Die ungeheure Lebendigkeit der chemischen Formel (Allgemeines)

Karo, Samstag, 01.08.2020, 18:14 (vor 7 Tagen) @ W.W.

Ich wünsche dir ein lebensfrohes Wochenende! Stefan


Ich danke dir!:-) Was ich sagen wollte, war: Aus wissenschaftlicher Sicht kann die Krankheit zu einem blutleeren Abstraktum werden, derem Geheimnis man mit Mäusen und chemischen Substanzen näher rückt.

Schon das scheint mir grundfalsch.

Denn aus wissenschaftlicher Sicht wird eine Krankheit im Prozess ihrer Analyse und Erforschung gerade nicht zu einem Abstraktum; Analyse und Erforschung von Krankheiten besteht prinzipiell in der Transformation des beobachteten Geschehens, das ist eine Metamorphose - und die Beteiligung daran kann eine höchst lebendige, erfüllende und sogar beglückende Tätigkeit sein - gerade in der Perspektive der Heilung.

Auch und gerade in einer chemischen Formel steckt Leben, ungeheure Lebendigkeit - Novalis, Friedrich Schlegel und Goethe wussten das noch sehr genau, sie verstanden sich darauf, solche Formeln zu lesen, zu dechiffrieren und neu zu schreiben, die Alchimisten, Hebraisten, Kabbalisten sowieso.

In der späteren Populärromantik scheint dieses Wissen verloren gegangen zu sein, da scheint das vermeintliche Abstraktum der chemischen Formel im Gegensatz zum vermeintlichen Konkretum des blühenden Baums dann plötzlich als "blutleer".

Das dürfte großenteils daran liegen, dass die akademische Medizin und andere Disziplinen, die sich um 1800 neu formieren, dabei eben auch hochspezialisierte fixe Begrifflichkeiten, variable notational terms (Begrifflichkeiten, die selbst innerhalb einer Disziplin nicht klar definiert sind), je spezifische Denktraditionen und strategisch ausgerichtete Fachdiskurse ausbilden - iS des Erkenntnisfortschritts ist das berechtigt, notwendig und erforderlich.

Es ist klar, dass solche Wissensordnungen immer schon gesellschaftlich, politisch und sozial überformt sind.

So bleibt es nicht aus, dass verfestigte Vorurteile, habituelle Hindernisse und bisweilen auch ausgeprägte Feindseligkeiten zwischen unterschiedlichen Wissensdiskursen, wie sie etwa in Poesie einerseits und institutionengebundener Wissenschaft andererseits verkörpert sind, fast zwangsläufig zu starken Exklusionsmechanismen führen, die Annäherung und Verständigung bis heute kaum möglich erscheinen lassen.

Kulturwissenschaften und besonders Narratologie bieten aber lange schon tragfähige Forschungsansätze, -perspektiven und auch -ergebnisse, die die ideengeschichtlichen Konstellationen, kulturellen Codes, Wissensordnungen, Institutionalisierungen und 'Poetiken' disziplinenübergreifend ausloten - das läuft alles schon seit Jahrzehnten und hat längst hochspezialisierte, streng abgeschottete Hardcore-Naturwissenschaften wie Mathematik, Ökonomie, Geografie, Physik und Chemie erreicht.

Mit romantisierendem Geschwätz vom angeblich blutleeren Abstraktum chemischer Formeln hat solche Forschung allerdings nichts zu tun.

Bei dieser Herangehensweise könnte die Krankheit ihre Menschlichkeit und ihre Lebensverbundenheit verlieren.

Wenn es aber gerade das Menschliche und das Lebensverbundene ist, was diese Krankheit charakterisiert, dann hat sie durch diese "Objektivierung" ihr Wesen verloren.

Wolfgang
PS: Dass die MS eine sehr menschliche Krankheit ist, könnte dazu führen, dass sie im Tierexperiment nicht untersucht werden kann. Aber es wird gern so getan, als sei die MS so etwas, das allgemeinen biologischen Gesetzen gehorcht.


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