Könnte ein mRNA-Impfstoff doch eine Hoffnung für MS-Betroffene sein? (Allgemeines)

Michael27, Mittwoch, 20.01.2021, 11:12 (vor 39 Tagen) @ W.W.

Hallo Herr Weihe,

ich zitiere ausnahmsweise mal etwas länger, und zwar die entscheidenden 3 Absätze aus der BioNTech-Pressemitteilung vom 7. Januar. Dabei markiere ich die aus meiner Sicht entscheidenden Sätze fett und in rot:

"In der Studie wurde ein entzündungshemmender Nanopartikel-mRNA-Impfstoffkandidat, der für ein MS-assoziiertes Antigen kodiert, per Infusion an Mäuse mit experimenteller Autoimmun-Enzephalomyelitis (EAE) verabreicht. EAEs sind klinisch relevante Mausmodelle für humane MS. Der mRNA-Impfstoffkandidat wurde so konzipiert, dass er das kodierte Zielantigen, welches mit der Autoimmunkrankheit assoziiert ist, zu Antigenpräsentierenden Zellen in den Lymphknoten im ganzen Körper liefert, wobei eine Entzündungsreaktion vermieden wird. Dies ermöglicht eine körperweite Präsentation der Zielantigene in Lymphgeweben, wodurch eine Immuntoleranz gegen diese Antigene induziert wird.

Der Impfstoff konnte in allen untersuchten EAE-Mausmodellen eine symptomatische Krankheit verhindern oder, in Mäusen mit bestehender Krankheit im Frühstadium, das Fortschreiten der Krankheit verhindern und motorische Funktionen wiederherstellen. Die Infiltration von pro-inflammatorischen Effektor-T-Zellen (Teff) in Gehirn und Rückenmark sowie die De-Myelinisierung des Rückenmarks wurden deutlich reduziert. Diese Effekte wurden durch die Induktion krankheitsunterdrückender regulatorischer T-Zellen (Treg) erzielt, welche sich ausschließlich gegen das Impfstoff-kodierte Antigen
richten. Weiterhin induzierten die Treg-Zellen in allen MS-Mausmodellen einen starken, immunsuppressiven „Bystander“-Effekt. Dies bedeutet, dass die Treg-Zellen, einmal durch ihr Ziel-Antigen aktiviert, bei komplexen Erkrankungen auch Teff-Zellen, die gegen andere Antigene gerichtet sind, im entzündeten Gewebe unterdrücken können. Dies ist ein essenzieller Faktor, um auch polyklonale Erkrankungen, die auf verschiedenen, zum Teil
unbekannten Antigenen basieren, sowie um die inter-individuelle Heterogenität zwischen einzelnen Patienten adressieren zu können.

Wichtig ist, dass der präklinische Impfstoffkandidat keine Immunreaktionen gegen andere, Nicht-Myelin-Antigene (z. B. Antigene des Influenza-Impfstoffs) unterdrückt hat und somit in den Untersuchungen eine der zentralen Herausforderungen bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen adressiert: die Induktion einer unspezifischen, systemischen Immunsuppression. Des Weiteren führte der Impfstoffkandidat auch nach wiederholter
Verabreichung nicht zur Entstehung von Autoantikörpern gegen das Zielantigen. Dies ist eine weitere potenzielle Herausforderung aktueller Autoimmuntherapien, die letztendlich dazu führen könnte, die Krankheit zu verschlimmern. Insgesamt verdeutlichen diese ersten Ergebnisse zur Immunantwort zusammen mit der Flexibilität des mRNA-Ansatzes, die es ermöglicht, individuelle Antigene der Patienten zu adressieren, das große Potenzial von mRNA-basierten Therapeutika für die Behandlung von hochkomplexen und seltenen Autoimmunerkrankungen.
"

Ich fasse die Knackpunkte aus meiner Sicht zusammen:
- körperweite Verbreitung des mRNA-Impfstoffs
- die mRNA enthält den Code für ein vermeintliches MS-Antigen
- das MS-Antigen wird körperweit in den Zellen produziert
- Treg-Zellen werden aktiv und unterdrücken die Teff-Zellen, die bei der MS überreagieren
- die Treg-Zellen unterdrücken auch Teff-Zellen, die gegen andere Antigene aktiv sind ("Bystander"-Effekt; sehr wichtig, da bisher kein MS-Antigen gefunden wurde und es sich vermutlich um eine komplexe Kombination von mehreren MS-Antigenen handelt)
- keine Immunreaktion gegen andere Nicht-Myelin-Antigene (daher keine diffuse pauschale Immunsuppression)
- keine Entstehung von Auto-Antikörpern gegen das Zielantigen (und damit keine potentielle Verschlimmerung der MS-Erkrankung)

Ich hoffe, ich habe in etwa den Ansatz verstanden. Da ich biochemischer und medizinischer Laie bin, bitte ich ggfs. darum, mich zu korrigieren.

Michael


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