Rote Faden? (Straßencafé)

W.W. @, Sonntag, 21.02.2021, 11:50 (vor 14 Tagen) @ Mimmi

- ich bin strenggläubig erzogen worden und bis heute ist es mir nicht gelungen, mich komplett von den christlichen Normen und Wertvorstellungen zu befreien, worüber sich mein Mann gerne mal amüsiert. MS habe ich trotzdem bekommen. Dann war mein Glaube wohl nie fest/kindlich/tiefgreifend genug. Oder ich habe meine Sünden nicht genug bereut

Das ist eine sehr ernstzunehmende Kritik, denn man könnte ja aus dem, was ich sage, heraushören: Wenn du dich wirklich immer wie ein Christ verhalten hättest, dann wärst du nicht an MS erkrankt!

So formuliert, macht mir dieser Satz Angst, obwohl ich nicht in Abrede stellen möchte, dass es nicht ganz falsch ist, wenn man mir unterstellt, so zu denken.

Was mich an der Behauptung so entsetzlich stört, ist der versteckte Calvinismus, dass man also an dem, wie es einem ergangen ist, ablesen kann, ob man "richtig" gelebt hat. Und wenn man krank geworden ist, dann hat man eben "falsch" gelebt.

Jedes Unglück ist also im Grunde genommen ein Versagen, und jede Krankheit ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass man vom richtigen Weg abgewichen ist.

Je öfter ich mir diesen Satz wiederhole, desto unheimlicher erscheint er mir. Aber liegen die Menschen wirklich falsch, wenn sie sagen, im Grunde würde ich so etwas Ähnliches behaupten?

Wie ich mich auch drehe und wende, ich komme aus der Zwickmühle nicht heraus. Und auch, wenn ich so klug zwischen "Schuld" und "Mitverantwortung" differenziere, ist das ein Herausreden. So erscheint es mir. Aber ich bleibe dabei, dass ich den Gedanken für abstoßend halte. Darum muss er falsch sein.

Ein hässlicher Gedanke ist immer falsch.

W.W.


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