Kurt Goldstein und die Gestalttheorie (Allgemeines)

Boggy, Freitag, 16.04.2021, 17:00 (vor 27 Tagen) @ W.W.

Er war wohl der Ansicht, dass Menschen, bei denen eine bestimmte Hirnregion zerstört worden war, durchaus nicht der Fähigkeiten verlustig ging, die sich in diesem Hirnbezirk angesammelt hatten, sondern dass diese langsam von benachbarten Hirnregionen übernommen werden konnten.

In gewisser Weise ähnelte sein Ansatz also Sonja Wierk.

Die Neuauflage seines Werks 'Der Aufbau des Organismus' erschien mit einem Vorwort von Oliver Sacks.

Ich bin mir nicht sicher, ob Sie Goldstein hier zutreffend wiedergeben. Anders gesagt, ich habe meine Zweifel. Meine eigene Beschäftigung mit Goldstein liegt schon relativ lange zurück, und meine Erinnerung ist nicht mehr gut genug. Ich kann mich aber jetzt nicht erneut einarbeiten (obwohl es mir sicher wieder Freude machen würde).

Das Vorwort von Oliver Sacks erscheint in der englischen, nicht der deutschen Neuauflage.

Ich empfehle nochmals die umfangreiche, sehr informative (!) Einführung in Goldsteins "Aufbau des Organismus" für alle, die mehr wissen möchten s. link (pdf) =>

http://www.th-hoffmann.eu/downloads/Hoffmann.Stahnisch.2014-Zur_Einfuehrung.pdf

Und zitiere hier nochmal daraus, vielleicht bringt das etwas Erhellung:

"Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommen tausende Soldaten mit Kopfverletzungen an GOLDSTEINs Institut in Frankfurt. Darunter auch ein 24jähriger Bergarbeiter, der 1915 als Soldat durch einen Minensplitter im Bereich des Hinterhaupt- und Schläfenlappens verletzt wird und als „Fall Schneider“(siehe GELB/GOLDSTEIN1918)in die Geschichte der Neuropsychologie eingeht.

Die hauptsächlichen Ausfallerscheinungen dieses Patienten liegen auf dem Gebiet des optischen Wahrnehmens und Erkennens: Sein Syndrom der „Seelenblindheit“ oder „optischen Agnosie“, das sich in der Unfähigkeit äußert, trotz intakten Sehsinns optische Gestalten, Bilder und Symbole zu erkennen, kann von GELB und GOLDSTEIN erst durch aufwändige experimentalpsychologische Untersuchungen nachgewiesen werden, da der Patient zum Teil unbewusste Strategien entwickelt hatte, mit seinen Störungen umzugehen und diese auf Umwegen auszugleichen.

So hatte er beispielsweise gelernt, mittels Kopf- und Handbewegungen die Gestalt der Buchstabenin einem Text nachzufahren und auf diese Weise zu lesen. Hinderte man ihn daran, indem man etwa seinen Kopf oder seine Hand fixierte, war er dazu nicht mehr in der Lage."

THOMAS HOFFMANN UND FRANK W. STAHNISCH; EINFÜHRUNG: S. XXVII

Gruß
Boggy

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Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.


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