Phantasie anstelle von Quellenangabe (Allgemeines)

W.W. @, Dienstag, 06.04.2021, 12:28 (vor 40 Tagen) @ Boggy

PS: Ich fürchte übrigens eher, dass sich die Konzerne, die in große Studien investieren, ihre Welt so machen, wie sie am besten zu verkaufen ist.

Machen Sie nicht dasselbe, wenn Sie Sätze schreiben wie:

"Was ich behaupten will, ist, dass die Spontanheilungsrate der MS sehr groß ist. Ich schätze, sie liegt bei 90%."

Das ist ein reines Phatasieprodukt Ihrerseits.

Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass es uns nicht bekannt ist, wie hoch die Rate der unentdeckten MS ist, denn eben weil sie nicht entdeckt wird, kann man ihre Häufigkeit nicht abschätzen.

Sie haben aber sicher Recht, wenn Sie sagen, man müsse so eine ungefähre Vorstellung von der Rate der unerkannten MS haben. Ich habe diese wiederholt angedeutet. Sie bezieht sich auf die Obduktionsstudien von Georgi: 5 zufällig entdeckte MS-Fälle auf 15.644 Obduktionen (1961) und Gilbert 12 zufällig entdeckte MS-Fälle auf 2.450 Obduktionen (1983). Ich schrieb dazu:

Ich habe gehört, es solle sogenannte „stumme“ MS-Formen geben. Aber wie kann man davon sprechen, wenn man sie doch gar nicht merkt?

Tatsächlich gibt es Formen der MS, die sich nie bemerkbar machen, oder allenfalls zu so flüchtigen Störungen führen, dass niemand auf die Idee käme, sie für MS-Symptome zu halten. Wie werden diese Fälle überhaupt entdeckt? Als Zufallsbefund bei Obduktionen.

Ich weiß, der Name allein weckt schauerliche Vorstellungen. Der Ort, den ich als Student am meisten verabscheute, war der Sektionssaal, in dem die Gehirne der Verstorbenen entnommen und in Scheiben geschnitten wurden, um zu erkennen, ob die Ursache des Todes im Inneren des Gehirns lag. Leichenöffnungen wurden früher sehr viel häufiger vorgenommen als heutzutage. Aus dieser Zeit wissen wir, dass nicht selten bei Patienten, die an einem Herzinfarkt oder an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben waren, typische MS-Herde im Gehirn gefunden wurden. Hierbei handelte es sich um reine Zufallsbefunde, und die nachträgliche Analyse der Krankenakten ergab, dass sie nie wegen neurologischer Beschwerden einen Arzt aufgesucht hatten.

Man kann also eine MS haben und nichts davon merken. Das steht im offenkundigen Widerspruch zu dem düsteren Leumund der Erkrankung, und es ist nicht von geringem Interesse abzuschätzen, wie hoch wohl dieser Anteil von „stummer“ MS sein mag.

Zufällig gefundene MS-typische Befunde bei der Obduktion, die sich klinisch nicht bemerkbar gemacht hatten, waren also nahezu ebenso häufig wie klinisch diagnostizierte MS-Fälle.

Hierzu existieren zwei größere Studien (Gilbert und Georgi), die eine genügend genaue Aussage zulassen. Wenn man beide zusammennimmt, ergibt sich, dass die Häufigkeit „stummer“ MS-Fälle etwa 1:1000 beträgt und damit genauso hoch ist wie die Häufigkeit von diagnostizierten MS-Erkrankungen in Deutschland. Das heißt: Auf jeden diagnostizierten MS-Fall kommt einer, der so milde verläuft, dass er sich dem klinischen Nachweis entzieht. Oder anders gesagt: Die Hälfte alle MS-Erkrankungen verläuft stumm (Bates 1994).

W.W.


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