Frauen werden doppelt so häufig von der MS betroffen wie Männer! (Allgemeines)

W.W. @, Sonntag, 12.07.2020, 18:28 (vor 23 Tagen)

Es gibt zwei übliche Erklärungen: 1. Frauen haben zwei X-Chromosomen und Männer nur eins, und 2. Frauen erkranken doppelt so häufig an Autoimmunerkrankungen (was aber möglicherweise etwas mit ihren zwei X-Chromosomen zu tun hat, und sich die Katze in den Schwanz beißt).

Ich halte beide Erklärungen nicht für sehr schlüssig. Vor allem stört mich daran, dass sie den Blick dafür verstellen, dass Frauen und Männer ganz unterschiedliche Wesen sind und Frauen doppelt so stark belastet sein könnten wie Männer.

Das Biologische spielt sicher eine Rolle, aber meiner Ansicht nach spricht einiges dafür, dass junge Frauen sozioökonomisch belasteter sind als junge Männer. Jedenfalls ist das eine Annahme, die man ernsthafter als bisher prüfen sollte, um die Geschlechterdifferenz zu erklären. Sonst könnte man etwas Wichtiges übersehen.

W.W.

Hormon- und Immunsystem

stefan ⌂ @, Berlin, Montag, 13.07.2020, 10:07 (vor 23 Tagen) @ W.W.

Es mag unterschiedliche Formen von MS geben, die also teilweise auch zwischen den Geschlechtern gleich verteilt sind und ansonsten eben nicht.

Ein Unterschied zwischen dem „schönen Geschlecht“ Mann und dem „starken Geschlecht“ Frau liegt im unterschiedlichen Immunsystem bzw. Hormonsystem.

Entsprechende zyklische Schwankungen könnten also zB eine gewisse Gefahr und ein Risiko darstellen... und entsprechend bei der Entstehung der MS ja eine Rolle spielen.

Du hättest Deine Patientinnen einfach fragen können, ob sie im Monat vor einem „Schub“ möglicherweise zufällige ihre Periode hatten. Schwangerschaft schützt ja angeblich vor Schüben :-)

https://www.xbyx.de/magazin/wie-unser-zyklus-das-immunsystem-beeinflusst/

Die im Link enthaltene Werbung für Super-Pulver ist Ironie! ;-)

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Alles was lebt ist heilig.

Hormon- und Immunsystem

W.W. @, Montag, 13.07.2020, 12:06 (vor 23 Tagen) @ stefan

Es mag unterschiedliche Formen von MS geben, die also teilweise auch zwischen den Geschlechtern gleich verteilt sind und ansonsten eben nicht.

Ein Unterschied zwischen dem „schönen Geschlecht“ Mann und dem „starken Geschlecht“ Frau liegt im unterschiedlichen Immunsystem bzw. Hormonsystem.

Lieber Stefan,

ich meine, beides könnte bedenklich sein: 1. die unübersichtliche Aufsplitterung der MS in unterschiedliche MS-Formen, als gäbe es möglicherweise 3 oder sogar 1000 MSse, während ich meine, dass es nur eine MS gibt und sie so vielgestaltig ist, weil ihre Ursachen so vielgestaltig sind.

Das Proteushafte der MS wird als Ausdruck dessen gewertet, dass man fälschlicherweise die MS als Krankheitseinheit betrachtet, dabei könnte man aber übersehen, dass es die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Ursachen ist, die die MS in so schillernden Formen auftreten lässt. Risikofaktoren verursachen ein bunteres Bild als eine einzelne Ursache!

Das 2. Bedenken ist, dass wir uns zu schnell für eine "biologische" Lösung entscheiden, weil sie uns näher und im Trend liegt, als die Verwurzelung der MS im Lebensschicksal.

Wolfgang

Schicksal und andere Erzählungen

stefan ⌂ @, Berlin, Montag, 13.07.2020, 12:33 (vor 23 Tagen) @ W.W.

Dass so ein MS und das „Lebensschicksal“ einen Bezug aufeinander haben könnten, das wird schwer zu beweisen sein.

Meine MS und mein Lebensschicksal zB führen vollständig parallele Wege und haben nur dann etwas miteinander zu tun, wenn ich mal keine andere Idee oder Beschreibung finde, was zunehmend seltener vorkommt.

Mein Schicksal: ich werde täglich meist älter, eigenwilliger, gewöhne mich an die Abfolge von Tag und Nacht, Wochentage und Jahreszeiten.

Was könnte das also mit MS zu tun haben?

Was hat Fusspilz mit Fatalismus oder Haarausfall mit Religion zu tun?

Ich finde, eine Diagnose ist das eine und ein abstrakter Begriff wie „Lebensschicksal“ ein ganz anderer Schuh, und wenn Du das verknüpft sehen möchtest, warum nicht eine schöne Geschichte schreiben, von einem Menschen, vielleicht auch einer Frau, die eines Tages wie aus heiterem Himmel von einem Arzt eine Diagnose bekommt und fortan überlegt, was sie damit nun anfangen könnte und welche Wendung ihr Schicksal damit nun genommen hat.

Natürlich kommt sie irgendwann dann zu der Erkenntnis, dass solche Überlegungen allenfalls gut zur Unterhaltung sind oder schließt sich Peggys Labor für kontrafaktisches Denken an, was wäre gewesen, wenn...

ein grosser Spaß

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Alles was lebt ist heilig.

Schicksal und andere Erzählungen

W.W. @, Montag, 13.07.2020, 13:14 (vor 23 Tagen) @ stefan

Lieber Stefan,

die Sache ist vertrackt, und ich ahne nur, worauf du hinauswillst. Ist es dies: Es ist nahezu unmöglich, dass einem etwas widerfährt, dass man im Nachhinein nicht so interpretieren könnte, dass es hätte passieren müssen!?

Wenn wir in einen Unfall geraten, eine Ehe geschieden wird oder uns eine MS ereilt, dann gibt es Nachhinein immer gute Gründe, warum das so sein musste. Darum sind diese Interpretationen im Nachhinein so willkürlich, also Geschichten oder Konstruktionen, die wir von Vornherein nicht hätten denken können, weil wir keinen Zugang zu dem haben, was in der Zukunft liegt.

Wir sind immer nur im Nachhinein schlauer, und deshalb ist es so müßig, was wir uns im Nachhinein (wenn uns die MS also bereits ereilt hat) ihre Ursachen zusammenspintisieren.

So gesehen, ist die einzige Situation, die ich mir vorstellen kann, dass man zu Unrecht zu Schaden gekommen ist, ein Flugzeugabsturz, für den man nun wirklich nichts kann, oder das Überqueren einer Brücke, die genau dann zusammenbricht, wenn ich ihre Mitte erreicht habe. .

Im Nachhinein hat also jede MS ihre lebensbedingte Ursache und auch wenn man sie in tausend Fällen nachweist, ändert das nichts daran, dass man die MS interpretiert, wie man in der Schule gelernt hat, ein Gedicht von Eichendorff zu interpretieren.

Es gibt also gar keine Möglichkeit, das Entstehen einer MS unvoreingenommen zu deuten. Das könnte nahelegen, dieses schmale Brett zu verlassen und es mit einer "naturwissenschaftlichen" (biologisch, hormonell) Erklärung zu versuchen. Ich kann das gut verstehen, obwohl ich diese Art von Erklärungen nicht mag!:-(

Wolfgang

Schicksal und andere Erzählungen

stefan ⌂ @, Berlin, Montag, 13.07.2020, 13:21 (vor 23 Tagen) @ W.W.

Meine Lösung für mich ist schon lange, mich überhaupt nicht mehr mit der Frage von „Ursachen“ hier zu beschäftigen.

Das „Stück vom Himmel“, das mir auf den Kopf gefallen ist...

Viele erscheinen mir bei ihrer Ursachenforschung sehr verkrampft und verzweifelt zu sein.

Andere begründen damit ihr Geschäftsmodell, um ihre Forschung oder Produkte zu verkaufen

und viele scheinen mir damit ihre Angst in Schach halten zu wollen nach dem Motto, ich hab’s jetzt also im Griff...

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Alles was lebt ist heilig.

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Schicksal und andere Erzählungen

agno @, Montag, 13.07.2020, 14:30 (vor 23 Tagen) @ stefan

Ich mag einen entschärften Begriff von "Karma" gemeinsam mit einem lockeren Optimismus -> Dass das Unvermeidliche für irgend etwas gut sein wird. & Dass das Gute auf irgeneine Weise wieder zurück kommt.
Aber wie Du sagst Stefan: Hinter diesen Begriffen verbirgt sich manchmal der letzte Halt des Menschen (Patienten). Deshalb verbuche ich das mehr unter freiem Glauben als unter Wissenschaft.
Wobei manche Konstrukte, als freiwilliges Leiden, wirklich sehr schwer schweigend zu beobachten sind.
agno

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Gschafft ist aber noch nix

Schicksal und andere Erzählungen

stefan ⌂ @, Berlin, Montag, 13.07.2020, 14:40 (vor 23 Tagen) @ agno

Das „Universum“ sorgt für uns und macht sich entsprechende Pläne.

Wie auch immer wir das interpretieren oder damit umgehen.

Das Schönste, was eine Fee einem Kind in die Wiege legen kann, sind ja angeblich Schwierigkeiten, die es überwinden muss.

--
Alles was lebt ist heilig.

Schicksal und andere Erzählungen

W.W. @, Montag, 13.07.2020, 15:57 (vor 22 Tagen) @ stefan

Das „Universum“ sorgt für uns und macht sich entsprechende Pläne.

Wie auch immer wir das interpretieren oder damit umgehen.

Das Schönste, was eine Fee einem Kind in die Wiege legen kann, sind ja angeblich Schwierigkeiten, die es überwinden muss.

Nein, nein, nein! Keine 13. Fee legt uns die Schwierigkeiten in den Weg, unsere Weg ist mit ihnen gepflastert, aber oft merken wir das gar nicht, sondern drängen unbekümmert in die Welt hinaus, als sei sie ein Garten (Ponyhof).

Und ja! In der Tiefe meiner Seele habe ich das "religiöse" Gefühl, als ob das "Universum" und hinan ziehen wolle. Aber das können wir mit Kant nur hoffen! Auch das entzieht sich einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise, die es mehr mit Dingen, Tatsachen und Experimenten hat. Es geht aber um Interpretationen, die aus dem verwirrenden Kuddelmuddel ein Ganzes machen.

Wolfgang

Schicksal und andere Erzählungen

W.W. @, Montag, 13.07.2020, 15:47 (vor 22 Tagen) @ stefan

Meine Lösung für mich ist schon lange, mich überhaupt nicht mehr mit der Frage von „Ursachen“ hier zu beschäftigen.

Das „Stück vom Himmel“, das mir auf den Kopf gefallen ist...

Viele erscheinen mir bei ihrer Ursachenforschung sehr verkrampft und verzweifelt zu sein.

Andere begründen damit ihr Geschäftsmodell, um ihre Forschung oder Produkte zu verkaufen

und viele scheinen mir damit ihre Angst in Schach halten zu wollen nach dem Motto, ich hab’s jetzt also im Griff...


Aber wenn doch der Begriff "Ursache" durch die Risikofaktoren, also das Ursachennetz, ersetzt wird, dann ist das doch weniger "verkrampft". Das Leben tritt an die Stelle der Ursachen-Wirkungs-Kette.

Jeder könnte seine eigene Ursache haben, weil er seine eigene Art hat, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen. Und folgt daraus nicht das Gegenteil von "Alles im Griff haben", nämlich der Welt ausgeliefert zu sein?

Es ist so eine völlig andere Sichtweise, dass es mir schwerfällt, sie zum Ausdruck zu bringen. Sie entzieht sich der naturwissenschaftlichen Darstellung, die ja das Komplizierte in einfache Bestandteile zerlegen will: den Organismus in die Zellen, die Zellen in ein physikochemisches Geschehen, das letztendlich zu Enzymen, Molekülen und Atomen führt.

Aber das Leben und insbesondere die MS ist kein Experiment in einem Physiksaal! Und darum kann man die MS auch nicht sezieren wie einen toten Frosch.

Wolfgang

PS: Ich merke ein wenig, wie meine Ausdrucksweise (gerade weil sie dem, was sie zum Ausdruck bringen will, nicht gerecht wird) der von Heidegger immer ähnlicher wird!:-( Auf jeden Fall beginnt eine neue Art, über die MS zu reden!:-) Eine Weise, die sich abwendet vom naturwissenschaftlichen Ideal.

So ganz klar war es eigentlich nie, dass es sich bei Krankheiten um ein physikochemisches Geschehen handelt. Immer wieder wurde die Vermutung geäußert, eine solche Herangehensweise könnte eine arge Vereinfachung sein, obwohl sie Vorteile hat, indem sie sich mit Popper auf eine ganze Batterie naturwissenschaftlicher Verfahrensweise berufen kann.

Aber die Dynamik eines psychokulturellen Geschehens könnte sich der Betrachtungsweise durch ein Mikroskop entziehen.:-( Ein an sich gute Methode könnte also ungeeignet sein. Und die Gefahr lauert immer und überall, dass man, wenn man einen guten Hammer hat, Probleme wie Nägel behandelt.

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