Trost und trösten (Allgemeines)

Boggy, Freitag, 30.04.2021, 13:25 (vor 14 Tagen)

Mir ist ein Buch über den Weg gelaufen. Es geht um Trost und trösten.

(Frank-M. Staemmler: Resonanz und Mitgefühl: Wie Trost gelingt
https://www.klett-cotta.de/media/14/9783608892697.pdf )

Ich habe nur die Einleitung gelesen, also diese pdf-Veröffentlichung.

Aber das Thema „Trost und Trösten“ ist bei mir hängen geblieben.
Ich finde gutes Trösten fast schon eine Kunst. Es kann so schwer sein unter bestimmten Umständen. Jedenfalls geht es mir so. Etwas, das guten Glaubens als Trost gemeint ist, kann tatsächlich verletzend sein, z.B. weil man die leidvolle Lage des Mitmenschen gar nicht richtig begriffen hat, und weil das in diesem falschen Trost spürbar wird. Eine weitere, schmerzhafte Erfahrung des Entfernt- und Unverbundenseins für denjenigen, der getröstet werden sollte.

Und dann gibt es die Begegnung mit einem Menschen, der tatsächlich in einer trost-losen Lage ist. Wo kein Trost möglich ist, wo das Leid, die furchtbare Erfahrung, das normale Maß des Begreifens und Mitfühlens durch mich übersteigt, wo ich auch selbst weit und breit nichts sehen kann, was Trost bringen könnte.
Und wo der Versuch des Trostes in der trost-losen Lage nur deutlich macht, daß ich die Lage völlig verkenne, und damit neues Leid erzeuge.
In so einer Situation ist der Versuch von Trost eine ungeheure Anmaßung.
Was mir dazu nur einfallt, ist, daß ich mich bemühen kann, mein Da-Sein, mein Mit-Sein in irgendeiner Form auszudrücken. Einzig zum Ausdruck zu bringen: ja, ich sehe dein Leid, ich bezeuge es vor der Welt. Eine so schwere Aufgabe, ein so schweres Bemühen, wie ich finde.
Das klingt wahrscheinlich jetzt sehr pathetisch, aber ich gehe dieses Risiko ein.

Wie reagiere ich als Tröstender, als jemand, der trösten will, angemessen, wirklich unterstützend, mit gutem Trost, soweit möglich – das ist ein Aspekt.
Was kann überhaupt trösten – ist ein anderer.

Ich möchte jetzt ein Zitat wiedergeben, das mir ins Auge fiel, und das ich auch für bedeutsam halte:
„Ein ähnlich erscheinendes, aber völlig anders motiviertes Phänomen kann sich im Kontext von helfenden Berufen, z. B. bei Psychotherapeuten, zeigen. Hier ist manchmal von einem »compassion fatigue« die Rede, das sich bei ansonsten einfühlungsbereiten Menschen einstellen kann, wenn sie von einer lange andauernden Konfrontation mit dem Leid anderer erschöpft oder überfordert sind und dadurch unter »sekundärem traumatischem Stress« leiden.“

Es kommt hier etwas zur Sprache, das ich auch schon bei mir selbst bemerkt habe: in den Phasen, in denen ich selbst überlastet bin durch die leidvollen und bedrückenden Erfahrungen meines Lebens mit der MS, und kaum noch Kraft habe für mich selbst, bin ich kaum noch in der Lage, mitfühlend mich auf Freunde einzulassen, die mit eigenem Leid zu mir kommen. Das ist eine schwierige, beinahe tragische Situation. Mir bleibt da nur Offenheit. Ein „ich begreife, was du mir erzählst, und ich habe selbst zur Zeit nicht genügend Kraft, um mehr für dich da sein zu können“.

Soweit mal ein paar Gedanken und Überlegungen …

Gruß
Boggy

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Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.


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