Die Cochrane Collaboration im Trudeln (Allgemeines)

jerry @, Samstag, 29.09.2018, 10:36 (vor 78 Tagen)

Hallo,

'Dr. Hontschiks Diagnose' in der Frankfurter Rundschau vom 22.9. kommentiert hier die augenblickliche Krise in der Cochrane Collaboration und deren Bedeutung für Gesundheitswesen und die Evidenzbasierte Medizin.

Hontschik beschreibt im Artikel Ursprung und bisheriges Wirken der Cochrane Collaboration sowie deren Reputation in medizinischen Fachkreisen. Jüngst habe Cochrane nun einen ihrer Gründerväter ausgeschlossen, nämlich Peter Gøtzsche aus Kopenhagen.

Hontschiks Kommentar:

Aber jetzt genügte ein lächerlicher Streit über die Bewertung der HPV-Impfung als Vorwand, um Gøtzsche aus der Cochrane Collaboration auszuschließen. Fast die Hälfte der verbliebenen Vorstandsmitglieder hat daraufhin aus Protest ihr Amt niedergelegt. (Zitat)

So sehr ich die Kolumne und deren Autor schätze und bewundere... auch hier ist Feld-Wald-und-Wiesen-KJA jerry anderer Meinung. Was allerdings Hontschiks Kernaussage in jenem Artikel nicht schmälert, im Gegenteil...

Worum ging es beim Ausschluss Peter Gøtzsches aus Cochrane? Um das hier, seinen Einspruch gegen Cochranes Bewertung der HPV-Impfung:

The Cochrane HPV vaccine review was incomplete and ignored important evidence of bias (in deutscher Übertragung etwa 'Die Bewertung der HPV-Impfung durch Cochrane war unvollständig und vernachlässigte wichtige Hinweise auf verzerrende/tendenziöse Einflüsse'.)

Für mich ist es kein lächerliches Streiten, wenn Gøtzsche moniert, dass nahezu die Hälfte zur Verfügung stehender Studien zum Thema nicht in Cochranes Bewertung mit einflossen.

Oder darauf hinweist, dass die zugrundeliegenden Studiendesigns nicht wie sonst üblich 'gegen Plazebo' untersuchten...

Da sind imho Prinzipien der Collaboration in Auflösung begriffen, und es ist gut, dass es Aufrechte gibt wie Peter Gøtzsche.

Vielleicht löst dies ja auch ein reinigendes Gewitter aus, wenn nahezu die Hälfte des Vorstands zurücktritt?

Oder es kommt zur Spaltung in Cochrane light vs. Cochrane classic?! :-D


LG, jerry

Die Cochrane Collaboration im Trudeln

W.W. @, Samstag, 29.09.2018, 13:16 (vor 78 Tagen) @ jerry

Ich weiß, wovon ich rede! Ich hatte vor Jahren im DEUTSCHEN ÄRZTEBLATT eine Auseinandersetzung mit Jörg Windeler von der Cochrane-Gruppe, die ich trotz unterschiedlicher Meinungen als sehr wertvoll empfand: Der „Galileische Dialog“ von Dr. med. Wolfgang Weihe erschien in Heft 13/2004 unter dem Titel „Klinische Studien und Statistik – Von der Wahrscheinlichkeit des Irrtums“.

Jetzt möchte ich auf den Artikel "Evidenz und Eminenz" von Bernd Hontschik eingehen, wobei ich merke, wie schwer es mir fällt, anspruchsvolle Literatur zu lesen und korrekt wiederzugeben. Ohne, dass ich es merke, fließen immer wieder Vorurteile ein!:-(

Meine Kritik 2004 war zwiefach: 1. war ich der Ansicht, dass der "gesunde Menschenverstand" leicht von der Statistik getäuscht wird, und 2. vermutete ich, dass der segensreichen Tätigkeit der Cochrane-Gruppe dadurch ein Ende bereitet wird, dass die großen Pharmafirmen die an sich sehr gute Cochrane-Ideologie für eigene Zwecke ausnutzen und zum "Schein der Weisen" verkommen.

Dass jetzt einer der Gründungsväter, Peter Gotsche, aus der Gruppe ausgeschlossen wurde, scheint mir ein verheerendes Signal zu sein. Gotsche hatte nicht nur den hemmungslosen Gebrauch von Antidepressiva gebrandmarkt (ich berichtete darüber), sondern auch die zweifelhaften Argumente unter die Lupe genommen, die angeblich für das Mammographie-Screening sprachen.

Der Streit, der jetzt zu seinem Ausschluss führte, war einer über den Nutzen der HPV-Impfung.

W.W.

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