Wege nicht Werke! (Straßencafé)

W.W. @, Mittwoch, 01.07.2020, 16:45 (vor 42 Tagen) @ stefan

Lieber Stefan,

du hast mich ja gefragt (und ich konnte es dir nicht sagen), was mich an Heidegger so anzieht. Ich kann es immer noch nicht, aber beides fasziniert mich: Diese "einfache" Sprache Wittgensteins (z.B. "Der Knall war lauter, als ich erwartet hatte." "Hat es also in deiner Erwartung lauter geknallt?" Ich zitiere das aus der Erinnerung.)

und diese künstliche Sprache Heideggers („Der je auf das Zeug zugeschnittene Umgang, darin es sich einzig genuin in seinem Sein zeigen kann, z.B. das Hämmern mit dem Hammer, erfasst weder dieses Seiende thematisch als vorkommendes Ding, noch weiß etwa gar das Gebrauchen um die Zeugstruktur als solche. Das Hämmern hat nicht lediglich noch ein Wissen um den Zeugcharakter des Hammers, sondern es hat sich dieses Zeug so zugeeignet, wie es angemessener nicht möglich ist. In solchem gebrauchenden Umgang unterstellt sich das Besorgen dem für das jeweilige Zeug konstitutiven Um-zu; je weniger das Hammerding nur begafft wird, je zugreifender es gebraucht wird, um so ursprünglicher wird das Verhältnis zu ihm, um so unverhüllter begegnet es als das, was es ist, als Zeug. Das Hämmern selbst entdeckt die spezifische ‚Handlichkeit’ des Hammers.“)

Beides verwirrt mich - und sie waren Zeitgenossen, ohne voneinander Kenntnis nehmen zu wollen!!! Der Versuch einer Antwort: Eben wies mich meine Tochter auf ein schmales Buch von George Steiner hin: "Warum Denken traurig macht."

Es geht um einen Satz von Schelling, dass unser Leben seit der Vertreibung aus dem Paradies von einer Ur-Traurigkeit geprägt ist, aber - und das ist vielleicht das Schöne an dem Gedanken und es hilft uns vielleicht, besser zu verstehen - wir könnten im Denken diese Traurigkeit überwinden.

Mich haut das ja um: Wir könnten eventuell im Denken die Traurigkeit überwinden, die wir in uns tragen!

Ich dachte, ich teile dir das kurz mit, weil ich sonst noch keine gute Antwort gefunden habe.

Wolfgang

PS: Was hat das mit der MS zu tun? Nun, wir sind beide brennend an der MS interessiert, und natürlich macht sie uns Probleme, darüber zu reden. Als ob sie sich unserer Sprache entziehen würde! Aber ich kann gut verstehen, dass sich Menschen kopfschüttend fragen: "Wie kann man sich nur über so etwas Gedanken machen?" Darum habe ich es dir gestern wahrscheinlich auch nicht gesagt.


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