Gibt es eine "gutartige MS" überhaupt? (Allgemeines)

W.W. @, Mittwoch, 07.04.2021, 09:42 (vor 34 Tagen)

Was verstehen wir darunter, dass eine MS "gutartig" verläuft? Zunächst einmal scheint das ein Widerspruch in sich selbst zu sein, denn nach den landläufigen Ansichten ist eine MS niemals "gutartig". Sicher, man kann Glück haben, dass es den einen oder den anderen nicht so hart trifft, aber rechtfertigt das die Annahme, dass es eine Gruppe von MS-Erkrankungen gibt, die "gutartig" verlaufen können?

Der Begriff einer "gutartigen (benignen) MS" ist stark umstritten. Viele nehmen wohl dies an: Es gehört eben zum Wesen der MS, dass sie häufig wenig dramatisch beginnt und sich oft schon wieder zurückgebildet hat, bis man den Weg zum Arzt gefunden hat. Es ist also "normal", dass die meisten MS-Erkrankungen relativ harmlos beginnen: eine vorübergehende Sehstörung auf einem Auge, eine flüchtige Gefühlsstörung in einer Hand... Dieser unspektakuläre Beginn sollte einen aber nicht dazu verführen, dass die MS so harmlos ist, wie sie beginnt, denn oft offenbart die Erkrankung erst nach 10 bis 15 Jahren, welchen Charakter sie wirklich hat.

Ich glaube, das beschreibt die übliche Vorstellung von der MS, die manchmal sogar in der Feststellung gipfelt: Wer meint, eine "gutartige MS" haben, täuscht sich in aller Regel. Er hat nur eine MS, die relativ harmlos beginnt, dann aber plötzlich und unerwartet zuschlägt. Wir sollten also nicht den Fehler begehen, aus einem glimpflichen Beginn zu folgern, dass die MS auch weiter glimpflich verlaufen wird. Natürlich kann so etwas vorkommen, weil die MS eben die Krankheit mit den 1000 Gesichtern ist, aber man darf aus der Ausnahme keine Regel machen.

So scheinen vernünftige Leute zu sprechen. Bei wem eine MS festgestellt worden ist, so meinen sie, über dem hängt das Verhängnis wie ein Schwert, das nur von einem Zwirnsfaden gehalten wird, der bei dem geringsten Luftstrom reißen kann. Eigentlich ist das eine schlimme Vorstellung, denn wenn es einem gut geht, dann geht es einem "noch" gut, aber niemand weiß, wie lange es so weiter geht und einen das Schwert trifft, das zum bösen Erwachen führt.

1991 wurden im Verwaltungsbezirk Olmsted in Minnesota 162 MS-Patienten erfasst. Alle bis auf einen einzigen Patienten konnten nach genau 10 Jahren nachuntersucht werden. Das überraschende Ergebnis war: Die meisten Patienten waren stabil geblieben oder zeigten nur eine minimale Progression. 83% der Patienten, die 1991 einen EDSS von 3 und weniger aufwiesen, waren auch 2001 noch ohne Unterstützung gehfähig. Für die gesamte Gruppe betrug die durchschnittliche Verschlechterung des EDSS nicht mehr und nicht weniger als 1.0 Punkte.
Die Autoren kamen zu dem Schluss: „Je länger die MS besteht und je geringer der Behinderungsgrad ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Betroffener stabil bleibt und sich seine Krankheit nicht weiter verschlechtert. Das trifft besonders auf Patienten mit gutartiger MS zu, die nach 10 Jahren oder länger einen EDSS von 2.0 oder weniger haben. Ihre Chance stabil zu bleiben, beträgt mehr als 90%.“ Ich denke, das ist eine sehr beruhigende Aussage.

Ich halte diese Studie für eine der ganz wesentlichen MS-Studien, die aber nur selten zitiert wird, obwohl sie 2004 in der berühmten NEUROLOGY erschienen ist. Die Einwände sind wohl 1., dass sie mit 162 Patienten zu klein ist, und 2., dass sie nur über 10 Jahre lief, dass die ganze Katastrophe, die die MS in aller Regel bedeutet, erst danach, also nach 15 oder 20 Jahren offensichtlich wird.

Es wäre also interessant, ob es 20-Jahre-Ergebnisse gibt.

W.W.


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