Diskussion dazu im Forum

Copyright© und inhaltliche Verantwortung: Dr. Wolfgang Weihe

Ist die MS eine psychosomatische Krankheit?


Wenn ich sage, die MS ist eine rein somatische (körperliche) Krankheit, dann sträubt sich in mir alles. Sage ich, sie ist eine rein psychische Krankheit, dann passiert genau dasselbe. Was bleibt mir also anderes übrig, als zu sagen: Die MS ist eine psychosomatische Krankheit? Damit will ich eigentlich nichts anderes feststellen als: Es gibt keine hundertprozentig somatischen Krankheiten und auch keine hundertprozentig psychischen. Was den beiden Extremen aber ziemlich nahe kommt, sind die Chorea Huntington (dominant erblich), die amyotrophe Lateralsklerose, die Stephen Hawking hat, und das Glioblastom (bösartiger Hirntumor) auf der einen Seite und die Angstneurose auf der anderen. Die meisten Krankheiten liegen in der Mitte: Herzinfarkt, Schlaganfall, Rheuma, Migräne…, aber auch die MS.

Warum fällt mit die Zuordnung so schwer? Das ist schnell gesagt: Die MS ist keine rein psychische Krankheit, weil sie deutlich sichtbare Herde im Kernspintomogramm macht, und sie ist keine rein somatische Krankheit… ja, warum eigentlich nicht? Ich meine, weil sie ausgelöst wird. Sie kommt also nicht aus heiterem Himmel, so wie man von einem Auto überfahren wird oder mit einem Flugzeug abstürzt.

Alles, was wirklich passiert, ist ein Wirrwarr!
Aber schon stocke ich: Bricht man sich nicht gerade dann ein Bein beim Skifahren, wenn man eine riskante Abfahrt wagt, um jemandem zu imponieren? Also ist nicht doch ein bisschen Psychisches dabei? Und mit dem Autounfall? Kann man sich nicht streiten, und in etwas angetrunkenem Zustand nachts nach Hause fahren, und es regnet und ist nebelig und dann kommt einem jemand in einer Kurve entgegen, der nicht rechtzeitig abblendet. Es kommt also vieles zusammen: Nebel, glitschige Straße, das verspätete Abblenden -, aber auch der Alkoholpegel im Blut und auch der Ehestreit.
Ich glaube, das ist fast immer so, wenn etwas passiert, dann ist es ein unüberschaubares Durcheinander von Ursachen, teils physikalischer Art, aber oft auch psychischer Natur. Ist also auch ein Autounfall rein psychisch? Nein, natürlich nicht, aber er hat gar nicht ganz so selten psychische Anteile. Ursachen in Reinkultur gibt es nur im Physiksaal!

Das Leben ist weder eine Kuschelecke, noch ein Physiksaal!
Und wie ist es mit der MS? Ich kenne keine MS, die nicht durch irgendetwas ausgelöst worden ist. Durch einen Ehekonflikt, den Verlust eines Arbeitsplatzes, das Fehlverhalten des Ehepartners, Schulschwierigkeiten der Kinder, eine ernst Krankheit in der Familie…
Ja, ich gebe es zu, das sind meine ganz persönlichen Erfahrungen und beruht auf meiner ganz persönlichen Interpretation. Von Wissenschaftlichkeit ist hier nicht viel die Rede, und ich glaube sogar, dass man die Krankheitsursachen wissenschaftlich nicht ergründen kann. Vielleicht beim Glioblastom. Dem bösartigen Hirntumor, aber auch hier ahnen wir nur, es müsse sich um eine körperliche Ursache handeln, aber wir wissen es nicht. So, wie wir bei keinem Krebs die ‚wirkliche’ Ursache kennen.
Warum sollte es also bei der MS anders sein? Die Gefahr ist natürlich, dass man alle möglichen Erklärungen an den Haaren heranzieht und nicht mehr zwischen ‚wirklichen’ Ursachen und den scheinbaren, die man sich ausgedacht hat, unterscheidet. Gerade, wenn viel zusammenkommt, ist diese Gefahr am größten.

Warum fehlt oft der zeitliche Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung?
Ein anderes Argument gegen die psychosomatische Sichtweise ist der oft fehlende zeitliche Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, d.h. zwischen dem auslösenden Ereignis und dem MS-Schub. Dafür habe auch ich keine Erklärung. Beim Beinbruch ist das klar: Man fällt von einer Leiter und der Unterschenkel ist durch. Aber bei der MS? Ich wundere mich immer wieder, dass es hier keine klare Koppelung gibt. Es ist ganz selten so, dass man sich ganz schrecklich über etwas ärgert und über Nacht bekommt man einen Schub. Das ist praktisch nie der Fall! Nach meiner Erfahrung läuft es eher so: Es wird einem gekündigt, und man muss zum Arbeitsamt. Das Ganze ist unglaublich peinlich, und man kann es schlecht erklären, warum es gerade einen selbst getroffen hat. Der Partner versucht einen zu trösten, aber irgendwie hat man das Gefühl, dass auch er insgeheim denkt, es oder sie hätte sich geschickter verhalten können. Der Schub kommt erst Wochen später! Warum eigentlich?
Ich kann nur spekulieren.

Manche kriegen es, andere kriegen es nicht!
Und nun das triftigste Gegenargument: Wenn ein Schub tatsächlich von Belastungssituationen ausgelöst werden sollte, warum bekommen dann nur so wenige einen Schub, denn unangenehme Situationen gibt es doch zu Hauf. Und warum nimmt in Kriegszeiten die MS eher ab? Liegt das nur daran, weil man nicht so genau darauf achtet und sie deshalb seltener diagnostiziert?
Ich glaube das nicht. Ich glaube, aber das ist eine reine Spekulation), dass in Belastungssituationen Hormone ausgeschüttet werden, Stresshormone, aber auch Glückshormone, die es uns erleichtern, mit dem Schlamassel umzugehen. Wenn die Belastung aber länger anhält, dann erschöpfen sich die Speicher in unserer Nebenniere, unserem Gehirn und unserem Immunsystem und diese Hormone stürzen in den Keller. Dies scheint mir das zu sein, was die MS ‚ausklinkt’.

Hat das ‚Individuelle’ nicht genetische Wurzeln?
Aber – wie gesagt – das ist eine reine Vermutung, Hardliner (also die, die felsenfest daran glauben, dass die MS-Schübe krankheits- und zufallsbedingt sind) wenden ein: Aber jeder Mensch ist doch anders! Den einen wirft ein Windhauch um, der andere trotzt dem stärksten Sturm. Das liegt eben an den ‚Genen’ und damit ist letztendlich alles doch wieder körperlich bedingt. Ich widerspreche dem. Wir haben unser Leben viel mehr in der Hand, wie wir denken. Ich persönlich glaube nicht, dass wir den Stürmen des Lebens ausgeliefert sind, wir können vieles vorhersehen und kluge Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Wer sein Haus am Fuße eines Vulkans baut, muss sich nicht wundern, wenn es beim nächsten Vulkanausbruch zerstört wird, auch wenn er noch so unwahrscheinlich ist. Dasselbe gilt für jemanden, der sein Haus in einem Erdbebengebiet baut, weil es dort so billig ist.
Und? Ist jetzt nicht alles noch komplizierter geworden, als es am Anfang war? Ich glaube nicht, denn ich plädiere dafür, dass wir mit wachen Augen unsere Umgebung beobachten und mit gesundem Menschenverstand unsere Entscheidungen treffen – wobei sich immer anbietet, das mit seinen Lieben zu diskutieren und abzustimmen.

Es gibt eine sehr primitive Sichtweise.
Wenn einem eine Laus über die Leber läuft, wird man leberkrank, wenn einem etwas auf den Magen schlägt, dann kriegt man ein Magengeschwür, und wenn man etwas nicht sehen will, dann waxht man auf und hat eine Sehnerventzündung. Ich lehne diese Sichtweise ab! Ich schätze die Stimme des Volkes sehr, aber was der Volksmund an Sprichwörtern und Redensarten hat, hat praktisch nie etwas mit Krankheiten zu tun. Krankheitssymptome sind keine Symbole! Damit meine ich, dass es ein Aberglaube ist, wenn man annimmt, unser Körper sei klüger als wir selbst und durch Symptome zu uns ‚spricht’, wenn wir die Tatsachen nicht akzeptieren wollen. Symptome ‚sprechen’ nicht zu uns, genau so wenig, wie Vögel mit uns sprechen, aber sie entstehen auf einem fruchtbaren Boden.
Wenn wir z.B. unglücklich verheiratet sind (weil der Partner langweilig ist, oder einen – ganz im Gegenteil – betrügt, oder säuft), dann zehrt das an uns und erschöpft uns innerlich, und dann kommt unser Immunsystem ins Spiel, das oft klüger ist als unser übriger Körper. Ich möchte das am Beispiel einer Depression klarmachen: Kummer und Stress -> -> Erschöpfung der Serotoninspeicher: Es ist unsinnig zu behaupten, die sich entwickelnde Depression beruhe auf einem Serotoninmangel!...

Unser Immunsystem ist klüger als wir selbst.
Auch das ist selbstverständlich? Umso besser! Ich wette, ein Marathonläufer wird nicht auf den letzten hundert Metern aufgeben, auch wenn er noch so erschöpft ist. Er wird die allerletzten Reserven mobilisieren, um ins Ziel zu kommen. Und ich denke auch, dass es mit einem alten Ehepaar nicht anders ist: Wenn der eine stirbt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihm der andere bald folgt. Weil er keine Lust mehr hat zu leben – und sich das auf sein Immunsystem schlägt.

Was ist gegen Psychotherapie einzuwenden?
Eigentlich nichts, denn an sich ist es ja ideal, wenn sich jemand Zeit nimmt, der Ahnung hat und mit einem das Leben durchforstet. Ich will Ihnen sagen, warum das so oft scheitert! Weil die Krakheit, also auch die MS, der beste Kompromiss! Ich habe früher einmal gelernt, eine Neurose sei immer zu teuer erkauft. Das ist sie nicht! Eine Neurose bzw. eine Krankheit sind oft der beste weg, um mit einem Konflikt fertig zu werden.

 

Diskussion dazu im Forum

Copyright© und inhaltliche Verantwortung: Dr. Wolfgang Weihe