Ocrelizumab - ein Medikament gegen die PPMS?

Ist die PPMS eine Sonderform der MS? Viele sagen das und gehen sogar noch weiter. Sie meinen, die PPMS sei wahrscheinlich gar keine ‚richtige‘ MS, also keine relativ seltene Verlaufsform, die keine Schübe macht, sondern eine eigenständige Krankheit, die fälschlich zur MS gezählt wird - etwa wie die NMO.

Meiner Ansicht nach ist die PPMS eine ‚richtige‘ MS, die sich von der üblichen MS nur dadurch unterscheidet, dass ihre Herde vornehmlich im Rückenmark liegen und so schwerwiegend sind, dass sie scheinbar mit einer Gehstörung beginnen, die langsam immer schlimmer wird.

Ocrelizumab (Ocrevus®)

Ocrelizumab ist wie Natalizumab, Alemtuzumab und Daclizumab ein monoklonaler Antikörper. Der Vorläufer von Ocrelizumab war ein Antikörper namens Rituximab. Diese Substanz war primär ein Krebsmittel (gegen Lymphome) und wurde dann auch bei schwerem Rheuma eingesetzt. Als man es dann auch bei der MS ausprobierte, schien es zwar hervorragend zu wirken, aber es hatte auch schwere Nebenwirkungen, die wohl darauf zurückzuführen waren, dass es durch das Medikament zu einem massenhaften Zerplatzen von B-Lymphozyten mit Freisetzen ihrer Botenstoffe kam. Es wurde sogar über 3 Todesfälle berichtet, die ‚in zeitlicher Nähe’ zur Behandlung mit Rituximab auftraten, und von einer PML verursacht wurden. Das war der Grund, warum es in dieser Form nicht für die MS-Therapie zugelassen wurde.

Daraufhin wurde Rituximab ‚umgemodelt’ und die genetischen Anteile, die es von Mäusen hatte, wurden vollständig ‚humanisiert’, also vermenschlicht. Ocrelizumab (Ocrevus®) war entstanden.

Ocrevus® kann man sich nicht selbst spritzen. Es muss vom Arzt verabreicht werden, und zwar erhalten MS-Patienten alle 6 Monate eine Infusion mit 600 mg des Antikörpers. Die Anfangsdosis wird in zwei Dosen zu je 300 mg aufgeteilt und in zweiwöchigem Abstand infundiert.

Studienergebnisse

In zwei nahezu gleichen Studien (OPERA I und OPERA II) wurde Ocrelizumab (Ocrevus®) in einer Dosis von 600 mg alle 24 Wochen mit einer hochdosierten Therapie mit Interferon beta-1a (44 µg dreimal pro Woche für 96 Wochen) verglichen. Teilnehmer waren 1.656 Patienten mit RR-MS, die in den letzten zwei Jahren mindestens zwei Schübe oder mindestens einen Schub im letzten Jahr erlitten hatten.

Das Team um Ludwig Kappos (Vorsitzender der Schweizerischen MS-Gesellschaft) von der Universität Basel berichtete 1., dass die Rate der jährlichen Schübe in der OPERA-I-Studie um 46 Prozent und in der OPERA-II-Studie um 47 Prozent gesenkt wurde.

2. Der Anteil der Patienten, bei denen es in den ersten zwölf Wochen zu einer Zunahme der Behinderun­gen kam, ging in beiden Studien von 13,6 Prozent in der Interferon-Gruppe auf 9,1 Prozent in der Ocrelizumab-Gruppe zurück. Nach 24 Wochen war es in der Interferon-Gruppe bei weiteren 10,5 Prozent der Patienten zu einer Verschlechterung gekommen gegenüber nur 6,9 Prozent in der Ocrelizumab-Gruppe.

Und 3.: Bei neuen oder sich vergrößernden Läsionen kam es zu einem Rückgang um 77 Prozent beziehungsweise 95 Prozent. Dies lasse darauf hoffen (so die Autoren), dass sich unter der Behandlung auch langfristig die Prognose der Patienten verbessert. 

Die Ergebnisse der ORATORIO-Studie waren nicht ganz so deutlich.An ihr nahmen 732 Patienten mit PPMS teil, wobei Ocrelizumab mit Placebo verglichen wurde. Primärer Endpunkt war der Anteil der Patienten mit einer weiteren Progression der Behinderungen in den ersten zwölf Wochen der Behandlung.

Wie das Team um Jerry Wolinsky vom Health Science Center der Universität von Texas in Houston berichtet, kam es unter der Behandlung mit Ocrelizumab nur bei 32,9% der Patienten zu einer Krankheitsprogression gegenüber von 39,3% im Placebo-Arm.

Nach dem gesunden Menschenverstand heißt das: Wenn 100 Patienten mit PPMS 3 Monate lang unbehandelt bleiben, erleiden etwa 39 eine Krankheitsprogression, während es bei denen, die Ocrelizumab bekommen nur knapp 33 sind. Nach 3 Monaten profitieren also 6 Patienten von der Behandlung. Das mag statistisch signifikanr sein, überzeugt aber nicht sehr, da 3 Monate sehr kurz sind und vom Ausmaß der Besserung nicht die Rede ist.

Nebenwirkungen

Ocrevus® ist übrigens das erste und einzige Medikament, dass sowohl für die RRMS und PPMS zugelassen ist. Über Nebenwirkungen war noch nicht so viel bekannt, als ich dieses Kapitel schrieb. Die einzigen Informationen, die mir vorliegen, stammen von einem Forschungszentrum in New York (TISCHMS.org). Ihnen war zu entnehmen, dass es einige ernsthafte Bedenken gibt. In der ersten RRMS-Studie kam es innerhalb von 3 Jahren bei 9 Patienten zu verschiedenen malignen Erkrankungen (4 Patienten in den ersten 2 Jahren und 5 Patienten im Folgejahr). Das sei alarmierend hoch, wenn man bedenke, dass diese Patienten meist im 3. Lebensjahrzehnt standen und keine Krebsanamnese hatten.

In der Studie mit PPMS-Patienten entwickelten innerhalb von 3 Jahren, in denen sie Ocrelizumab bekamen, 13 Patienten Krebs. Das bedeutet, dass mehr als 1 von 50 Patienten innerhalb von 3 Jahren einen Krebs entwickelten. Dieses hohe Krebsrisiko wurde bei Rituximab® nicht gefunden. Woher es kommt und wie groß es wirklich ist, kann zurzeit nicht beurteilt werden, da Ocrelizumab bisher nicht länger als 3 Jahre gegeben wurde.

Beurteilung

Ich komme zu dem Schluss, dass die Wirkung der Substanz gering oder fragwürdig ist, und dass mir die Nebenwirkungen Angst machen.

 

 

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