Lesempfehlung: Nichts ist leichter als Selbstbetrug (Zims 9) (Allgemeines)

W.W. @, Donnerstag, 09.07.2020, 09:16 (vor 35 Tagen) @ naseweis

Die neue ZIMS ist wieder ganz hervorragend!:-) Zunächst möchte ich erst einmal auf den Artikel von Nathalie Beßler hinweisen, die sie mit der Nazi-Vergangenheit der DGN auseinandergesetzt hat:

Die DGN lässt Biographien von 28 Neurologen aus
den Jahren 1933 – 1945 rekonstruieren und die
Frage stellen: Wer war ein Nazi?
Viel interessanter ist die Frage: Was kam danach?

Nathalie Beßler schreibt:
"Was sie herausgefunden haben, überrascht nicht:
„[…] fast alle gehörten in dieser Zeit irgendeiner
NS-Organisation an […]“ (S.11). Die Gründe für die
Mitgliedschaft waren unterschiedlich.
Es gab Neurowissenschaftler, die von echter politischer Überzeugung
und Fanatismus für die menschenverachtende Ideologie
des Nationalsozialismus angetrieben waren. So hat der
damals international bekannte Neurologe Max Nonne
eine Denkschrift verfasst, mit der er sich für die Tötung
„absolut unwerten Lebens“ ausspricht (S.15) und Georg
Schaltenbrand ging noch einen Schritt weiter, er hat mit
Menschenversuchen an Personen, die nicht einwilligen
konnten, zur Multiplen Sklerose geforscht (S. 43 ff). Die
Neurowissenschaftler Hugo Spatz und Julius Hallervorden
aber waren am umfangreichsten in „EuthanasieAktionen“ eingebunden,
indem sie die Gehirne vieler
hunderter ermordeter Patienten im Sinne einer „Begleitforschung
seziert“ hatten (S. 89 ff).

Der Mehrzahl der untersuchten Biographien weisen die Historiker
allerdings „[…] Opportunismus und Mitläufertum bis
zu einer rational-pragmatischen Einstellung im Hinblick
auf Karriere und Aufstiegschancen […]“ nach (S. 135).

Hier sind die Forschungsergebnisse über den Neurologen
Heinrich Pette sehr aufschlussreich (S. 35 ff). Dieser hatte
nach 1919 zielstrebig auf eine leitende Position im
Klinikum Hamburg Eppendorf hingearbeitet und wollte
das Erreichte offensichtlich nicht aufs Spiel setzen. Er
unterzeichnete, wie viele Kollegen auch, im November
1933 das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen
Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und
dem nationalsozialistischen Staat“ und war schon ab
1935 ein zentraler Akteur mit Kontakten zur Führungsebene
in Partei und Regierung.

Akademische Eliten hatten in den Jahren 1933-1945 in ihren
Äußerungen offensichtlich große Spielräume, diese wurden nicht nur
von der Partei- und Staatsmacht, sondern auch von den
Wissenschaftlern selbst abgesteckt, so die Autoren (S.
27). Es handelte sich zwar um ein „[…] politisch kontrolliertes,
aber intellektuell offenes Meinungsfeld, das
bloß auf einige Begriffshülsen festgelegt war“ (S. 6)."

W.W.


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