Ein absurdes Gedankenexperiment! (Straßencafé)

W.W. @, Freitag, 14.06.2019, 14:03 (vor 66 Tagen)

Nehmen wir an, jemand sagt: "Die MS ist eine Krankheit!", dann kann diese Aussage nach Wittgenstein nur richtig sein, wenn wir das Wort "Krankheit" auch unrichtig verwenden könnten. Ein Beispiel für einen unrichtigen Gebrauch wäre: "Homosexualität ist eine Krankheit!"

"Krankheit" ist doch wohl das, was mir schon immer als eine Krankheit erschienen ist, also was man mir beigebracht hat. Von einer "richtigen" Verwendung dieses Wortes kann also gar nicht die Rede sein, wenn sie etwas anderes meint als ein Erziehungsprodukt.

Newhmen wir an, wir lebten in einer Gesellschaft, in der alle MS hätten. Frauen hätten häufiger MS, weil sie eben stärker belastet sind, und die Lebenserwartung wäre auch gar nicht so schlecht. Einige werden an sich vor allem zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr Symptome beobachten, die sie zwar nicht an Leib und Leben bedrohen, aber zum Ausdruck bringen, dass es gar nicht so selbstverständlich ist, dass man immer richtig sehen kann, mit der Hand testen kann, ob etwas warm oder kalt ist, oder ganz normal gehen kann.

Man führt das darauf zurück, dass das zum Leben und zur Natur und zum Körper dazugehört, dass es Probleme im Wechselspiel von Zellen, Enzymen, Oberflächenmolekülen und Blutkörperchen geben kann. Nobody is perfect - und eben auch der Körper nicht. Fehlschaltungen können also eine Alterserscheinung sein.

Manche (aber durchaus nicht die Mehrheit) benutzen ab 50 einen Rollstuhl und sind etwas "schusselig". Aber auch das führt man aufs Alter und Ablesefehler von Genom auf die RNA zurück. Es sei auch nicht auszuschließen, dass sich die Ablesefehler häufen oder überhaupt das Zusammenspiel der vielen Faktoren in gewissen Belastungssituationen, die allerdings individuell sehr verschieden seien, beeinträchtigt sein könnte.

Dieses Gedankenexperiment mag absurd erscheinen, weil es ja eine Gesellschaft voller MS-Kranker gar nicht gibt, aber wir könnten uns vorstellen, dass es eine Gesellschaft gibt, in der der Menschen nicht altert, also immer um die 50 bleibt. Wenn in dieser Gesellschaft ein Mann sagt, er fühle sich sexuell zu anderen Männern hingezogen, dann wird er das zu verbergen trachten, und wenn es dann doch herauskommt, wird man sagen: "Du bist krank!" Oder: "Deine Undiszipliniertheit gefährdet das menschliche Zusammenleben."

Was will ich damit sagen? Das, was wir als "normal" betrachten, ist also nur das Selbstverständliche, über das wir gar nicht nachdenken müssen. Und ganz rasch wird das, was aus der Reihe fällt, zur Krankheit.

W.W.

Wittgenstein: "Nun, ein Jeder sagt es mir von sich, er wisse nur von sich selbst, was Schmerzen seien! - Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir ”Käfer” nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. – Da könnte es ja sein, dass jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, dass sich ein solches Ding fortwährend veränderte."


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