:11 (vor 7 Tagen) @ Boggy

Heraus zum 1. Mai
https://youtu.be/prz3MneQyo4 [in neuem Fenster/Tab zu öffnen]


Die Arbeiter*innenklasse heute:

"Die Working Class ist vielfältig geworden – weiblicher, migrantischer, eher in Dienstleistungsberufen angestellt –, aber noch immer gilt: Es sind Menschen, die arbeiten, um Geld zum Leben zu haben.
Menschen, die keine Unternehmensanteile halten, über keine Mietshäuser verfügen, keine Erbschaften erwarten.
Menschen, für die es heißt: Nettoeinkommen gleich Monatsbudget.
Folgt man dieser Logik, sind auch in Deutschland die meisten Menschen Arbeiter. Denn obwohl die Wirtschaft nun ein Jahrzehnt lang wuchs, hat die Mehrheit in diesem Land kaum Kapital, kein Vermögen.
Die Menschen sind angewiesen auf den Ertrag ihrer Hände, ihrer Köpfe. Viele von ihnen haben den Eindruck, dass Arbeit allein nicht mehr genügt, um sich Wohlstand aufzubauen."

Quelle:
https://www.arte-magazin.de/gutes-leben-zu-teuer/
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"In demselben Maße, worin sich die Bourgeoisie, d.h. das Kapital, entwickelt, in demselben Maße entwickelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter, die nur so lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt.
Diese Arbeiter, die sich stückweis verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.
(...)
Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die anderen Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw."

Quelle:
Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei; geschrieben im Dezember 1847/Januar 1848.

http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm

"Damit kommen wir zum dritten Punkt. In der Marx'schen/marxistischen Tradition wird ein bestimmtes Segment der Weltarbeiterklasse gegenüber anderen Segmenten privilegiert. Kern dieses bevorzugten Segments ist der doppelt freie Lohnarbeiter, der 'als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt ' und 'andre Waren nicht zu verkaufen hat.' [...]

Im gemeinsam mit Engels verfassten Manifest der Kommunistischen Partei vom Dezember 1647/Januar 1848 ist das Exklusionsdenken klar erkennbar. [...]

Eine solche Exklusionspolitik ist irreführend. Erstens haben in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung 'unreine' Elemente eine überragende Rolle gespielt - zum Beispiel die verlagsmäßig arbeitenden schlesischen Weber [...] oder auch die frühen sozialdemokratischen Arbeiterparteien, in denen oft Kleinunternehmer [...] und Akademiker vorherrschten. Und zweitens haben die doppelt freien Lohnarbeiter im Weltmaßstab immer eine ziemlich unbedeutende Rolle gespielt."

"Auch das Konzept der 'Arbeiterklasse' bedarf einer kritischen Überprüfung. Es scheint, dass dieser Begriff im 19. Jahrhundert eingeführt wurde, um eine Gruppe sogenannter 'respektierlicher' Arbeiter von Sklaven und anderen unfreien Arbeitenden [...] und armen Außenseitern, dem Lumpenproletariat, abzugrenzen.

Aus vielen Gründen [...] ist eine solche Interpretation für den globalen Süden schlichtweg unangemessen. Diejenigen sozialen Gruppen, die im Blick der alten und neuen Geschichte der Arbeit quantitativ unbedeutend sind [...] sind die Regel in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.[...]

Wir müssen einsehen, dass die 'richtigen' Lohnarbeiter, die als freie Individuen, die über ihre Arbeitskraft als Ware verfügen und keine andere Ware zu verkaufen haben, nur eine Erscheinungsform sind, in der der Kapitalismus Arbeitskraft in ein Handelsgut verwandelt.

Es gibt zahlreiche weitere Formen [...], wie zum Beispiel Sklaven, Kontraktarbeiter, Schuldknechte, Teilpächter, (Schein-)Selbständige usw. Wenn wir nun aber annehmen, dass die Marx'schen 'doppelt freien Lohnarbeiter' nicht mehr der strategische und privilegierte Teil der Weltarbeiterklasse sind, und dass Sklaven, Kontraktarbeiter [usw.] im Kapitalismus theoretisch 'gleichberechtigt' sind, dann hat dies weitreichende Folgen für die Theoriebildung. Denn dann ist wahrscheinlich nicht nur die Marx'sche Werttheorie überholt, sondern auch die Revolutionstheorie muss völlig neu durchdacht werden."

Aus: Marcel van der Linden/ Karl Heinz Roth: Einleitung. In: dies. (Hg.): Über Marx hinaus. Berlin: Assoziation A 2009, 7-28. Hier 19 ff. und 23 f. [Kursiv im Original; Absätze von mir]

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