Anders gesagt (Straßencafé)

Karo, Dienstag, 29.10.2019, 13:26 (vor 21 Tagen) @ W.W.

Ich wollte - in meiner ungeschickten Art - eigentlich nur darauf hinaus, dass man in der deutschen Sprache dieses verallgemeinernde und einnehmende "wir" nicht vermeiden kann, dass das genauso tödlich wäre für das Sprachgefühl wie wenn man nicht mehr sagen dürfte: Alle Menschen werden Brüder.


Es gibt nichts, was für Sprachgefühl tödlich ist. Sprachgefühl lässt sich nicht zerstören. Das ist schlechterdings unmöglich.

Es lässt sich aber irritieren.

Das liegt meist daran, dass es als störend und bedrohlich empfunden wird, wenn soziale Normen und Hierarchien sich verschieben, auflösen, neu konstellieren - tradierte Normen und Hierarchien, die sich unter anderem in einem bestimmten, oft über lange Zeiträume verfestigten (normierten) Sprachgebrauch ausdrücken.

Wenn es nicht mehr "Arzthelferin" heißt, sondern "medizinische Fachangestellte", dann ist das unter anderem Ausdruck einer veränderten sozialen Hierarchie zwischen Arzt und Praxispersonal.

Wenn die Krankenschwester, die heute gar nicht mehr Krankenschwester heißt, ihre Patienten nicht mehr im Pluralis sanitatis ansprechen darf, dann ist das Ausdruck einer veränderten sozialen Beziehung zwischen Pflegekraft und Patient*in.

Wenn die Anrede "Fräulein", die jahrhundertelang der Norm entsprach, heute nicht nur als bemitleidenswert vorgestrig, sondern als herabwürdigend gilt, dann ist das Ausdruck eines sozialen Emanzipationsprozesses.

Wenn es das Sprachgefühl der "Brüder" tatsächlich stört, dass die in der Formel "alle Menschen werden Brüder" bejubelte Idee universeller Solidarität im Jahr 2019 anders besser und reflektierter ausgedrückt werden kann, dann dürfte es ihnen eher darum gehen, tradierte Machtkonstellationen fortzuschreiben - auch im Beharren auf tradierten Sprachnormen.

Was im Fall der Fraternitätsformel "alle Menschen werden Brüder" ganz besonders erstaunlich ist, weil gerade darin doch eine Auflösung ständestaatlicher Sozialhierarchien ihren Ausdruck findet, die einerseits unglaublich bedrohlich, andererseits unglaublich befreiend gewirkt haben muss.

Auch sprachlich.

:note:


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