Die Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch ist lächerlich! (Allgemeines)

W.W. @, Montag, 27. November 2017, 18:36 (vor 16 Tagen)

Ich glaube, diese Unterscheidung ist überholt, ein historischer Zopf. Sie spielte damals um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Rolle (Kraepelin, Jaspers, Kurt Schneider), weil es damals die beiden endogenen Psychosen (Zyklothymie und Schizophrenie) ein Rätsel waren, und man nach einem Kriterium suchte, "echte Geisteskrankheiten" von "unechten", also eingebildeten, zu unterscheiden.

Wenn wir heutzutage annehmen, dass unsere Seelenlage von Neurohormonen gesteuert wird und diese von Lebensbelastungen, dann bleibt für die somatischen Geisteskrankheiten eigentlich nur noch die, die strikt erblich sind, wie z.B. die Chorea Huntington.

Alle übrigen Krankheiten sind in mehr oder weniger großen Ausmaß "psychosomatisch". Auch die MS.

W.W.

Die Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch ist lächerlich!

Boggy, Montag, 27. November 2017, 20:29 (vor 16 Tagen) @ W.W.

Zur guten Nacht etwas Beachtliches und Bedenkenswertes zum Thema.

Aus:
Kurt Goldstein: "Der Aufbau des Organismus. Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen", Nijhoff, Den Haag 1934.

S. 206: "Diese drei am menschlichen Organismus zu beobachtenden Erscheinungen werden gewöhnlich unter den Termini 'Geist', 'Seele' und 'Körper' beschrieben. Es ist dagegen nichts einzuwenden, wenn man sich darüber klar ist, dass damit nicht drei isolierte Seinssphären gemeint sind, die irgendwie sekundär miteinander in Beziehung stehen, sondern dass es sich bei dieser Charakterisierung um Abstraktionen handelt, jede von ihnen ein künstlich isoliertes Moment organismischen Gesamtgeschehens darstellt."

S. 201: "Eine eindeutige Beschreibung lebendigen Geschehens erfordert die Worte Psychisch und Physisch als zunächst indifferent gegenüber dem wirklichen Geschehen, eben einfach - zunächst wenigstens - nur als Hilfsmittel der Betrachtung zu benutzen."

Gute Nacht!
Boggy
:kerze:

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

Die Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch ist lächerlich!

W.W. @, Dienstag, 28. November 2017, 09:27 (vor 16 Tagen) @ Boggy

Aus:
Kurt Goldstein: "Der Aufbau des Organismus. Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen", Nijhoff, Den Haag 1934.

S. 206: "Diese drei am menschlichen Organismus zu beobachtenden Erscheinungen werden gewöhnlich unter den Termini 'Geist', 'Seele' und 'Körper' beschrieben. Es ist dagegen nichts einzuwenden, wenn man sich darüber klar ist, dass damit nicht drei isolierte Seinssphären gemeint sind, die irgendwie sekundär miteinander in Beziehung stehen, sondern dass es sich bei dieser Charakterisierung um Abstraktionen handelt, jede von ihnen ein künstlich isoliertes Moment organismischen Gesamtgeschehens darstellt."

Ja, das finde ich genau so wie Kurt Goldstein: Die drei Bereiche Geist, Seele und Körper werden begrifflich künstlich isoliert, um besser darüber reden zu können, aber eigentlich gehören sie zusammen.

Sozusagen in Klammern, weil ich mir mit dem Folgenden unsicher bin: Es gibt in der amerikanischen Philosophie des Begriff des "anomalen Monismus", etwas, das sehr schwer zu begreifen ist. Es liegt auf der Hand, dass Körper, Seele und Geist untrennbar miteinander verknüpft sind: Kein Schmerz ohne Erregung von Nervenfasern! Und dennoch sind sie nicht miteinander identisch: Ein Schmerz ist nicht einfach die Erregung einer Nervenfaser.

Anders gesagt: Körper, Seele und Geist sind gleich und doch nicht gleich. Vielleicht ist das auch ein sprachliches Problem, dass wir um der Klarheit willen, Dinge unterscheiden müssen, obwohl sie im Grunde miteinander verwoben sind. Aber darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.

Descartes hätte also Körper und Geist voneinander trennen müssen, um klar darüber reden zu können???:confused: Das sind bedrohliche Untiefen der Philosophie!:-(

W.W.

Die Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch ist lächerlich!

Boggy, Dienstag, 28. November 2017, 10:04 (vor 16 Tagen) @ W.W.

Anders gesagt: Körper, Seele und Geist sind gleich und doch nicht gleich. Vielleicht ist das auch ein sprachliches Problem, dass wir um der Klarheit willen, Dinge unterscheiden müssen, obwohl sie im Grunde miteinander verwoben sind. Aber darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.

Das sind Fragen, mit denen sich auch Goldstein auseinandersetzt.
Z.B.: Ein Kapitel im "Aufbau des Organisnmus" lautet:
"E. Das psycho-physische Problem.
Das Problem des Bewusstseins
und des Unbewussten."

Zur Neuauflage des Buches gibts ein pdf mit dem gesamten, ausführlichen Inhaltsverzheichnis,
Vorwort, Geleitwort, Einführung.

Hier der link:
https://www.fink.de/uploads/tx_mbooks/9783770552818_leseprobe.pdf

Gruß
Boggy

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

Die Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch ist lächerlich!

Nalini @, Montag, 27. November 2017, 22:12 (vor 16 Tagen) @ W.W.

Ich glaube, diese Unterscheidung ist überholt, ein historischer Zopf.

...

Alle übrigen Krankheiten sind in mehr oder weniger großen Ausmaß "psychosomatisch". Auch die MS.

Auch der neue Zweig der sogenannten "Mind-Body-Medizin" greift diesen Gedanken auf. Die Mind-Body-Medizin geht, so eine Definition, von einem untrennbaren Zusammenspiel zwischen Körper, Geist und Seele aus. Und entsprechend sind die Therapieansätze gestaltet. Ein Vertreter im deutschsprachigen Raum ist der Mediziner Prof. Dr. Tobias Esch, Universität Witten-Herdecke.

Ein spannender Ansatz thumb up

Die Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch ist lächerlich!

W.W. @, Dienstag, 28. November 2017, 09:31 (vor 16 Tagen) @ Nalini

Auch der neue Zweig der sogenannten "Mind-Body-Medizin" greift diesen Gedanken auf. Die Mind-Body-Medizin geht, so eine Definition, von einem untrennbaren Zusammenspiel zwischen Körper, Geist und Seele aus. Und entsprechend sind die Therapieansätze gestaltet. Ein Vertreter im deutschsprachigen Raum ist der Mediziner Prof. Dr. Tobias Esch, Universität Witten-Herdecke.

Ich habe noch nie darüber gehört. Könnten Sie Näheres über seinen Standpunkt schreiben?

W.W.

Die Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch ist lächerlich!

Nalini @, Dienstag, 28. November 2017, 09:46 (vor 16 Tagen) @ W.W.

Ich habe noch nie darüber gehört. Könnten Sie Näheres über seinen Standpunkt schreiben?

Ja, ich schreibe gerne ein paar Sätzchen zu diesem spannenden Medizinzweig. Heute klappt es nicht, zuviele Termine. Ich sehe zu, dass ich es morgen oder übermorgen hinkriege.

Die Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch ist lächerlich!

Nalini @, Mittwoch, 29. November 2017, 08:39 (vor 15 Tagen) @ W.W.

Ich habe noch nie darüber gehört. Könnten Sie Näheres über seinen Standpunkt schreiben?

Es gibt zwei gute kurze Beschreibungen. Die benutze ich jetzt mal, denn ich muss das Rad nicht zweimal erfinden.

Dies hier schreibt das Immanuel Krankenhaus in Berlin, Abteilung Naturheilkunde:

Die Mind-Body Medizin (MBM) zielt auf die Stärkung einer gesundheitsföderlichen Gestaltung des Lebensalltags ab. Die Wurzeln der MBM liegen u.a. in den Ergebnissen der Stressforschung. Sie bezieht sich auf den wechselseitigen Einfluss von Geist, Psyche (Mind), Körper (Body) und Verhalten sowie auf die direkte Wirkung von Gefühlen, Gedanken, Einstellungen, sozialen und spirituellen Aspekten und Verhaltensfaktoren auf die Gesundheit.

MBM unterstützt den Menschen darin die Fähigkeit zur Selbstfürsorge zu entwickeln und/oder zu erhalten. Dabei kann die MBM auch Begleitung bieten eine Sinnhaftigkeit für das eigene Leben und die aktuelle Lebenssituation zu finden. Somit hält die Mind-Body Medizin ergänzend zur konventionell bewährten und zur naturheilkundlichen Medizin ein ressourcenorientiertes Therapie-Angebot bereit, das die Patientin/den Patienten in der Eigenaktivität unterstützt, bewusst an der eigenen Genesung und dem Erhalt der Gesundheit mitzuwirken.

Und zur Ergänzung noch eine Beschreibung der Universität Duisburg Essen, Lehrstuhl für Naturheilkunde und Integrative Medizin. Diese ist interessant, weil sie viele chronische Erkrankungen als Zivilisationskrankheiten interpretiert, bedingt durch die "moderne" Lebensweise. Lieber W.W., das dürfte Ihren Vorstellungen entgegenkommen:

Die Lebensbedingungen in den Industrieländern haben in den letzten Jahrzehnten zu einer deutlichen Verlängerung der Lebenserwartung geführt. Zugleich wächst der Anteil der Menschen, die unter chronischen Erkrankungen leiden. Dazu gehören zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Schmerzen, entzündliche Erkrankungen des Darms sowie Krebserkrankungen.

Dass ungünstige Lebensstilfaktoren, wie steigende Anforderungen und Stress, Bewegungsmangel und Fehlernährung sowie eine chronische Dysbalance zwischen Anstrengungen und Entspannung bzw. Erholung die Manifestation und Chronifizierung dieser Erkrankungen begünstigen, ist allgemein bekannt. Im Sinne einer Integrativen Medizin zeigt die Summer School wie Sie mit mind-body-medizinischen Interventionen hier flankierend zu schulmedizinischen und naturheilkundlichen Behandlungen Patient*innen bei der Stärkung ihrer Gesundheitsressourcen nachhaltig unterstützen können.

Die Therapien der MBM sind zum Beispiel (meine Zusammenfassung):
Stressreduktion
Lebensstiländerung
Meditation, Achtsamkeitstraining
"kognitive Umstrukturierung" (Uni Duisburg Essen)
Ernährung, Bewegung

Klar, die Krankenhäuser/Unis empfehlen MBM "ergänzend" bzw. "flankierend" zur Schulmedizin. Wir kennen das. Und wir wissen, dass ganz Hartgesottene, Todesmutige, es auch mal ohne probieren können. Gaaaaaanz vorsichtig ;-) Und bei etwas Glück leben sie noch heute, und das gar nicht mal unbedingt schlecht. (Ironiemodus aus)

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