richtig! (Allgemeines)

MO @, Zürich, Montag, 05.04.2021, 14:25 (vor 15 Tagen) @ W.W.

Ich meine das ganz ernst, da ist keine Ironie oder Zweideutigkeit. Anbei ein paar Gedanken zu ihrem Text:

...bedeutet Heilung ganz einfach, dass alles wieder so ist wie zuvor.

Genau so dachte ich bis vor ein paar Jahren auch.
Beispiele: Man bricht sich ein Bein, der Arzt gipst es und alles wird wieder gut. Oder man hat eine Mittelohentzündung, geht zum Arzt, der guckt ins Ohr und gibt einem Antibiotika-Ohrentropfen und innerhalb von Stunden bessern die Schmerzen und nach ein paar Tagen ist alles wieder wie vorher. In Analogie dazu dachte ich zu Beginn meiner MS "ich geh zum Neurologen, der untersucht mich, verschreibt mir ein MS-Medi, das dauert vielleicht ein bisschen länger als bei den Ohrentropfen und alles wird wieder gut. Natürlich wird es das nicht, nie mehr, nur betonen das alle Involvierten sträflich wenig, respektive sie haben es gesagt und ich war nicht auf "Aufnahme" geschaltet.
Wenn ich heute einem "Gesunden" erkläre, dass sein gesundheitliches Problem auch bei erfolgreicher "Heilung" ihn noch verfolgen wird und er sich deshalb einen Gefallen macht sein Problem zu akzeptieren, dann gucken dich mich ganz vorwurfsvoll an als wäre ich Schuld an deren Knie-Arthrose, Myome, Fusspilz, Hämorrhoiden, Hautkrebs und was die Leute mir sonst noch so anvertrauen weil ich ein Kranker im Rollstuhl bin. Ich glaube die würden mich am liebsten köpfen, so wie man im alten Rom die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft hat.
(Übrigens der einzige Mensch, der mich verstanden hat, war meine Grossmutter. Sie wusste aus eigener Erfahrung was das Alter mit sich bringt, ein paar wenige trifft es halt früher...)

Ich halte das für falsch, denn auch jemand, dessen Lungenentzündung 'geheilt' ist, wird darunter leiden können, dass er nicht mehr so gut beim Marathon ist wie früher. Mit ‚Heilung’ muss etwas anderes gemeint sein, z.B. dass man eine schwere Krankheit überstanden und einen Zustand erreicht hat, der es einem ermöglicht, glücklich und ohne wesentliche Einschränkungen zu leben.

So etwas verstehen nur Menschen, die selber eine schwere Krankheit durchgemacht haben und dann gibt es noch ein paar Wenige mit Empathie, die sich so etwas tatsächlich vorstellen können.

Gerade wird das Thema wieder bei den AMSELN diskutiert und wieder schlagen die Wellen hoch. Die einen sagen, wer meine, dass seine MS geheilt worden sei, habe nie eine wirkliche MS gehabt. Andere sind überzeugt, dass es Leute gibt, die sich jahrelang in die Tasche lügen, ihre MS sei geheilt, dann aber nach 10 oder 15 Jahren aufwachen, weil die MS, die angeblich geheilt war, aus dem Hinterhalt heftig zugeschlagen hat.

Mir ist auch klar, wenn ich morgen nach 10 Jahren im Rollstuhl wieder laufen täte, dass dann alle behaupten ich hätte etwas Anderes als MS. Die Erklärung "wieso" ist in diesem Fall irrelevant, für mich als Individuum zählt nur was ist, das "wieso" sollen die Forscher mit ihren Mäusen beantworten (das war jetzt ein wenig zynisch und sarkastisch).

Und dann wird auch immer die Geschichte erzählt, wie ein Neurologe kopfschüttelnd vor einem MS-Betroffenen steht, dem man gar nichts von seiner MS ansieht, obwohl er sie aufgrund der MRT-Bilder ganz sicher hat, und sagt: „So gut, wie es Ihnen geht, sollte einen daran zweifeln lassen, dass Sie ganz sicher eine MS haben, wie das MRT beweist! Wenn Sie mit einer Basistherapie (BT) behandelt worden wären, hätte man sie als Paradebeispiel dafür genommen, wie gut diese Medikamente wirken. Aber leider haben Sie sich ja hartnäckig geweigert, Medikamente einzunehmen!“

Solche Beispiele wurden mir von namhaften Schweizer MS-Neurologen auch erzählt, diese Geschichten werden gebetsmühlenartig wiederholt. Mir ist das egal. Übrigens naseweis spricht mir aus dem Herzen wenn er vermutet, dass MS-Diagnosen und Anzahlt MRT korrelieren MRT in OECD-Ländern [Statista]

Mir geht es um die erste dieser Geschichte, dass sich nämlich jemand einbildet, er wäre sich ganz sicher, eine MS gehabt zu haben, er aber nicht weiter darauf geachtet habe. Nach vielen Jahren hätte er bemerkt, dass seine MS verschwunden sei, obwohl die MRT-Bilder gezeigt hätten, dass er ganz sicher eine gehabt habe. Dem Himmel sei Dank, habe sein Hausarzt die Bilder ignoriert und gebrummelt: "Ein paar Herde im Kopf machen noch keine MS!"

Das wird man nie so genau wissen weil niemand Geld für so eine Untersuchung sprechen wird, mit watchful waiting verdient man nichts und man wird am Ende noch vom rollstuhlfahrenden MSler verklagt, weil man als Neurologe nicht gleich zu Beginn hartes Geschütz (BT) aufgefahren hat (ein ganz klein wenig zynisch gemeint und zwar an die Adresse an uns Kranke, ja wir haben auch schuld, dass die Medizin so ist wie sie ist, wir sind nicht nur Opfer...).

Ich glaube, das ist ein Phänomen, das immer wieder unter den Teppich gekehrt wird: Eine MS kann kommen und bleiben - wie eine Tuberkulose in vielen Fällen junge Menschen befiel, aber nicht entdeckt wurde und ausheilte, auch wenn man später noch typische Tuberkuloseveränderungen auf dem Röntgen-Thorax sah.

Ja

Was ich behaupten will, ist, dass die Spontanheilungsrate der MS sehr groß ist. Ich schätze, sie liegt bei 90%. Man kann also eine MS haben und nichts davon merken bzw. nicht mehr als eine flüchtige Sensibilitäts- oder Sehstörung. Aber warum ist davon so selten die Rede? Früher blieben solche Fälle unentdeckt, weil es ja noch keine Kernspintomographen gab, aber heutzutage?

Ich bin ganz fest überzeugt, dass die MS-Diagnosen mit den Anzahl MRTs korreliert (siehe oben) deshalb würden mich die Zahlen "Anzahl MS-Rollstuhlfahrer plus Bettlägerige MSler" pro 1 Mio Bevölkerung in 1960 und 2020 interessieren. Vielleicht sind die einfach identisch.

Vielleicht ist es ja eine böswillige Unterstellung, wenn ich behaupte, dass die MS heutzutage oft viel zu früh entdeckt wird, und man dann ("Hit hard and early!") mit Kanonen auf sie schießt und den Verlauf, den die MS sowieso genommen hätte, wenn man sie in Ruhe gelassen hätte, der BT zuschreibt.

Davon bin ich komplett überzeugt weil ich Menschen mit MS Diagnose kenne, die nie wieder irgendein Problem hatten.

Andererseits sehe ich auch die Gefahr, dass man eine MS, die man zu früh entdeckt, zu nebenwirkungsreich mit Medikamenten behandelt, so dass sie Schwierigkeiten hat, sich wegen all der Nebenwirkungen zurückzubilden.

Bei meinen Kortisonstosstherapien wurde mir von den Neurologen explizit erklärt, warum eine Stosstherapie mit Kortison ein zweischneidiges Schwert ist, man stoppt nicht nur die bösen Effekte einer Entzündung sondern gleichzeitig auch die guten Reparaturprozesse. Die monoklonalen Antiköper der BT wirken zwar anders und meist spezifischer, doch die rote Hand Briefe sprechen eine deutliche Sprache..

Dass also die Nebenwirkungen das eigentliche Geschehen überdecken und Betroffene dafür sensibilisieren, dass sie eine MS haben, die genauestens beobachtet werden muss, und die MS unter den argwöhnischen Blicken der Neurologen kaum noch eine Chance hat, unbemerkt wieder zu verschwinden.

Ja das ist Realität. Beobachtungen können ganz schnell fehlinterpretiert werden und zwar von allen Beteiligten.

Gruss MO

--
Ich liebe den Herbst, dank seinen kühleren Temperaturen erwacht mein Geist.


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