Die Sache mit der Genauigkeit (Allgemeines)

Karo, Donnerstag, 30.07.2020, 20:05 (vor 6 Tagen) @ W.W.

P.S.: Wie entstehen eigentlich Zweifel an einer Erinnerung? Ich war mir felsenfest sicher, der Satz muss bei Czechowski zu finden sein. Ich finde ihn aber nicht. Trotzdem würde ich nach wie vor unter Eid aussagen, dass ich ihn dort gelesen habe. Aber eigentlich müsste ich doch zweifeln?

Ich denke, dass es in diesem Forum ab und zu so ist, dass man etwas schreibt, bei dem man sich ziemlich sicher ist, es irgendwo so gelesen zu haben. Oder dass es so ähnlich ist wie etwas, das man irgendwo gelesen hat.

Ich denke sogar, dass es manchmal so weit geht, dass man meint, man würde auf den Gedanken, den ein anderer gehabt hat, eingehen, aber der andere stellt fest, dass man ihn missverstanden hat, und auf etwas antwortet, was er selbst nie gemeint hat.

Ich halte beide Vorkommnisse für nicht ganz selten, und ich weiß auch, dass man mir oft den Vorwurf macht, ich würde etwas nicht genau zitieren, oder ich würde an einem Thema vorbeireden.

In manchen Lese-, Schreib-, Gesprächs- und Kommunikationssituationen ist es essenziell, exakt zu zitieren, Aussagen zu belegen und bloße Meinungen (die keineswegs verboten sind) als solche kenntlich zu machen. Das gilt besonders für bestimmte wissenschaftliche Diskurse, Gerichtsverhandlungen, Zeugenaussagen, Steuererklärungen etc. pp.

So habe ich oben geschrieben, dass ich mich an einen Satz erinnere und der Meinung bin, ich hätte ihn bei Czechowski gelesen - aber belegen kann ich nicht, dass der Satz tatsächlich dort steht. Beim Durchblättern habe ich ihn jedenfalls nicht gefunden. Ich habe meine Rechercheprinzipien also offen gelegt, auf die fehlende Nachprüfbarkeit hingewiesen, die Schreib- bzw. Diskurssituation thematisiert und auch meine Meinung als solche kenntlich gemacht statt sie als Faktum auszugeben.

Man hätte wohl auch ganz gern, ich würde mich mehr "zusammenreißen" und "disziplinierter" sein. Allerdings muss ich gestehen, dass das Ungefähre, was andere verrückt macht, zu einer guten Kommunikation dazugehört, weil es ein Irrtum sein könnte, man könnte beim Thema bleiben und müsse dringend vermeiden, von Höxken auf Stöckschen zu kommen.

Wir sollten bei einem Gespräch versuchen, sich durch empathisches Nachfragen dem Gemeinten zu nähern.

Wer ist "wir"? Ich frage nicht zuletzt deshalb, weil Ihr Satz ungrammatisch ist - statt <Wir sollten [...] versuchen, sich durch empathisches Nachfragen dem Gemeinten zu nähern> müsste es richtig heißen: <Wir sollten [...] versuchen, uns durch empathisches Nachfragen dem Gemeinten zu nähern.>

Das falsche Reflexivpronomen scheint mir darauf zu verweisen, dass Sie das gerne so hätten und Ihr Umfeld auf das Ungefähre, nicht Nachprüfbare, Abschweifende, bisweilen Irrlichternde verpflichten möchten. Dieses zweifelhafte Ideal einer "guten Kommunikation" in der Wissenschaft ist bei Ihnen Programm, aus Gründen - die hier schon oft, viel zu oft diskutiert worden sind.

Auch der paternalistische Tonfall des Satzes stört, aber das lasse ich mal beiseite.

Das Hundertprozentige ist meiner Ansicht nach oft kleinkariert.

Alain Robbe-Grillet sieht das ganz anders: "Rien n'est plus fantastique, en definitive, que la precision." (In: Pour un nouveau roman. Paris 1963. S. 142).

Den Hinweis auf Robbe-Grillet habe ich bei Imre Kertész entdeckt: "'Letztlich gibt es nichts Phantastischeres als die Genauigkeit.'" (Imre Kertész: Galeerentagebuch. Berlin: Rowohlt Berlin 1993, S. 22).

Ich wollte den Satz im französischen Original lesen, habe aufs Geratewohl <Robbe-Grillet fantastique> gegoogelt und bin auf diesen Link diese Sekundärquelle gestoßen, in der das französische Original in einer Fußnote zitiert wird.

Würde ich in einem wissenschaftlichen Kontext schreiben und nicht hier im Forum, müsste ich das in der Sekundärquelle wiedergegebene Zitat anhand des Originaltextes Pour un nouveau roman überprüfen, mir das Umfeld des Satzes anschauen etc. pp.

Soll heißen: Mit der Genauigkeit ist das so ne Sache. Es kommt halt immer darauf an.


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