Muss man die Bibel neu übersetzen? (Straßencafé)

W.W. @, Samstag, 20.02.2021, 10:18 (vor 6 Tagen) @ W.W.

Ich finde es schön, dass man hier die Gelegenheit hat, sich über das auszutauschen, was man gerade gelesen oder gehört hat, ohne andere Menschen damit mit dem zu belästigen, was sie nicht lesen wollen (Rubrik "Straßencafé", Titel "Bibel").

Das hat auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas mit der MS zu tun, sondern bezieht das tägliche Leben und den Frühling mit ein - und auch unsere Hoffnungen und Träume. Dann kann es sogar passieren, dass uns plötzlich etwas vor die Augen tritt, was im weitesten Sinn doch etwas mit der MS, der Krankheit und unserem Bild von ihr zu tun hat.

Ich lese ja gerade die Lebenserinnerungen von Jörg Zink. Er berichtet, wie zur Zeit seines Theologiestudiums mit der Bibel umgegangen wurde, dass sich z.B. niemand Gedanken über die Mythen machte (Garten Eden, Arche Noah), die in die Bibel eingeflossen sind und in ihr eine neue Gestalt bekamen.

Eindrucksvoll fand ich, was er über die sesshaften und die Nomadenstämme im Nahen Osten berichtete. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber in seiner Schilderung hingen die sesshaften Stämme, die den Boden bearbeiteten, eher den Muttergottheiten an, für die das Bewahrende und Schützende im Vordergrund stand, aber dann kamen die kriegerischen und räuberischen Nomaden und brachten ihr männliches Gottesbild, das Krieger beschützt und Eigentum verteidigt.

Das mag alles falsch und unergründbar sein, aber wirft es nicht ein neues Licht auf den Paradiesgarten, die Schlange und den Baum des Lebens? Zumindest dieses, dass die Menschen immer dazu geneigt haben, in ihrer Religion das zu verehren, was für sie besonders wichtig war.

Auch unsere Sicht von der christlichen Religion könnte sich in den letzten Jahrzehnten wieder gewandelt haben, so dass langsam, aber sicher die Sorge um die Schöpfung in den Vordergrund tritt.

So hat sich unmerklich unser Gottesbild verändert, und viele Menschen haben sich von dem, was die Kirchen in ihren "Dogmen" lehren, abgewendet, weil diese ihnen nichts mehr sagen. Keinen Menschen interessiert es mehr, ob die Jungfrau Maria eine Jungfrau war. Alles dreht sich darum, wie wir die Erde erhalten können, die durch Raubbau bedroht wird. Das hat übrigens weniger etwas mit der Sprache als mit ihrem Weltbild zu tun.

Und der rote Faden? Auch das Bild, das wir von der MS haben, könnte sich gewandelt haben. Viele denken, dass die MS eine naturwissenschaftliche Tatsache ist, die immer dieselbe bleibt.

Aber auch das ptolemäische Weltbild war auch eine gut begründete wissenschaftliche Tatsache und wurde dennoch von Kopernikus, Galilei und Kepler umgestürzt, weil die Welt eine andere geworden war und weil auch wissenschaftliche Weltbilder dem Rechnung tragen müssen. Auch die Quantentheorie könnte ein Weltbild sein?!

Wir haben oft darüber gestritten, ob Heinrich Heine oder Lidwina von Schidam MS hatten. Ich bin sicher, dass einer der ersten MS-Kranken Auguste d'Este war, aber ich will es auch nicht ausschließen, dass man vor 300, 400 oder 1000 Jahren gar nicht von einer MS sprechen konnte, weil die MS "aufgetaucht" ist, nicht wie ein neuer Kontinent, der schon immer dagewesen war, sondern sie entstand, wie Lokomotiven und Elektrizität entstanden.

Auch die Elektrizität hatte es übrigens immer schon gegeben. Daran sieht man, wie fraglich die Unterscheidung von "erfinden" und "entdecken" sein kann.

In der Hoffnung, meinen Überlegungen etwas von ihrer Peinlichkeit genommen zu haben,

W.W.


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