Ich habe bestimmt nicht lange genug darüber nachgedacht. (Allgemeines)

W.W. @, Donnerstag, 25.06.2020, 19:03 (vor 41 Tagen) @ W.W.

Es geht mir nicht aus dem Kopf und darum möchte ich noch einmal darauf zurückkommen. Man könnte "Dichtung und Wahrheit" von Goethe lesen und daraus seitenweise zitieren, um ein authentisches Bild von Goethe zu zeichnen, und man weiß natürlich, dass das nicht geht, obwohl man genau zitiert, weil Goethes Text voller Fallstricke ist: An manches wollte er sich nicht erinnern, an dnderes hat er sich falsch erinnert.

Ein aktuelles Beispiel ist eine Kolumne in der TAZ, in der die Polizei mit Müll verglichen wurde, und gegen die Innenminister Seehofer eigentlich klagen wollte. Wenn man das Geschehen mit eigenen Worten wiedergibt, verfälscht man es gewiss, und wenn man es auszugsweise zitiert, dass wird man dem Exzerpt, auch wenn es wörtlich zitiert, immer noch unterstellen können, es habe etwas aus dem Zusammenhang gerissen.

Und wie war es mit der Ursache für den 1. Weltkrieg und wie mit dem Schweigen Heideggers über den Holocaust? Die "Fakten" helfen nicht, die Wahrheit zu ergründen!

Ich sehe, dass man Sorgfalt walten lassen muss, und sozusagen mit reinen Händen zitieren und berichten, aber kann man das? Wird der, der anderer Meinung ist, nicht immer das Haar in der Suppe finden?

Ist es nicht vielleicht besser, das Unvollkommene in der eigenen Erzählung durch Rede und Gegenrede, also im Gespräch zu korrigieren, indem man darauf hinweist: "Dort hast du etwas falsch verstanden!" Nicht als Vorwurf, sondern als Bestandteil der Auseinandersetzung?

Das Gespräch, die Diskussion ist also wichtiger als das genaue Zitat, das mir ein quadratischer Kreis zu sein scheint. Und dennoch gebe ich zu, dass ich oft gesündigt habe, indem ich falsch oder ungenau zitierte. Ich muss mich bessern, aber da ist eine gr0ße Anstrengung nötig, wenn das Gespräch nicht uninteressant werden soll - in zweierlei Hinsicht: dass es sich in den Fakten verläuft wie in einem Dschungel, und dass es eine Stammtischmeinung wiedergibt.

Die Gefahr ist, dass wir bei Mark Twain enden. Ich habe das schon oft erwähnt. Er erzählt uns, dass ihm anlässlich seiner ersten Anstellung als Berichterstatter eingeschärft wurde, persönliches Wissen und von ihm selbst verifizierte Meldungen scharf von bloßen Gerüchten zu unterscheiden; und so schrieb er: "Eine Frau, die sich als die Ehefrau des Herrn James Jones ausgibt, und von der berichtet wird, dass sie eine führende Rolle im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt spielt, hat anscheinend gestern was man eine Jause nennt für eine Anzahl von angeblichen Damen gegeben. Die Gastgeberin behauptet, die Frau eines hier wohlbekannten Rechtsanwaltes zu sein."

In gewisser Weise setzt die Lebendigkeit der Debatte die Hitzigkeit der Überzeugungen voraus, und es ist eine Kunst, den Weg eines guten Gesprächs zu beschreiten.

W.W.


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