Gibt es eine "gutartige MS" überhaupt? (Allgemeines)

W.W. @, Mittwoch, 07.04.2021, 10:33 (vor 31 Tagen) @ W.W.

Boggy hat kürzlich erneut die Frage aufgeworfen, was wir eigentlich darunter verstehen, wenn wir eine MS als "gutartig" bezeichnen. Im Extremfall verlaufen nur 5-6% der MS-Erkrankungen "gutartig", schreibt er, im anderen Extrem sind es 74%. Das scheint nahezulegen, dass der Begriff "gutartige MS" nicht besonders sinnvoll ist.

Ich persönlich halte ihn für sehr wichtig, weil er neu diagnostizierte MS-Betroffene davor bewahrt, gleich das Schlimmste zu befürchten.

Natürlich könnte man sagen, dass das, was man schlecht definieren kann, nicht wirklich existiere. Mir scheint das meiner Erfahrung mit MS-Betroffenen zu widersprechen, denn es gibt nach meiner Ansicht ganz sicher MS-Erkrankungen, die "gutartig" verlaufen, was nach meiner zugegeben unwissenschaftlichen Definition bedeutet, dass viele MS-Erkrankungen so verlaufen, dass man bis ins hohe Lebensalter gehfähig bleibt und an einer anderen Krankheit stirbt.

Ich meine sogar, dass man eine klinisch sichere MS haben kann, obwohl es einem abgesehen von Schüben keiner, der einen nicht näher kennt, ansieht und man mit relativ normaler Lebenserwartung stirbt, ohne dass dieser Tod direkt etwas mit der MS zu tun hat.

Ich vermute, dass diese Verläufe ignoriert und damit junge MS-Betroffene in Angst und Schrecken versetzt werden. Das würde ich ihnen gern ersparen.

Wie hoch denn nun die "gutartigen MS-Verläufe" angesetzt werden, darüber kann man lange streiten. Ich persönlich würde auch die "stummen" MS-Erkrankungen dazuzählen, die es ganz sicher gibt, aber die niemand bemerkt hat (abgesehen von Obduktionen aus anderen Gründen, bei denen man z.B. überrascht ist, bei jemandem eine MS zu finden, die man nicht erwartet hat bzw. die nicht bekannt war).

Man könnte sagen, dass diese MS-Erkrankungen keine Rolle spielen, weil sie ja eben nicht bemerkt werden, und weil ihre Dunkelziffer so hoch ist, ich meine aber, dass die "stummen" MS-Fälle eine große Rolle spielen, weil sie darauf hinweisen, dass man eine MS haben und nichts davon merken kann. Das heißt, oft ist die Krankheit harmlose, als man denkt.

Der 2. Grund warum ich die "stummen" MS-Erkrankungen für wichtig halte, ist, dass sie uns einen Hinweis auf die Natur der MS-Erkrankung geben könnten, denn es ist doch ein merkwürdiges und interessantes Phänomen, dass eine MS ein paar Herde machen und dann für den Rest des Lebens verschwinden kann. Könnte uns das nicht etwas zur Entstehung der MS sagen?

Ich vermute also, die "gutartige MS" wird tabuisiert, als ob es sie gar nicht geben könne. Aber es gibt sie - und zwar sehr häufig!

Und was den "aktuellen Erkenntnisstand" betrifft?! Ich glaube, den gibt es nur in der Euklidschen Geometrie, die ja bekanntlich nur eingeschränkt gilt. Der aktuelle Erkenntnisstand sollte immer wieder diskutiert werden. In den Händen von Experten und Spezialisten droht er zu verkommen. Ob es eine "gutartige MS" gibt, ist eine weltanschauliche und keine naturwissenschaftliche Frage.

W.W.


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