Die MS ist nicht nur ein naturwissenschaftliches Ereignis! (Allgemeines)

W.W. @, Donnerstag, 04.02.2021, 13:01 (vor 25 Tagen)

Ich glaube, dass wir die Ursache der MS nicht finden, weil wir sie zu naturwissenschaftlich betrachten, und die MS nun einmal kein naturwissenschaftliches Ereignis ist. Ich möchte das näher begründen. Aber bevor ich das tue, möchte ich schildern, wie ich mir die ideale Behandlung eines MS-Patienten bzw. einer MS-Patientin vorstellen würde.

Die 23jährige Karin M. leidet seit längerem unter Schwindel und Müdigkeit. Vor zwei Wochen hatte sie beim Joggen bemerkt, dass sie das linke Bein nachzog. Als es am nächsten Tag taub und schwer wie Blei wurde, suchte sie einen Neurologen auf, der sofort ein Kernspintomogramm des Gehirns veranlasste. Dort fanden sich fünf weiße Flecken am Rand der Hirnkammern. Im Liquor wurden oligoklonale Banden nachgewiesen. Die visuell evozierten Potentiale waren rechtsseitig verlängert, und auf Befragen erinnert sie sich, dass sie vor etwa fünf Jahren eine vorübergehende Sehstörung auf dem rechten Auge hatte.

Der Arzt nimmt sich Zeit und erklärt ihr, dass an der Diagnose einer MS aus seiner Sicht kein Zweifel bestehe und sie jetzt den zweiten Schub erlitten habe. Der Verlauf der MS sei nicht vorhersehbar, aber man müsse leider davon ausgehen, dass die Erkrankung oft bereits nach fünf, zehn, spätestens fünfzehn Jahren zu einer schweren Behinderung führe. Darum schlage er ihr vor, jetzt gleich mit einer Behandlung zu beginnen, welche die Krankheitsaktivität bremse. Große Studien hätten gezeigt, dass dadurch die Schubzahl um ein Drittel reduziert werde.

Die junge Frau ist erschreckt, als sie erfährt, dass sie sich das Medikament, das er empfiehlt, dreimal in der Woche selbst unter die Haut spritzen soll, und dass sie unter der Behandlung nicht schwanger werden darf. Sie möchte gern Kinder haben und hat furchtbare Angst vor Spritzen, und sie fragt, ob man nicht erst einmal abwarten könne, vielleicht komme die Krankheit auch ohne Medikamente zum Stillstand.

Auch wenn zunächst kein weiterer Schub aufträte, sagt der Arzt, handele es sich um eine trügerische Ruhe, denn unterhalb der Oberfläche würde der Entzündungsprozess unbemerkt weiter schwelen und eine Menge Nervenfasern zerstören, die auf immer verloren wären. Darum müsse die Krankheit bereits im Anfangsstadium früh und konsequent bekämpft werden.

Frau M. bittet um Bedenkzeit. Sie wendet sich an ihren Hausarzt, der ihr die Adresse einer Neurologin gibt, von der sie eine zweite Meinung einholen könnte. Wenige Tage später sitzt sie dieser gegenüber. Sie teilt die Ansicht ihres Kollegen, dass an der Diagnose einer MS kein Zweifel sei, ist aber - was die sofortige Einleitung einer Therapie anbelangt – wesentlich zurückhaltender eingestellt.

Sie sieht sich die Kernspinbilder genau an und sagt, es handele sich ausschließlich um ältere Herde, die weitgehend ausgeheilt seien. Sogenannte „schwarze Löcher“, also aggressivere Herde, seien nicht nachweisbar. Wenn man bedenke, dass die Krankheit mindestens schon fünf Jahre bestehe und nicht mehr als fünf Herde produziert habe, also nicht mehr als einen Herd pro Jahr, dann könne man mit guten Gründen von einer niedrigen Krankheitsaktivität ausgehen. Außerdem besage eine gute, wenn auch nicht immer zutreffende Regel, die MS-Aktivität lasse im Laufe der Jahre immer mehr nach.

„Und was bedeutet das für mich?“, fragt Frau M..

„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen wirklich eine Basistherapie empfehlen sollte“, sagt die Neurologin. „Die Nebenwirkungen sind erheblich und die Wirksamkeit fraglich, vor allem konnte bisher nicht überzeugend nachgewiesen werden, dass die Basistherapie den Langzeitverlauf der MS günstig beeinflusst. Man schließt das nur indirekt, weil sie die Bildung neuer Herde unterdrückt. Weniger neue Herde gleich weniger Behinderung im weiteren Verlauf, so hofft man. Falls diese Überlegung stimmt, dann ist eine frühzeitige Behandlung vor allem dann zu empfehlen, wenn zu erwarten ist, dass die Krankheit weiterhin sehr aktiv sein wird, dass also z.B. fünf oder zehn neue Herde im nächsten Jahr dazukommen. Aber diese Situation liegt in Ihrem Fall nicht vor.“

Frau M. ist wie erleichtert. Die Neurologin fährt fort: „Vielleicht erzählen Sie mir einmal, was in den letzten Wochen alles so los war. Gab es irgendetwas, dass Sie aus dem Gleichgewicht gebracht oder Ihre Widerstandskraft geschwächt hat?“ Die junge Frau bricht in Tränen aus. In letzter Zeit sei vieles zusammengekommen. Vor drei Monaten habe sie zufällig erfahren, dass ihr Freund sie mit ihrer besten Freundin betrogen habe. Außerdem habe sie große Probleme an ihrer Arbeitsstelle, sie müsse ständig Überstunden machen und komme mit ihrem Vorgesetzten nicht aus. Aber jetzt sei ihrem Versetzungsgesuch stattgegeben worden, so dass sie ab nächsten Monat den Arbeitsplatz bekomme, den sie sich seit langem gewünscht habe.

„Theoretisch“, sagt die Neurologin nachdenklich, „müssten Sie sich drei Jahre lang behandeln lassen, um eventuell einen neuen Herd zu verhindern. Das scheint mir bei den doch nicht unerheblichen Nebenwirkungen, die sich auch auf ihre Leistungsfähigkeit am neuen Arbeitsplatz auswirken werden, unverhältnismäßig zu sein. Ganz abgesehen davon, dass Sie durch die häufigen Spritzen kein normales Leben mehr führen können und ständig daran erinnert werden, krank zu sein. Aus meiner Sicht spricht viel dafür, dass Ihre beruflichen Probleme zusammen mit der enttäuschten Liebesbeziehung dazu beigetragen haben, dass sich Ihre MS jetzt so deutlich zurückgemeldet hat. Ich sehe in Ihrem Fall keine Gefahr im Verzug, und ich denke, Sie sollten erst einmal abwarten, wie sich Ihre Krankheit ohne Medikamente weiterentwickelt.“

Frau M. ist hin- und hergerissen. Beide Ärzte haben sich viel Zeit genommen und sie einfühlsam aufgeklärt. Aber ihre Empfehlungen sind widersprüchlich. Was soll sie tun? Geht sie wirklich ein hohes Risiko ein, wenn sie noch ein paar Monate - und wenn alles ruhig bleibt, auch ein paar Jahre - abwartet?

Es ist und bleibt ein Dilemma, junge MS-Betroffene, von denen wir wissen, dass sie zu einem großen Teil niemals schwerwiegende Behinderungen durch die Erkrankung erleiden werden, aufs Geratewohl den Nebenwirkungen und Risiken einer Langzeittherapie mit Immunmodulatoren auszusetzen, um den Verlauf bei einem kleineren Anteil mit einer aggressiveren MS abzumildern. (aus Wolfgang Weihe: Multiple Sklerose 2020)

Im Folgenden will ich darauf hinaus, dass die MS zweierlei ist: Zum einen ist sie ein Geschehen, dass sich in einem Milieu abspielt, das naturwissenschaftlich (also unter dem Mikroskop und im Tierexperiment) untersucht werden kann, zum anderen spielt sich die Krankheit und ihre Entstehung in einem hochkomplizierten Umfeld ab, für das es keine naturwissenschaftlichen Gesetze gibt.

Was könnte das sein? Nun, man kann sich z.B. unglücklich verlieben, die Großmutter kann sterben und man kann mit einem Arbeitsplatz nicht zurechtkommen.

Wenn jemand sagen würde, das sei egal, für alles gäbe es Gesetze, denen sich ein Organismus beugen müsse, so ist das sehr eng gesehen.

W.W.

Die MS ist nicht nur ein naturwissenschaftliches Ereignis!

Mimmi, Donnerstag, 04.02.2021, 15:01 (vor 25 Tagen) @ W.W.

Herr Weihe Sie sind unmöglich...
Eigentlich wollte ich hier nicht mehr schreiben und nun schaue ich nach längere Zeit mal wieder rein und dann so etwas!

Haben Sie in letzter Zeit zu viele Groschenromane gelesen?

Groschenromane

Ich lach mich kaputt rofl

Die MS ist nicht nur ein naturwissenschaftliches Ereignis!

W.W. @, Donnerstag, 04.02.2021, 16:32 (vor 25 Tagen) @ W.W.

Wenn jemand sagen würde, das sei egal, für alles gäbe es Gesetze, denen sich ein Organismus beugen müsse, so ist das arg eng gesehen.

Bleibt die Frage, warum die MS kein Ereignis ist, das man so behandeln kann wie ein Experiment im Physiksaal der Schule? Die Antwort ist ganz einfach, obwohl sie kaum jemand kennt. Physikalisch nennt man sie das 'Vielkörperproblem'. Das klingt komplizierter, als es ist, und ich möchte es an der Planetenbahn klarmachen.

Jeder ist sich sicher, dass die Bahn der Erde um die Sonne stabil ist und ebenso die Umrundung des Mondes um die Erde. Darum kann man ja genau ausrechnen, wann die nächste totale Sonnenfinsternis sein wird. Auf die Sekunde genau!

Aber diese Genauigkeit ist ein Irrtum. Das liegt daran, dass mehrere Planeten um die Sonne kreisen und die Gravitationskraft nicht nur zwischen Sonne und Erde, sondern auch zwischen Erde und Mond wirkt (Ebbe und Flut!). Dazu kommen Jupiter, Mars, Venus und alle die anderen Planeten. Daraus ergibt sich ein so kompliziertes Wechselwirkungssystem, dass es keineswegs stabil ist und nur näherungsweise berechnet werden kann.

Und dennoch scheint das Sonne-Erde-Mond-System sehr genau zu funktionieren, obwohl es das rein rechnerisch nicht sein dürfte. Die Frage nach der Stabilität unseres Planetensystems ist also – soweit ich weiß - ungelöst, und es wird sogar von anerkannten Astronomen angenommen, dass es durch eine Art ‚göttlicher Fügung' so eingerichtet ist, dass es so gut funktioniert - aber das ist natürlich keine besonders gute Erklärung.

Ich wollte damit nur zeigen, wie sehr wir unsere Physik überschätzen, indem wir annehmen, je mehr wir wüssten, desto genauer könnten wir vorhersagen, was passiert. Ich fürchte, es ist allein aufgrund physikalischer Gesetze so, dass wir selbst wenn wir alles über einen Menschen wüssten, nicht vorhersagen könnten, ob er eine MS bekommt oder nicht. Es ist wie mit dem Schmetterling in Japan, dessen Flügelschlag zu einem Taifun führen kann.

Kurz: Wir überschätzen unser Wissen über Physik, Chemie, Biologie und Gene und unterschätzen, dass der Mensch wegen der Vielzähligkeit seiner Beziehungen zu seiner Umwelt nicht berechenbar ist.

W.W.

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MS im Weihschen Therapiedilemma?

agno @, Donnerstag, 04.02.2021, 17:14 (vor 25 Tagen) @ W.W.

;-) oder einfach das Weihsche Therapiedilemma?
Deine Kunndschaft kam und berichtete von MS-Problemen, von persönlichen Sorgen und von neurologischem Therapiedruck.
Du meintest, dass wenn diese Sorgen bearbeit würden, die Therapie mit ihren Nebenwirkungen, unwichtig werden würde.
Deine Gegner meinen dass dein Focus auf persönlichen MSlerSorgen, einen Bogen zur Demontage der MSler-Persönlichkeit in Unfähigkeit, schlägt.
Damit bist Du die Rettung derer die Dich aufsuchen und das personifizierte Böse für alle anderen. Ich würdenicht mit Dir tauschen wollen.
Gruß agno

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Gschafft ist aber noch nix

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