Resilienz (Allgemeines)

Boggy, Sonntag, 07.03.2021, 15:09 (vor 44 Tagen)

Ich habe mich in den letzten Tagen etwas mit dem Thema RESILIENZ beschäftigt, und ein bißchen rumrecherchiert und gelesen. Mein Verdacht war: nach dem (immer noch bestehenden) Selbstoptimierungs-Hype, und dem (immer noch bestehenden) Achtsamkeits-Hype, gibt’s auch den Resilienz-Hype.

Ich stelle ein paar Fundstücke zum Thema ein, und wens interessiert, der kann da weiterlesen.

Und auch hier wieder mein Hinweis, daß ich überhaupt nichts dagegen habe, wenn jemand nach Wegen sucht, gesunder, sicherer und tendenziell glücklicher zu leben.

Mir geht’s darum, auf die schleichende Normsetzung hinzuweisen, die wieder mal mitschwingt, nämlich: Wenn Du das „Richtige“ tust, wenn Du nur genug Sorge trägst, und Dich „richtig“ verhältst, dann wird es Dir gut gehen. Und wenn es Dir nicht gut geht, liegt es an Dir selbst, und an nichts anderem. Du kannst Dich selbst auf das richtig vorbereiten, was Du gar nicht kontrollieren kannst usw. Also mach was!

Unnötig zu erwähnen, daß die sogenannten Resilienzratgeber dabei vor keiner Plattheit zurückschrecken.

Außerdem – platt gesagt – könnte es in vielen Bereichen einfach darum gehen, die Ausbeutungsrate von Menschen zu erhöhen.

Quelle: Ärzteblatt:
https://www.aerzteblatt.de/archiv/202470/Resilienz-Ein-Konzept-im-Wandel

Resilienz: Ein Konzept im Wandel, Ausgabe November 2018

Das Thema Resilienz wurde in den letzten Jahren populärwissenschaftlich stark beansprucht, weshalb der Eindruck entstand, als könne jeder psychische Krisen überwinden, wenn er nur resilient genug ist. Diese Sicht negiert, dass Resilienz nicht bei jedem machbar ist. (…)
(…)
Seit den 90er-Jahren boomt „Resilienz“. Längst haben Ratgeberautoren, Coaches, Lebensberater, Testentwickler, Therapeuten und viele andere das Thema für sich entdeckt und vermarkten es auf unterschiedliche Weise.

Die Begeisterung für die Resilienz entspringt der Vorstellung, dass innere Widerstandskraft erlernbar sei und gegen jede psychische Belastung immunisiere. Diesen Mythos mitbegründet haben zum Beispiel die Forschungsarbeiten der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner.
(…)
Die Wirksamkeit von Resilienz-Trainings zu beurteilen, stellt angesichts der Vielfalt und Menge eine Herausforderung dar. Hinzu kommt, dass nach Angaben eines Teams aus Gesundheitspsychologen um Dirk Lehr von der Leuphana Universität Lüneburg bislang kein wissenschaftlicher Konsens über die Definition eines Resilienz-Trainings existiert.
(…)

Außerdem fanden sie heraus, dass es zwischen bereits bestehenden Trainings (wie Anti-Stress-Training) und vielen neu entwickelten Resilienz-Trainings inhaltlich kaum Unterschiede gab. Drei Viertel der Resilienz-Trainings waren für die Normalbevölkerung konzeptioniert, jedoch nicht für vulnerable Personen. In den meisten Trainings wurden Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie eingesetzt.
(…)

Forbes und Fikretoglu sind der Meinung, dass in vielen Resilienz-Trainings Altes nur neu verkauft wird. Sie kritisieren, dass sich die meisten Trainings nicht an aktuellen Konzepten der Resilienz orientieren und dass keine Wiederholungen und Erfolgskontrollen vorgenommen werden, obwohl Resilienz Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Besonders kritisch sehen die Autoren jedoch, dass kein einziges der untersuchten Trainings mit realen Stressoren arbeitet und dass es kaum Resilienz-Trainings für Menschen gibt, die sie wirklich benötigen."


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Quelle:
Tante Wiki

"(…)
Kritiker wie Klaus Ottomeyer oder Thomas von Freyberg sehen in der allgegenwärtigen Verwendung des Resilienzbegriffs einen Hinweis auf die Tendenz zur Individualisierung gesellschaftlicher Risiken und zur Privatisierung sozialer Verantwortung. Ottomeyer spricht sogar vom „Neoliberalismus in der Psychotherapie“.[60] Der Resilienz-Hype suggeriere, dass ein Allheilmittel gegen Krisen und Probleme aller Art gefunden worden sei."


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Quelle:
Ulrich Bröckling:
Resilienz. Über einen Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts
In: Soziopolis. Gesellschaft beobachten; 24. 7. 2017
https://www.soziopolis.de/beobachten/kultur/artikel/resilienz/

"Es gibt eine Fülle an Definitionsversuchen[1] sowie eigenständige Resilienzkonzepte unter anderem in der Entwicklungspsychologie, der Sozialen Arbeit und den Gesundheitswissenschaften, in der Sicherheitsforschung und Katastrophensoziologie, in der Ökosystemtheorie und Nachhaltigkeitsforschung, in der Geographie und den Wirtschaftswissenschaften,
die sich zwar nicht auf einen Nenner bringen lassen, sich aber wechselseitig überlagern und beeinflussen.


Und es gibt zahllose Programme zur Resilienzförderung in all diesen und noch vielen anderen Bereichen, für die dasselbe gilt.
Resilienz dient als übergreifende Chiffre für einen Umgang mit Risiken, Gefährdungslagen und unkalkulierbaren Ereignissen disruptiven Wandels, der weniger auf vorbeugende Verhinderung ihres Eintretens als auf die Befähigung abzielt, sich auf sie einzustellen und ihre Auswirkungen zu bewältigen (…)

Neuere Forschungen verstehen Resilienz nicht als ein eindeutig definierbares, stabiles Inventar persönlicher Eigenschaften und/oder förderlicher Umweltbedingungen, sondern betonen erstens die Prozesshaftigkeit, zweitens die Variabilität und drittens die Situationsabhängigkeit und Multidimensionalität der protektiven Mechanismen. (…)

Sie (Resilienzprogramme) stellen weniger auf Minimierung der Risiken selbst ab als auf die Optimierung der Fähigkeit, deren erwartete Folgen zu ertragen. Ihr Einsatzpunkt liegt jenseits der vertrauten Unterscheidung zwischen Verhältnis- und Verhaltensprävention:
Verändert werden weder risikolastige Umweltbedingungen, noch versuchen Resilienzprogramme Individuen oder Gemeinschaften dazu zu bewegen, von riskanten Verhaltensweisen abzulassen. Die Maßnahmen zielen vielmehr darauf, die Menschen an die Risiken anzupassen. Statt Belastungen abzubauen, erhöht man die Belastbarkeit.(…)

:wink:

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

Tags:
Resilienz


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