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Die oralen MS-Medikamente

Man hat sich viel davon versprochen, und sie wurden geradezu herbeigesehnt: MS-Medikamente, die man als Tablette einnehmen konnte und die nicht mehr einmal oder mehrere Male pro Woche gespritzt werden mussten, mit allen den Ängsten, die damit verknüpft sind: keine roten und blauen Flecke mehr an den Einstichstellen, keine hässlichen Dellen mehr in der Haut, keine grippeähnlichen Nebenwirkungen und vor allem, nicht mehr diese ständige Sorge um den Terminplan, wann man gespritzt hat und wieder spritzen müsse.

Aber die vielen neuen Namen können einen ja ganz schön verwirren! Eigentlich geht es ja nur um diese drei: Fumarsäure (Tecfidera®), Teriflunomid (Aubagio®) und Fingolimod (Gilenya®). Davon gehören Fumarsäure und Teriflunomid zur ganz normalen Basistherapie (wie also die Betainterferone und das Glatirameracetat auch), während das Fingolimod nur für die Eskalation zur Verfügung steht, also nur bei einer besonders aggressiven MS zum Einsatz kommt.

1. Fumarsäure (Tecfidera®)

1995 wurde in Deutschland die Fumarsäure (chemisch: Fumarat) unter dem Namen Furaderm® gegen die Schuppenfleche (Psoriasis) zugelassen. Soweit ich weiß, hatte der Bochumer Haut-Professor Peter Altmeyer bemerkt, dass sich die MS bei einer Patientin besserte, die er wegen einer Schuppenflechte mit diesem Medikament behandelte. Da ist ihm wohl ein so genannter Seifensieder aufgegangen, und er hat angeregt, die Wirkung der Substanz auf die MS zu untersuchen.

Wie Fumarsäure wirkt, ist unklar, aber auf jeden Fall senkt es die Zahl der weißen Blutkörperchen, ist also ein Immunsuppressivum oder ein Immunmodulator. Natürlicherweise kommt sie in verschiedenen Pflanzen, Pilzen und Flechten vor. Dimethylfumarat (DMF) ist ein sogenannter Ester der Fumarsäure.

Tecfidera® wird von BIOGEN hergestellt und ist zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmiger MS (RRMS) zugelassen.

Das Beste, was einer Pharmafirma passieren kann, ist Folgendes: Man vertreibt schon seit Jahren ein Medikament, das erfolgreich bei einer häufigen Krankheit eingesetzt wird, und dann stellt sich mehr oder weniger heraus, dass es auch bei der MS möglicherweise Schübe verhindern kann. Somit hat man ein Medikament, dessen Verträglichkeit lange Jahre bekannt ist, und kann jetzt mit einer neuen Indikation viel Geld verdienen. So ist es mit der Fumarsäure gewesen. In der Herstellung kostet die Substanz etwa so viel wie 1 kg Zucker, aber es wird für einen Preis verkauft, der einem Kilogramm Gold entspricht.

Wirkung

Was die Studienlage und die Wirksamkeit angeht, beziehe ich mich auf die UKE-Broschüre und ihre Aktualisierung am 23. März 2013. Es geht um 2 große Studien: DEFINE (N=1237) und CONFIRM (N=1086). Beide wurden 2012 veröffentlicht. Es wurden Patienten mit schubförmiger MS mit 2mal 240mg oder 3mal 240mg Fumarat behandelt und mit Plazebo verglichen. Die DEFINE-Studie wurde von Ralf Gold (Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat der DMSG) geleitet.

  • Die jährliche Schubrate lag unter Plazebo bei 0,36 pro Jahr gegenüber 0,17 bzw. 0,19 unter Tecfidera®.
  • 9% hatten therapiebedingt keine Zunahme der Beeinträchtigung.
  • Fanden sich unter Plazebo über 2 Jahre durchschnittlich 17 neue oder vergrößerte Entzündungsherde, so waren dies unter Tecfidera® 3 bzw. 4. Unter Plazebo fanden sich durchschnittlich 2 neue Kontrastmittelanreicherungen über 2 Jahre, unter Tecfidera® weniger als 0,5.

Was bedeutet eigentlich, dass die Schübe seltener werden?

Die Rechnung geht so: Mit Plazebo sind in 2 Jahren 0,36 Schübe aufgetreten, mit zwei Kapseln Tecfidera® waren es 0,17 Schübe. Das sagt uns erst einmal wenig., denn mit 0,36 und 0,17 kann man schlecht rechnen. Weil man sich oft von Zahlen täuschen lässt, weil man die Mühe scheut, selbst nachzurechnen, hier eine Modellrechnung:

Damit die Zahlen griffiger sind, rechnen wir auf 12 Jahre (6mal die Studiendauer von 2 Jahren) um. Dann kann man sagen: Wenn man kein Medikament schluckt, bekommt man in 12 Jahren etwa 2 Schübe (6mal 0,36), und wenn man jeden Tag 480mg Tecfidera® einnimmt, dann sind es in 12 Jahren etwa 1 Schub (6mal 0.17).

Anders gesagt: Eine 12jährige Einnahme von Tecfidera® führt also dazu, dass man einen einzigen Schub weniger erleidet, als wenn man gar nichts tut.

Besonders viel ist das nicht, vor allem, wenn man bedenkt, dass kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Schubzahl und Verlauf besteht.

Nebenwirkungen

Wie es bei dem Wirkungsmechanismus zu erwarten ist, kommt es im ersten Jahr bei 28% zu einem Absinken der weißen Blutzellen im Vergleich zu 10% unter Plazebo.
Einige Nebenwirkungen traten unter Tecfidera® häufiger auf als unter Plazebo:
Gesichtsrötung, Bauchschmerzen und Juckreiz. Ebenso waren Übelkeit und Erbrechen häufiger. Die Gesichtsröte und die Magen-Darm-Beschwerden traten vor allem im ersten Monat auf.

Das PML-Risiko

Aber das eigentliche Problem ist das Risiko der PML. Im April 2015 berichtete das Deutsche Ärzteblatt, dass mittlerweile insgesamt 11 Fälle einer progressiven multifokalen Leukencephalopathie (PML) unter der Therapie mit fumarathaltigen Arzneimitteln bekannt geworden seien.

Der Zusammenhang ist so: Unter der Annahme, dass die MS eine Autoimmunerkrankung ist, liegt in der MS-Therapie ein Schwerpunkt auf der Immunsuppression, die sich natürlich auf die Immunabwehr im Gehirn auswirkt. Dies birgt das Risiko einer Infektion mit dem JC-Virus mit der Folge einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML).

Bei Tecfidera® trat der erste PML-Fall erst nach der Zulassung auf: Im Oktober 2014 starb in Deutschland eine MS-Patientin, die Tecfidera® bereits im Rahmen einer klinischen Studie erhalten hatte und die Therapie nach der Zulassung fortsetzte. Zum Zeitpunkt der PML war sie bereits 4,5 Jahre mit dem Wirkstoff behandelt worden. Vor der PML hatte 3,5 Jahre lang eine anhaltende Lymphopenie bestanden, die trotz niedriger Leukozyten- und Lymphozytenwerte als klinisch nicht bedeutsam eingestuft worden war.

Deshalb werden bei Tecfidera® folgende Vorsichtsmaßnahmen empfohlen: Vor der Behandlung  ein großes Blutbild vorliegen. Eine Kontrolle wird nach 6 Monaten der Behandlung empfohlen sowie danach alle 6 bis 12 Monate und wenn klinisch indiziert. Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) rät zu einem kürzeren Intervall von sechs bis acht Wochen.

Zusammenfassung

Man muss 12 Jahre lang jeden Tag 2mal 240mg Tecfidera® einnehmen, um einen einzigen Schub zu vermeiden, dafür besteht aber das nicht unerhebliche Risiko, eine PML zu bekommen.

2. Teriflunomid (Aubagio®)

Teriflunomid (Aubagio®) wird von SANOFI hergestellt und ist seit 2013 in Deutschland für Erwachsene mit schubförmig-remittierender Multipler Sklerose zugelassen. Es wird als Tablette 14mg einmal täglich eingenommen. Es ist ein Stoffwechselprodukt von dem Rheumamittel Leflunomid, und unterdrückt die Aktivierung und Zellteilung von Lymphozyten, indem es die Synthese von Pyrimidin in den Mitochondrien hemmt.

Wirkung

Es liegen 2 große Studien vor: TEMSO und TOWER, die jeweils aus 3 Armen bestanden haben: 7mg, 14mg und Plazebo.

  • Unter 14mg Teriflunomid hatten während 2 Jahren Studiendauer 56% gegenüber 46% unter Plazebo keinen Schub.
  • Unter Teriflunomid nahm bei 80% gegenüber 73% unter Plazebo die Beeinträchtigung nicht zu.

Bei 100 Patienten kam es also in 10 Jahren (5mal 2 Jahre Studiendauer) unter Plazebo bei knapp 3 Patienten (5mal 0,54=2,7) zu Schüben und unter Aubagio® waren es etwas über 2 (5mal 0,44=2,2).

Eine 10jährige Behandlung senkte also die Schubzahl um einen halben Schub. Ich halte die Werte nicht für sehr überzeugend.

Nebenwirkungen

Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen erhöhte Leberenzyme, Haarausfall, Durchfall, Übelkeit, Grippe und Empfindungsstörungen.

Ist Teriflunomid wirksamer als Interferone?

Unter 14mg und 44 Mikrogramm Rebif waren die Schubraten vergleichbar (je 0,2). Die Therapiezufriedenheit war unter Teriflunomid bezüglich Nebenwirkungen und Handhabbarkeit größer. Insgesamt finden sich Hinweise, dass 14mg Teriflunomid in der Wirkung mit Rebif44® vergleichbar ist.
Wie ich erfahre, soll es das billigste Basistherapeutikum sein und etwa 14.000 Euro/Jahr kosten. Es ist damit nur halb so teuer wie TECFIDERA® (28.000 Euro/Jahr).

Kein belegbarer Zusatznutzen!

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat geprüft, ob dieser neue Wirkstoff einen Zusatznutzen bietet. Es kommt zu dem Schluss: Zwar würden bei Teriflunomid bestimmte Nebenwirkungen seltener auf als bei Beta-Interferon 1a auftreten, andere jedoch häufiger. Insgesamt sieht das IQWiG keinen belegbaren Zusatznutzen.

Ein paar Beispiele aus der Praxis

Immer wieder taucht das Problem auf, ob das Ausbleiben von Schüben ein positives Zeichen dafür ist, dass das Medikament wirkt, oder ob die MS ganz natürlicherweise im Laufe der Zeit weniger Schübe macht.

Ich nehme seid 1 Jahr Aubagio®. Null Nebenwirkungen. Leber und Nierenwerte werden durch Blutabnahme überwacht. Sind leicht erhöht. Ich kann seit rund 2 Jahren schlechter gehen. Ob das ein Schub war oder ein schlechter Verlauf. Ich weiß es nicht. Ob es mit dieser BT oder einer anderen oder keiner anders verlaufen wäre, wer weiß es. Es ist wirklich schwer zu beurteilen. Ob ein Medikament wirkt oder nicht.

Jemand anders hat von Tecfidera® zu Aubagio® gewechselt. Sie schildert ihre Erfahrungen so:

Ich musste Tecfidera nach 9 Monaten absetzen, weil die Nebenwirkungen, von denen ich zu Beginn der Einnahme weitgehend verschont war, im Dezember 2014 völlig unerträglich wurden. Unter anderem habe ich zum Schluss jegliche Nahrung, die ich zu mir genommen habe, umgehend wieder durch den Kopf gehen lassen. Und bevor ich mich von der Welt kotze, dachte ich, ich nehme das Zeugs doch mal lieber nicht weiter.
Mein Problem ist, dass mir nach sehr schlechten Erfahrungen mit Interferonen und den zum Schluss noch schlechteren mit Tecfidera® jetzt eigentlich nur noch Aubagio® als Basistherapie-Option übrigbleibt.
Bevor ich jetzt zum 3. Mal ins therapeutische Messer laufe, wüsste ich gerne, ob andere, die vielleicht ähnliche Erfahrungen mit Tecfidera® gemacht haben, auch zu Aubagio® gewechselt sind und wie es ihnen bekommen ist?

Eine Antwort lautete:

Ich kann dir nur meine Erfahrungen mit Aubagio® mitteilen. Das muss aber nicht heißen, dass es bei dir genauso passiert. Ich musste es nach über drei Monten wieder absetzen. Leider, denn am Anfang war alles super. Es fing dann an mit schlechten Blutwerten. Dann mit starken Darmproblemen und der krönenden Abschluss: Haarausfall. Habe 50 Prozent meiner Haare verloren. Ich sah schrecklich aus. Jetzt nach 7 Monaten erholt sich alles wieder.

Es mag sein, dass meine Beispielsfälle, die übrigens alle aus MS-Foren stammen, zu negativ sind. Das liegt in der Natur der Sache, weil der, dem es gut geht, MS-Foren und Selbsthilfegruppen meidet. Aber dennoch: Man sollte sich eine solche Therapie gut überlegen!

3. Fingolimod (Gilenya®)

Fingolimod ist kein normales Basistherapeutikum, sondern gehört zur Eskalationstherapie. Es ist nur bei solchen Patienten angezeigt:

       Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit mindestens einer krankheitsmodifizier​enden Therapie

       Patienten mit rasch fortschreitender schwerer schubförmig-rem​ittierend verlaufender Multipler Sklerose, definiert durch zwei oder mehr Schübe mit Behinderungsprogression in einem Jahr.

Der Vorteil ist, man muss nur eine Tablette, also 0,5 mg pro Tag einnehmen. Aber es ist ein kompliziertes Medikament, denn Fingolimod ist eine Substanz, die den Übertritt von Lymphozyten aus den Lymphknoten bzw. Lymphgefäßen in die Blutbahn verhindert.

Wirkung

Die Ergebnisse von 2 Studien liegen vor: TRANSFORMS und FREEDOMS.

  • Unter 0,5mg Gilenya® hatten während der 2 Jahre Studiendauer 70% gegenüber 46% unter Plazebo keinen Schub.
  • Im Durchschnitt traten unter Gilenya® 0,2 Schübe pro Jahr auf , unter Plazebo waren es 0,4%.
  • Unter Gilenya® nahm bei 82% gegenüber 76% unter Plazebo die Beeinträchtigung nicht zu. Somit nahm bei 6% der Behandelten die Beeinträchtigung therapiebedingt nicht zu.
  • Unter Gilenya® hatten 50% keine neuen Herde im Kernspin gegenüber 21% unter Plazebo.

100 Patienten erlitten also in 10 Jahren unter Plazebo 4 Schübe. Unter Gilenya® waren es 2. Wer täglich Gilenya® nimmt hat also in 10 Jahren 2 Schübe weniger.

Nebenwirkungen

Es ist logisch: Weil Fingolimod die Zahl der Lymphozyten senkt, wird man anfälliger für Entzündungen, und es kann auch zum Aufflackern von Herpesvirusinfektionen (Herpes labialis, Herpes zoster) kommen. Außerdem verringert Fingolimod die Herzfrequenz (Bradykardie). Wenn man es zum ersten Mal einnimmt, passiert das am Besten in einer Klinik, weil das Herz 6 Stunden lang überwacht werden muss. Wenn man sowieso schon unter einem unregelmäßigen Herzschlag leidet, sollte man es nicht einnehmen.

Auch können Makulaödeme auftreten. Das Makulaödem ist eine Schwellung genau der Stelle am Augenhintergrund, mit der man am schärfsten sieht. Es kann dadurch eine Sehverschlechterung entstehen, die leicht für eine MS-bedingte Sehnervenentzündung gehalten wird. Weitere häufige Nebenwirkungen von Gilenya® sind Kopfschmerzen, depressive Verstimmungen, Husten, Unwohlsein mit Übelkeit, Fieber usw., aber das wichtigste Problem sind wohl epileptische Anfälle.

Ich habe keine Schübe mehr: Ist das wirklich ein gutes Zeichen?

Was man auch einnimmt, man wird immer unsicher sein: Wie wäre die MS verlaufen, wenn ich nichts eingenommen hätte? Das fragt man sich vor allem dann oft, wenn man lange gezögert hat, überhaupt etwas einzunehmen. Dann wird die Wahrscheinlichkeit nämlich immer größer, dass überhaupt keine Schübe mehr auftreten. Ich denke, folgende Schilderung ist typisch:

Ich nehme Fingolimod seit knapp über zwei Jahren; ich war schon bei der Studie dabei. Außer den bekannten Nebenwirkungen bei der Ersteinnahme und den veränderten Blutwerten, die aber Teil des Konzepts sind, habe ich keine Nebenwirkungen. Ich habe Juni seit der Einnahme von Fingolimod auch keine Schübe mehr gehabt und laut regelmäßiger MRTs kein Fortschritt sichtbar.
Einziger Wermutstropfen ist eine ziemlich genau mit dem Zeitpunkt der Ersteinnahme einsetzende Progression der Krankheit. (Irgendwie hatte ich damals auch gespürt, dass die MS aktiv werden wollte, deswegen war ich auch so scharf auf das Fingolimod, wollte es unbedingt haben und wurde auch in die Studie aufgenommen.)
Mit anderen Worten: Ich habe heute Behinderungen, die ich vor zwei Jahren noch nicht hatte, allerdings alles Beschwerden, die während der Schübe früher schon einmal aufgetreten waren und die sich dann via Remission wunderbarerweise wieder zurückentwickelt hatten.
Ansonsten: Keine Nebenwirkungen - und bis auf die MS und die dadurch verursachten Einschränkungen und Behinderungen topfit.

Ich fühle mich unter Fingolimod® so müde!

Und auch bei der Müdigkeit ist schwer einzuschätzen, woher sie kommt:

Seit zwei Monaten nehme ich das Gilenya®. Am Anfang hatte ich Nebenwirkungen, die schnell wieder vergingen (Herzkreislauf, juckender Oberkörper, Müdigkeit). Nun, zwei Monate später, beginnt das mit dem Juckreiz erneut und ich komme am Morgen kaum noch aus den Federn. Ich bin mittlerweile so müde, dass ich kaum noch kann. Klar, das Fatigue war bei mir schon vorher ausgeprägt, aber das ist nichts im Vergleich zu jetzt. Mit diesem Gilenya gehe ich extrem auf dem Zahnfleisch seit 2-3 Wochen.
Kennt das jemand, diese abnorme Müdigkeit von Gilenya? Legt sich das mit der Zeit wieder?

Jemand anderes schreibt:

Seitdem ich Gilenya® nehme habe ich einen neuen Spitznamen bekommen. Mein Mann nennt mich jetzt "Bettwanze".​...Ich bin immer müde egal wieviel ich schlafe. Blöde Situation.

Sind Träume in Erfüllung gegangen?

Meine Antwort ist eindeutig: Nein! Ich bin nach wie vor der Basistherapie gegenüber skeptisch eingestellt. Die fragliche Wirkung und die nahezu sicheren Nebenwirkungen rechtfertigen auch eine orale MS-Therapie nicht.

Und die Kosten? Se sind hoch und werden immer höher. Sie haben sicherlich von den skandalträchtigen Vorkommnissen rund um Tecfidera® gehört. 1 Kilogramm Fumarsäure kostet in der Herstellung etwa so viel wie 1 Kilogramm Zucker, aber es wird an MS-Patienten zu einem Preis verkauft, der 1 Kilogramm Gold entspricht. Ich will nicht darüber diskutieren, ob das gerechtfertigt oder ein maßloser Wucher ist.

Interessant ist auch, dass Tecfidera® ja nicht eigentlich ein neues Präparat war, und dass es seine Zulassung nur für die neue Dosierung 2mal 240mg erhalten hat. Ich habe das noch nie erlebt, dass ein Medikament deswegen eine neues Medikament ist, weil man es in einer neuen Dosierung verordnet. Das hat übrigens auch den Nachteil, dass man es nicht individuell dosieren kann, denn schlanke Menschen würden natürlich gern eine geringere Dosierung einnehmen – gerade dann, wenn sie das Medikament nicht so gut vertragen.

Kann man in Deubels Küche kommen?

Die MS-Therapie ist in einigen Fällen sehr schwierig und unübersichtlich geworden. Jemand schrieb diesen Hilferuf:

Bei mir steht demnächst der Wechsel von Tysabri® auf ein Nachfolgemedikament an. Alemtuzumab (Lemtrada®) lehne ich ab, Tecfidera und Gilenya stehen zur Debatte und aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich mich für Tecfidera entscheiden. (Auf Copaxone® kann ich aufgrund Allergie nicht zurück, Aubagio® war völlig wirkungslos und auf Avonex und Rebif habe ich mit Depressionen reagiert).
Man hat mich darüber aufgeklärt, dass bei allen drei Medikamenten der Abstand zu Tysabri® 6 Wochen sein muss. Um meine Sicherheit zu erhöhen hat man mir in der Übergangsphase einen Cortisonstoß angeboten. Bis der Tecfidera®-Spiegel aufgebaut ist, ist das Cortison doch eh wieder raus. Ist das üblich einfach mal eben Cortison ohne Schubsymptome? Cortison hat im Schub selbst bei mir noch keinmal gewirkt. Viele Nebenwirkungen, aber keine spürbare Besserung. Wird das immer so gemacht, ist das üblich?

Sie erhielt folgende Antwort:

Der Sicherheitsabstand von Tysabri® zu Gilenya® bzw. Tecfidera® beträgt mindestens 6 Wochen. Dein Blutbild muss wieder so aussehen, wie vor Tysabri®. Ich kenne Neurologen die sagen: mindestens 3 Monat, um das Risiko einer PML zu minimieren und auch sicherzugehen, dass Tysabri aus dem Körper wirklich raus ist.
Ich hab damals nach 3 Monaten einen Kortisonstoß gemacht mit 3x500mg und nach weiteren 2 Monaten noch einmal 3x500mg. Ich bin mit einem Abstand von 6 Monaten von Tysabri® auf Gilenya® gewechselt. Aber einen Monat vor dem Beginn mit Gilenya® sollte man kein Kortison genommen haben...
Das ist zwar nun schon ein paar Jahre her, aber die Neurologen wollte da lieber auf Nummer Sicher gehen.
Meine Schübe kamen normal immer alle 3-4 Monate, so sollte dem dann etwas vorgebeugt werden. Allerdings habe ich immer gut auf Kortison reagiert.
Wirkt den Tysabri® bei dir nicht? Oder warum willst du wechseln?

Die Antwort lautete:

Bei mir sind die 2 Jahre Tysabri® fast rum. Ich war von Beginn an JCV-positiv, habe schon Immunsuppressiva genommen, und ich habe unerklärliche Blutbildverände​rungen, die schon zu Verdacht auf chronische Leukämie (mitsamt Knochenmarkspunktion​) geführt haben, was sich zum Glück aber nicht bestätigt hat. Meine Leukos sind seit einem dreiviertel Jahr immer zu hoch, ich habe Vorstufen von roten und weißen Blutkörperchen im Knochenmark und Blut und neoplastische Lymphozyten (mal sind sie vorhanden, mal nicht - treten aber im Zusammenhang mit bösartigen Knochenmarkserkranku​ngen und Lymphomen auf).
Tysabri® ist bei onkologischen Erkrankungen kontraindiziert, aber man hat nichts gefunden - aber auch keine Erklärung. Momentan wird wieder Kontakt mit BIOGEN aufgenommen, in den Studien sind diese Veränderungen nicht erwähnt.
Die Werte sind nicht normal, und wir können nur beobachten wie sie sich entwickeln, aber die Neurologen geben das Tysabri® so nur ungern und ich musste extra unterschreiben dass ich trotz meiner Laborbefunde die Therapie fortsetzen möchte.
Ich habe in der Uni einmal drei Wochen lang neben einer sterbenden PML-Patientin gelegen und habe immer gesagt: wenn Tysabri®, dann nur 2 Jahre - und die Gesamtkonstellation ist momentan auch nicht so prickelnd.
Vor Tysabri® hatte ich einen schweren Schub nach dem anderen, war mehrfach zur Plasmapherese. Unter Tysabri® geht es mir gut und einen richtigen Schub hatte ich nur einen Monat nach Tysabristart, danach häufig mal neue Missempfindungen​, Sensibilitätsst​örungen, war aber stabil (auch das MRT).
Mit Tysabri komme ich gut zurecht und stelle mir schon die Frage, ob ich das Risiko eingehen soll, aber die Gesamtsituation hält mich davon ab.

Ich kann das Zögern und Schwanken gut verstehen, und ich glaube, guter Rat ist hier teuer.

Was sind harte Kriterien?

Es wird immer ‚nette’ Ärzte geben, die attestieren ihren Patienten, die sich nicht spritzen wollen, alles, was sie wollen. Z.B. dass sie durch die Betainterferone oder Copaxone® Depressionen bekommen, und dann kann die Krankenkasse nicht mehr viel sagen. Oder sie machen die MS stürmischer als sie ist, wenn es für die Verschreibung eines Medikaments erforderlich ist.

MERKE: Neue ‚stumme’ Herde im Kontroll-Kernspin sind keine Indikation, auf Gilenya® umzustellen!

 

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