Exponentielles Wachstum, "Glockenkurve" u.ä. (Allgemeines)

W.W. @, Mittwoch, 25.03.2020, 10:19 (vor 9 Tagen) @ Michael27

Ich bin heute morgen etwas nüchterner als gestern Abend. Nicht wegen einer unbekömmlichen Alkoholmenge, sondern wegen des Ausmaßes der allgemeinen Bestürzung, die auch mich ergriffen hat.

Im Falle des Covid19-Virus (und generell bei Viruserkrankungen) ist die Immunisierung diese natürliche Grenze. Wenn viele Menschen infiziert sind (und wir keinerlei Kontaktbeschränkungen hätten, sondern so weiterleben würden wie noch vor 2 Monaten), gäbe es wohl maximal etwa 60-70 % Infizierte in der Gesamtbevölkerung - zumindest in europäischen Staaten mit einer gewissen Bevölkerungsdichte und Kontaktanzahl. In Australien, Kanada oder Russland mit ihren riesigen Flächen mag das etwas anders sein - zumindest soweit sich die Bevölkerung nicht auf wenige Ballungsräume konzentriert. D.h., die Kurve erreicht vielleicht bei etwa 40% Gesamt-Infizierten in der Bevölkerung ihren Höhepunkt an Neu-Infizierten und flacht dann wieder ab, da immer mehr Kontaktpersonen eines Neu-Infizierten bereits immun sind (früher bereits infiziert waren) und damit nicht mehr als Neu-Infizierte infrage kommen. Und irgendwo bei 60 oder 70% ist Schluss, weil man ja nach 2 oder 3 Wochen nicht mehr ansteckend ist.

Das ist sehr schön erklärt!:-)

Die zweite Deckelung/Einschränkung des exponentiellen Anstiegs wird natürlich durch die aktuell getroffenen Maßnahmen erreicht. Wenn jeder Einzelne nur noch mit wenigen (und immer denselben) Personen zusammen ist und außer Haus auch noch Abstand gehalten wird, gibt es nicht viel Möglichkeiten für Neu-Infektionen.

Auch dem würde ich zustimmen.

Ich gebe Ihnen also im Wesentlichen Recht. Heißt das, dass aus rein mathematischen Gründen, die ja nach Ihren Worten die Wirklichkeit abbilden, eine mehr oder weniger katastrophale Entwicklung unvermeidlich ist?

Alles in mir sträubt sich gegen so eine Annahme. Dennoch ist sie nicht von der Hand zu weisen. Im Grunde sagen Sie ja, es liegt im Wesen der "Glockenkurve", dass sie zu Beginn exponentiell ist, dann aber abflacht, einen Höhepunkt erreicht und exponentiell wieder absinkt.

Meine Gegenüberstellung von "exponentiellem Wachstum" und "Glockenkurve" war also falsch, denn auch das zunächst rasant Anwachsende strebt in der Natur immer einem Gipfel zu. Es fragt sich nur, wie hoch der Gipfel ist?! Und genau das ist der Punkt, wo ich einhaken möchte.

Könnte es nicht sein, dass der Gipfel bei der SARS-Epidemie niedriger war, und das Geschehen zum Stillstand kam und rückläufig wurde, aus Gründen, die sich der Populationsstatistik oder der Mathematik entziehen? Dass es also einen "verborgenen Parameter" gibt, z.B. dass die Vermehrung eines Virus keineswegs auf die "Herdenimmunität" hinausläuft, sondern aus einem inneren (biologischen?) Grund zum Erliegen kommen kann.

Kurz: Könnte es sein, dass das Corona-Virus sich nicht an den von Ihnen genannten 60-70% orientiert? Ich weiß, das ist eine sehr schwierige Frage, die ich mir sicherlich auch stelle, weil mich die unheimliche Logik der Mathematik erschreckt. Dass ich also sehr emotional reagiere, weil ich davor Angst habe, von einer Lawine erfasst und begraben zu werden.

W.W.

PS: Eine Bemerkung am Rand: Ich bin mir nicht ganz so sicher, ob Gott ein Mathematiker ist, dass also die Mathematik die Natur beschreibt, oder die Mathematik ein Werkzeug ist, mit dem wir an die Natur herangehen, um sie besser zu verstehen. Das ist zugegebener Weise die "konstruktivistische" Sicht von Watzlawick.


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum