Ich habe bestimmt nicht lange genug darüber nachgedacht. (Allgemeines)

W.W. @, Dienstag, 23.06.2020, 18:28 (vor 45 Tagen)

Aber ich stutzte, als ich hier las, dass das hier ein Hund und das da drüben ein Haus ist. Diese Worte haben etwas Beruhigendes, als seien sie ein Fels in der Brandung, und trotzdem habe ich Angst vor ihnen.

Normalerweise ist das, was wir sagen, so dahergeredet und auf Sand gebaut: Man hat etwas gehört, gibt es verstümmelt wieder, die Tatsachen haben sich schon längst aufgelöst, die Welt scheint nicht mehr zu sein, was der Fall ist.

Können wir zu dieser Klarheit der Sprache zurückkehren, wenn wir uns Mühe geben und unsere Sprache täglich säubern wie unsere Rüstung? Oder wird es uns immer wieder passieren, dass uns etwas in die Sätze und zwischen die Wörter rutscht wie ein Klang aus längst vergangener Zeit?

Ich denke an ein Gedicht, was kann uns das sagen?
"Steh auf, steh auf!
Wir werden nicht angenommen,
die Botschaft kam mit dem Schatten der Sterne."

So viel und so wenig wie "Yesterday" oder "These boots are made for walking". Was wollen wir zum Ausdruck bringen? Eine Bewunderung, ein Lob, ein Grauen?

Wir versuchen redlich, unsere Wörter zu benutzen wie mathematische Formeln - und vergessen dabei, dass unsere Wörter nichts weniger sind als mathematische Formeln. Indem sie ein glitzerndes Gespinst sind zwischen den Gräsern, Blättern und Ästen, etwas, das nur wir sehen.

Natürlich wollen wir dem anderen etwas sagen, aber oft muss er sich erträumen, was wir ausdrücken wollten.

W.W.

Ich habe bestimmt nicht lange genug darüber nachgedacht.

W.W. @, Mittwoch, 24.06.2020, 10:46 (vor 45 Tagen) @ W.W.

Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich versucht habe, etwas zum Ausdruck zu bringen, das man schlecht ausdrücken kann.:-( Insofern gehört das Gemeinte und nicht ausreichend klar zu Machende eher in ein "Hinterzimmer" oder in die Ferne eines Elfenbeinpalastes - jedenfalls nicht in die Kategorie "Allgemeines", wo es ein Stirnrunzeln hervorruft.

Und dennoch gab es etwas, was mir wichtig erschien: Als ob es an uns selbst läge, wie klar wir sprechen?! Dieser Eindruck schien mir manchmal hier im Forum erzeugt zu werden. Dass wir - im Idealfall - die richtigen Wörter finden für das, was wir ausdrücken wollen, und dass wir, wenn wir ausreichend über einen Sachverhalt nachgedacht haben, ihn besser beurteilen können?!

All dieses scheint so offensichtlich zu sein, und das, was ich geschrieben habe, hätte ja vielleicht auch besser ungeschrieben bleiben können, weil es niemandem hilft und die Unklarheit eher noch erhöht. Oder wollen wir vielleicht die Unklarheit nicht sehen, die für unsere Sprache typisch ist?

Kurz: Ich fürchte, wir drücken uns immer unklar aus, weil unsere Gedanken so individuell sind wie unsere Frisuren, Krawatten, Halsbänder und Hemden. Aber wir vergessen das oft und meinen, wenn wir uns richtig Mühe geben würden, dann könnten wir sagen, was wir meinen.

Aber die Sprache ist etwas anderes als Holzklötzchen, die Autos, Ampeln und Fußgänger darstellen, die wir in unserer Sprache so ordnen, dass der andere sofort versteht, wie es zu einem Unfall gekommen ist.

Unsere Sprache benutzt Wörter, die vieldeutig sind und mit Kindheitserinnerungen belastet, die nur wir selbst haben. Wir sprechen also in gewisser Weise immer aneinander vorbei, auch wenn wir uns noch so große Mühe geben. Es ist wie das, was man einem anderen ins Ohr flüstert, der es wieder einem anderen ins Ohr flüstert. Irgendwann einmal ist die Botschaft nicht mehr wiederzuerkennen - oder man muss sie sich erträumen.

Im "Faust" gibt es eine rührende Stelle, wo Faust schon nach der "Phiole" greift, um Selbstmord zu begehen, und dann erklingen die Osterglocken, und er sagt:
"Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
zieht er auch jetzt zurück mich in das Leben..."

Ich glaube, es ist mehr als eine vage Erinnerung, als ob der Mensch durch Heimat, Kinderglauben und Sprache geformt wird, und nicht einfach so ist, wie er ist. Und es darum auch mit jedem Wort, das er benutzt, eine besondere Bewandtnis hat.

Wenn ich über eine Brutalität der Sprache klage, oder darunter leide, dass sie mich nicht mehr erreicht, dann auch weil die jetzige Sprache nichts mehr von dem in sich trägt, was mich früher "angesprochen" hat - so wie der Duft einer verwelkten Rose zwischen den Seiten eines Buchs nichts mehr mit einer Rose zu tun hat.

Die Musik und das Gedicht bringen etwas zum Ausdruck, was höher ist denn alle Vernunft. Das ist das eine, das andere ist, dass unheimlich viel verloren gehen würde, wenn Menschen anfangen würden, wie Maschinen zu reden.

W.W.

PS: Ich wollte das nur entschuldigend hinzufügen. Meiner Ansicht nach aber könnte der Thread auch gelöscht werden.

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Ich habe 5 Minuten darüber nachgedacht.

agno @, Mittwoch, 24.06.2020, 12:24 (vor 45 Tagen) @ W.W.

Hi Wolfgang
War nach meinem dafürhalten absolut in Ordnung!
Ich saß 5 Minuten vor dem Posting, formulierte im Geiste eine Antwort und stellte fest, dass diese noch schwieriger als dein Text ist. Ich habs dann gelassen.
Deine gute Tat lag in den 5 Minuten in denen ich darüber nachdachte. ;-)
Gruß agno

--
Gschafft ist aber noch nix

Ich habe bestimmt nicht lange genug darüber nachgedacht.

W.W. @, Donnerstag, 25.06.2020, 19:03 (vor 43 Tagen) @ W.W.

Es geht mir nicht aus dem Kopf und darum möchte ich noch einmal darauf zurückkommen. Man könnte "Dichtung und Wahrheit" von Goethe lesen und daraus seitenweise zitieren, um ein authentisches Bild von Goethe zu zeichnen, und man weiß natürlich, dass das nicht geht, obwohl man genau zitiert, weil Goethes Text voller Fallstricke ist: An manches wollte er sich nicht erinnern, an dnderes hat er sich falsch erinnert.

Ein aktuelles Beispiel ist eine Kolumne in der TAZ, in der die Polizei mit Müll verglichen wurde, und gegen die Innenminister Seehofer eigentlich klagen wollte. Wenn man das Geschehen mit eigenen Worten wiedergibt, verfälscht man es gewiss, und wenn man es auszugsweise zitiert, dass wird man dem Exzerpt, auch wenn es wörtlich zitiert, immer noch unterstellen können, es habe etwas aus dem Zusammenhang gerissen.

Und wie war es mit der Ursache für den 1. Weltkrieg und wie mit dem Schweigen Heideggers über den Holocaust? Die "Fakten" helfen nicht, die Wahrheit zu ergründen!

Ich sehe, dass man Sorgfalt walten lassen muss, und sozusagen mit reinen Händen zitieren und berichten, aber kann man das? Wird der, der anderer Meinung ist, nicht immer das Haar in der Suppe finden?

Ist es nicht vielleicht besser, das Unvollkommene in der eigenen Erzählung durch Rede und Gegenrede, also im Gespräch zu korrigieren, indem man darauf hinweist: "Dort hast du etwas falsch verstanden!" Nicht als Vorwurf, sondern als Bestandteil der Auseinandersetzung?

Das Gespräch, die Diskussion ist also wichtiger als das genaue Zitat, das mir ein quadratischer Kreis zu sein scheint. Und dennoch gebe ich zu, dass ich oft gesündigt habe, indem ich falsch oder ungenau zitierte. Ich muss mich bessern, aber da ist eine gr0ße Anstrengung nötig, wenn das Gespräch nicht uninteressant werden soll - in zweierlei Hinsicht: dass es sich in den Fakten verläuft wie in einem Dschungel, und dass es eine Stammtischmeinung wiedergibt.

Die Gefahr ist, dass wir bei Mark Twain enden. Ich habe das schon oft erwähnt. Er erzählt uns, dass ihm anlässlich seiner ersten Anstellung als Berichterstatter eingeschärft wurde, persönliches Wissen und von ihm selbst verifizierte Meldungen scharf von bloßen Gerüchten zu unterscheiden; und so schrieb er: "Eine Frau, die sich als die Ehefrau des Herrn James Jones ausgibt, und von der berichtet wird, dass sie eine führende Rolle im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt spielt, hat anscheinend gestern was man eine Jause nennt für eine Anzahl von angeblichen Damen gegeben. Die Gastgeberin behauptet, die Frau eines hier wohlbekannten Rechtsanwaltes zu sein."

In gewisser Weise setzt die Lebendigkeit der Debatte die Hitzigkeit der Überzeugungen voraus, und es ist eine Kunst, den Weg eines guten Gesprächs zu beschreiten.

W.W.

Gesprächskultur

kerstin @, Freitag, 26.06.2020, 12:55 (vor 43 Tagen) @ W.W.

Hallo Wolfgang,

das sehe ich auch so:


Ist es nicht vielleicht besser, das Unvollkommene in der eigenen Erzählung durch Rede und Gegenrede, also im Gespräch zu korrigieren, indem man darauf hinweist: "Dort hast du etwas falsch verstanden!" Nicht als Vorwurf, sondern als Bestandteil der Auseinandersetzung?

Nur, reden wir hier nicht, sondern schreiben. Und das macht die Kommunikation oft viel komplizierter.

Das Beispiel gefällt mir sehr:

Die Gefahr ist, dass wir bei Mark Twain enden. Ich habe das schon oft erwähnt. Er erzählt uns, dass ihm anlässlich seiner ersten Anstellung als Berichterstatter eingeschärft wurde, persönliches Wissen und von ihm selbst verifizierte Meldungen scharf von bloßen Gerüchten zu unterscheiden; und so schrieb er: "Eine Frau, die sich als die Ehefrau des Herrn James Jones ausgibt, und von der berichtet wird, dass sie eine führende Rolle im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt spielt, hat anscheinend gestern was man eine Jause nennt für eine Anzahl von angeblichen Damen gegeben. Die Gastgeberin behauptet, die Frau eines hier wohlbekannten Rechtsanwaltes zu sein."

In gewisser Weise setzt die Lebendigkeit der Debatte die Hitzigkeit der Überzeugungen voraus, und es ist eine Kunst, den Weg eines guten Gesprächs zu beschreiten.

Und da es mit dem Schreiben manchmal arg kompliziert ist, schweige ich ein bisschen weiter, was mir nicht schwer fällt, da das schöne Wetter mich meist davon abhält, am Tablet zu sitzen.

Liebe Grüße auch an deine Frau, mit der du hoffentlich wieder nett kommunizierst.flowers

Kerstin

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