Die Ganzheit des Organismus (Allgemeines)

Boggy, Dienstag, 13.04.2021, 15:40 (vor 28 Tagen)

Ich möchte ein Thema aus der Diskussion mit WW heraus nehmen, und noch einmal - wie schon früher mehrfach - auf den von mir sehr geschätzten Neurologen Kurt Goldstein hinweisen.

Und speziell auf sein Werk:
"Der Aufbau des Organismus. Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen", Nijhoff, Den Haag 1934.

Dies ist vor einiger Zeit in Neuauflage erschienen, und ich möchte gleich ein paar Auszüge aus der Einführung zitieren; zunächst die Quelle (pdf!):

http://www.th-hoffmann.eu/downloads/Hoffmann.Stahnisch.2014-Zur_Einfuehrung.pdf

Hier kann man, neben der Einführung, auch das gesamte Inhaltsverzeichnis des Buches einsehen, und einen ersten Eindruck bekommen.

Dieses Zitat von Goldstein zur Ganzheit von Körper, Geist und Seele aus dem "Aufbau des Organismus" habe ich schon mehrfach hier verwendet:

"Diese drei am menschlichen Organismus zu beobachtenden Erscheinungen werden gewöhnlich unter den Termini 'Geist', 'Seele' und 'Körper' beschrieben.

Es ist dagegen nichts einzuwenden, wenn man sich darüber klar ist, dass damit nicht drei isolierte Seinssphären gemeint sind, die irgendwie sekundär miteinander in Beziehung stehen,

sondern dass es sich bei dieser Charakterisierung um Abstraktionen handelt, jede von ihnen ein künstlich isoliertes Moment organismischen Gesamtgeschehens darstellt."

Und nun Auszüge aus der Einführung:

"Zwischen 1918 und 1932 veröffentlichen GELB und GOLDSTEIN eine umfangreiche Sammlung detaillierter Fallgeschichten („Psycho-logische Analysen hirnpathologischer Fälle“) und schaffen damit eine der Grundlagen für die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sich neu formierende Disziplin der wissenschaftlichen Neuropsychologie, als deren Hauptbegründer GOLDSTEIN gilt.
(...)

GOLDSTEINs Hauptwerk „Der Aufbau des Organismus“ ist ein Werk der Übergänge:

Es überschreitet die disziplinären Grenzenzwischen Biologie, Medizin, Psychologie und Philosophie und markiert zugleich den Übergang zwischen GOLDSTEINs zweiter und dritter Schaffensphase, indem es eine Brücke bildet zwischen seinen früheren neurologischen Arbeiten zum Körper-Seele-Problem und den späteren Untersuchungen zum Verhältnis von Biologie und Philosophie.
(...)

Im Mittelpunkt des Buches steht der Begriff des „Organismus“, den GOLDSTEIN als Einheit von Körper, Geist und Seele begreift.
(...)
Vor dem Hintergrund der Gestalttheorie entwirft Goldstein eine „ganzheitliche“ Betrachtungsweise des Organismus und seiner Tätigkeit, die viele Grundannahmen der späteren Systemtheorie und Kybernetik (BERTALANFFY,WIENER), wie zum Beispiel das Verhältnis von Struktur und Organisation, System und Umwelt, vorwegnimmt und weit über die Grenzen der Medizin hinaus einen allgemeinen, erkenntnistheoretischen und methodologischen Rahmen für die Bearbeitung von Fragestellungen im Kontext der Neuropsychologie und des Körper-Seele-Problems der Philosophie anbietet.

Sein Hauptinteresse gilt dabei einer Überwindung mechanistischer Ansätze in der Medizin und des damit verbundenen kartesischen Dualismus von Geist und Gehirn.
(...)
Wie SPINOZA kommt auch GOLDSTEIN zu dem Schluss, dass Physisches und Psychisches nicht als zwei getrennte Substanzen betrachtet werden dürfen, sondern denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegen.

Ihr Zusammenhang erschließt sich nach GOLDSTEIN erst dann, wenn man als Analyseeinheit den Organismus als Ganzes betrachtet:
„Weder wirkt Psychisches auf Physisches noch Physisches auf Psychisches; so sehr das auch besonders bei oberflächlicher Betrachtung der Erscheinungen der Fall zu sein scheint, handelt es sich doch immer um die Reaktion des Organismus, die wir bald in Abhängigkeit von etwas, was wir Psychisch nennen, bald von etwas, was wir Physisch nennen, betrachten bzw. bei Betrachtung der Wirkung am Index des sogenannten Psychischen oder Physischen feststellen.“ (GOLDSTEIN1934, S. 202)

Körper, Geist und Seele sind unterschiedliche Erfahrungsebenen des Organismus, die GOLDSTEIN – wie die Wahrnehmungsgestalten der Gestaltpsychologie – als Figur-Grund-Geschehen begreift und die sich nur in der Abstraktion voneinander unterscheiden lassen. GOLDSTEIN verliert sich dabei nicht in theoretischen Spekulationen, sondern diskutiert die philosophischen Fragen des Körper-Seele-Problems vor dem Hintergrund der konkreten Erfahrungen seiner klinischen Praxis."

Gruß
Boggy

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Ganzheit


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