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Vorwort zur 6. Auflage

Als ich vor Jahren einmal in Los Angeles war, bin ich dort mehrere Male in der Bücherei gewesen, und ich muss gestehen, dass ich selten eine so schöne Bibliothek gesehen habe! Unter den medizinischen Büchern fand ich unter „Multiple sclerosis“ eine Reihe von Büchern, aber eines davon hat es mir besonders angetan. Ich weiß nicht mehr, wie es hieß, aber es war mit großen Buchstaben geschrieben, hatte dicke Seiten und war kurz und bündig. Wahrscheinlich wird es einen Titel wie ‚MS for beginners’ gehabt haben. Jedenfalls war es toll geschrieben, genau so, wie ich mir einen MS-Ratgeber vorstellte, und ich kopierte das ganze Buch. Als ich wieder in Deutschland war, suchte ich die Kopien, fand sie aber nicht mehr. So blieb dieses großartige Buch in meiner Erinnerung, und mit der Zeit vergaß ich es. Aber jetzt habe ich mich wieder daran erinnert, als ich mich an die neue Auflage meines MS-Buches machte, und ich beschloss, es so einfach wie möglich zu schreiben. Es sollte nicht eigentlich ein MS-Buch sein, sondern mehr ein Ratgeber, wie man sich als Arzt seinen Patienten gegenüber verhalten sollte.

Wenn man ein Buch in der 6. Auflage herausgibt, dann fragt man sich natürlich, ob man es nicht so lassen kann, wie es bisher gewesen ist, oder ob sich so viel geändert hat, dass man viele Abschnitte ganz neu schreiben muss? Um es gleich vorwegzunehmen, es hat sich eine ganze Menge geändert: Die immunmodulatorische Stufentherapie ist kaum noch wiederzuerkennen, es ist jetzt Genaueres zu den neuen oralen MS-Medikamenten bekannt, und vor allem ist das erste MS-Medikament entwickelt worden, das auch bei der primär chronischen MS (PPMS) helfen soll, das Ocrelizumab (Ocrevus®) heißt.

Unverändert geblieben sind die folgenden Punkte:

  • Die MS verläuft unbehandelt viel besser, als in den üblichen Lehrbüchern und Zeitschriftenartikeln angegeben wird.
  • Der MS-Verlauf kann oft schon in den ersten Krankheitsjahren zuverlässig vorhergesehen werden.
  • Ob eine MS günstig oder ungünstiger verläuft, ist kein Zufall, sondern ist auf eine komplizierte Weise mit der Lebenssituation verknüpft.

Gleich zu Beginn möchte ich ein großes Problem ansprechen: das Selektions-Bias.

Die Stichprobenverzerrung spielt eine große Rolle. Man nimmt wahr, was einem passt, und man übersieht, was einem nicht passt. Wenn man Lottogewinner fragen würde, warum sie im Lotto gewonnen haben, würden sie vielleicht auch relativ unbedeutende Gründe anführen, weil sie immer regelmäßig Lotto gespielt haben, oder ganz im Gegenteil ganz selten, und dann hätten sie trotzdem gewonnen. In vergleichbarer Weise springen dem Pessimisten alle MS-Betroffenen, die im Rollstuhl sitzen, ins Auge, während der Optimist mit einem Adlerauge jeden erspäht, dem es trotz seiner MS einigermaßen gut geht.

Ich war also gezwungen, mich in Acht zu nehmen. Deshalb versuche ich in diesem Buch jede Meinung, die ich hier vertrete, durch Literaturangaben aus wissenschaftlich anerkannten Veröffentlichungen zu belegen, also durch trockene Studien, die z.B. im LANCET oder in der NEUROLOGY erschienen sind.

Darum werde ich auf griffige Formulierungen aus der ÄRZTE ZEITUNG (die leider oft mit dem seriösen DEUTSCHEN ÄRZTEBLATT verwechselt wird) verzichten. Des Weiteren begründe ich meine Ansichten mit Bewertungen seitens der COCHRANE COLLABORATION, dem ARZNEI-TELEGRAMM, den beiden MS-Broschüren der Uniklinik Hamburg-Eppendorf (UKE), der TRIERER AKTIONSGRUPPE MULTIPLE SKLEROSE (TAG) und dem LEITLINIENWATCH, einer gemeinsamen Initiative von NeurologyFirst, MEZIS und Transparency Deutschland, die Leitlinien im Hinblick auf ihre Unabhängigkeit von Industrieeinflüssen prüfen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch den ärztlichen Kollegen Bernd Hontschik erwähnen, der zu den MEZIS gehört und wöchentlich eine Kolumne in der Frankfurter Rundschau schreibt, die ich sehr schätze.

Es ist mir wohl bewusst, dass ich zu sehr kritischen Publikationen neige, und es stimmt auch, im Freundeskreis hält man mich für überkritisch. Und dennoch: Ich möchte nicht verhehlen, dass meiner Ansicht nach die Medizin seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts großartige Fortschritte gemacht hat: Hygiene, Narkose, Erregersuche, Penicillin, Schmerzmittel und vieles andere. Obwohl dies alles unbezweifelbar ist, müssen wir doch skeptisch bleiben, und unserem gesunden Menschenverstand vertrauen, denn auch die größten Fortschritte können missbraucht werden, wenn z.B. Antibiotika zu multiresistenten Keimen führen, wenn sie bei jeder Kleinigkeit eingesetzt werden. Darum ähnelt manches von dem, was ich sage, dem, was uns schon unsere Mütter und Großmütter immer gepredigt haben. Im Grunde genommen, wollte ich weniger ein MS-Buch schreiben, sondern eher einen Ratgeber, wie man sich als Arzt seinen Patienten gegenüber verhalten sollte.

 

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