Die Krisenmanager, die TV-Diskutanten, die Disziplinierten und die Schmuddelkinder (Straßencafé)

tournesol @, Montag, 18.05.2020, 18:45 (vor 10 Tagen) @ jerry

Hallo Jerry,

nach einigen Stunden Bedenkzeit möchte ich dir doch antworten, weil ich es schade fände, wenn ein Austausch auch bei teilweise unterschiedlicher Meinung nicht mehr möglich wäre. Kriegsrösser und Lanzen habe ich sowieso keine, ich hätte eher ein Schutzschild benötigt.

Ich habe die Sendung auch gesehen, einige Aussagen habe ich anders wahrgenommen.

Sämtliche (!) Diskussionsteilnehmer waren sich einig, selber dort nie hingehen zu wollen.

Herr Sundermeyer war als Beobachter bei einigen Demos. Herr Lauterbach und auch die anderen beiden Politiker(innen) haben begründet, warum sie nicht hingehen.


woraufhin wiederum alle Diskutanten übereinstimmten in der Überzeugung, dass jene Menschen, denen es wirklich schlecht gehe (!!), auf diesen Demos jedoch überhaupt nicht anzutreffen seien.

Das war die Beobachtung von Herrn Sundermeyer.

Geht’s noch? Hat ein Recht zu demonstrieren nur (noch) jemand, dem es gerad existenziell an den Kragen geht?

Das habe ich so nicht rausgehört. Es wurde eine kleinere Demo von Leuten aus der Tourismusbranche gezeigt, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen.
Wobei ich bei allem Verständnis für diese existentiellen Sorgen, daran zweifle, ob es gut wäre zu der alten Form von Tourismus in vollem Umfang zurückzukehren mit Billigflugreisen mehrmals im Jahr.

Es hat sich etwas geändert in diesem Land.

Und ich empfinde es nicht als Hoffnungsschimmer, zu hören, es werde nie wieder wie vor den Zeiten der Corona. Sondern als Drohung. Auch wenn es zuvor so allerhand gab, was hätte anders werden müssen – ich denke an Umwelt, Migration, soziale Ungleichheit, die Kriege, Hunger…

Wieso Hoffnungsschimmer oder Drohung? Ich denke, wahrscheinlich wird es einfach die Realität sein, dass es nach Corona nicht so sein wird wie vorher. Wünschenswert wäre, dass man die Zeit und die Erfahrungen mit der Pandemie nützt um zu überlegen, wie es hinterher besser weitergehen könnte.

Bis eben hab ich in einem freien Land gelebt, mich nicht detaillierten strafbewehrten Regeln fürs Alltagsleben sowie Zahl und Art meiner sozialen Kontakte unterwerfen müssen.

Ja, unsere Freiheit wird durch die Corona-Maßnahmen eingeschränkt. Ich denke aber, es macht einen Unterschied, ob das willkürlich geschieht um eine Diktatur einzuführen oder zeitlich befristet um gesundheitliche Gefahren von der Bevölkerung abzuwenden, unabhängig davon wie groß ich die Gefahr sehe und ob ich die Maßnahmen für sinnvoll halte oder nicht.

Vor ein paar Tagen brachte mein Freund Werner seine Heidi ins Krankenhaus. Beide haben im letzten Jahr Goldene Hochzeit gefeiert. Neben den Grunderkrankungen Diabetes und PCP bestand bei Heidi nun eine erhebliche Blutarmut mit Transfusionsbedarf.

In den kommenden Tagen wird abzuklären sein, ob und ggfls. welche Krebserkrankung bestehen könnte. Werner darf Heidi nicht besuchen, ausschließlich telefonieren!

Darüber, ob solche strengen Besuchsverbote sinnvoll und menschlich sind, brauchen wir wohl nicht zu diskutieren. Auch Menschen mit Demenz sind ohne eine vertraute Bezugsperson, wenn sie ins Krankenhaus müssen in der fremden Umgebung aufgeschmissen.

Nebenbei: Folgend einer Berechnung des Wiener Psychiaters Raphael Bonelli werde ich (bei gegebener Zahl aktuell Corona-Infizierter in Deutschland und unterstelltem engen Kontakt mit 20 Personen pro Tag, also 20 ohne Einhaltung von Abstandsregeln etc.) dem ersten Infektiösen im Jahre 2275 begegnen, also in 255 Jahren…

Ist das ernst gemeint? Dann würde dieser Psychiater für mich unter unseriös laufen, aber in Kommentaren, auf die ich einen kurzen Blick geworfen habe, wurde er als sehr humorvoll gelobt. Von Privatordination will ich nicht anfangen um dich nicht wieder zu verärgern (Ironie).

Wenn ich dich richtig verstehe, überwiegt bei dir (inzwischen) der Ärger über die Einschränkungen durch die Maßnahmen gegenüber deiner Angst vor Corona.
Was mich interessiert: Wie sollte es deiner Meinung nach weitergehen? Sofortige Aufhebung der Maßnahmen, schrittweise Lockerung, wie es jetzt gemacht wird, nur schneller oder …?


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum