Die Kloaken-Theorie (Allgemeines)

W.W. @, Freitag, 30.11.2018, 15:59 (vor 14 Tagen) @ W.W.

Punkt 6:

Auch wenn man die Symptome durch die Herde gut erklären kann, gibt es keine Erklärung dafür, warum sie überhaupt auftreten. Hier gibt es zwei Kontroversen. Die einen meinen, es hätte etwas damit zu tun, dass Lymphozyten, die aus irgendeinem Grund in das Gehirn eingedrungen sind, irrtümlich Oligodendrozyten bzw. die myelinisierten Hüllschichten der Nervenfasern angreifen (so wie Lymphozyten, die aus irgendeinem Grund während der Schwangerschaft zum Fötus gelangt sind, dessen Zellen als nicht-arteigen angreifen zerstören), die anderen hängen einer "Überlastungstheorie" an, meinen also dass es in den Nervenfasern zu "Überlastungen" komme, die den Stoffwechsel in den betroffenen Bereichen verändern und angreifbar machen könnten. Für diese Annahme gibt es übrigens keinen
morphologischen oder experimentellen Hinweis. Sie ist eine reine Spekulation.

Ich komme nun zum schwierigen Punkt der Herdentstehung. Die MS-Herde sind ein Problem. Ein wichtiger Punkt ist die zentrale Vene im MS-Herd, d.h. jeder MS-Herd hat eine Vene in seinem Zentrum. Zur Erklärung stehen sich zwei interessante und völlig entgegengesetzte Hypothesen gegenüber. Ich möchte sie als die „Tintenklecks-Hypothese“ und als die „Hypothese der toxischen Konzentrationen“ bezeichnen.

Die „Tintenklecks-Hypothese“ geht davon aus, dass eine giftige Substanz über die Venen in das Gehirn eindringt und sich wie ein Tintenklecks auf Löschpapier im Gewebe ausbreitet. Hierbei könnte es sich aber auch um aggressive Lymphozyten handeln, die wegen des langsamen Blutstroms an der Venenwand andocken und sie durchwandern können.

Die „Hypothese der toxischen Konzentrationen“ (Kloaken-Hypothese) nimmt umgekehrt an, dass alle Stoffwechselabbauprodukte, die in „überhitzten“ Hirnregionen entstehen, zu den Venen bzw. Hirnkammern hin drainiert werden, so dass in deren engster Umgebung ausreichend hohe Konzentrationen erreicht werden, um Oligodendrozyten zu schädigen.

Exkurs:
Wie ich darauf komme, muss ich erklären. Als ich noch ein junger Arzt war, habe ich ganz anders gedacht, aber mit den Jahrzehnten hat sich meine Sichtweise verändert. Ausgangspunkt war, dass ich lange angenommen hatte, die MS-Herde seien zufällig über das Gehirn und das Rückenmark verteilt. Aber mit der Zeit kamen mir Zweifel, denn die Sehnerven waren doch ganz offensichtlich eine Vorzugslokalisation der MS, und ganz ähnlich schien es mir mit dem Halsmark zu sein, wo praktisch wie durch ein Nadelöhr die Informationen von oben nach unten und umgekehrt laufen. Und auch in der periventrikulären Region ist es nicht anders, obwohl sie ‚stumm’ zu sein scheint. Aber das ist sie natürlich nicht. Es besteht ein reger Verkehr von kreuzenden Informationen um den Hirnbalken herum. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass sich hier der aktivste Hirnbereich befindet. Inwiefern unterscheiden sie sich also von anderen, weniger betroffenen Hirnregionen? Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, aber plötzlich war es für mich sonnenklar, dass zuviel Strom durch sie floss, kurz: Sie waren überstrapaziert.

Damit begannen meine Überlegungen. Das nächste war die perivenöse Lage der Herde, d.h. die Tatsache, dass sich im Zentrum jedes Herdes eine Vene befindet. Anfänglich dachte ich, das müsse etwas mit den besonderen Verhältnissen in den Venen zu tun haben, dass hier also das Blut langsam fließt und deshalb Schadstoffe Zeit genug haben durch die Venenwände hindurch ins Gehirngewebe einzudringen – wie ein Tintenklecks auf Löschpapier.

Jetzt glaube ich, dass es genau umgekehrt ist! Wenn meine Annahme von der Überlastung zutreffend wäre, könnten ja in den ‚überhitzten’ Hirnregionen Stoffwechselabbauprodukte entstehen, die möglichst schnell abtransportiert und entgiftet werden müssten. Das natürliche Abwassersytem des Gehirns des Gehirns sind ja nun einmal die Venen, es wäre also denkbar, dass sie unter bestimmten Umständen überlastet werden könnten – wie ein Abwasserkanal, der nach einem Wolkenbruch überquillt. Dann würde sich um die Venen herum ein Rückstau bilden, in dem die Konzentration von Abbauprodukten so stark erhöht ist, dass sie auf das Gewebe toxisch wirken und eine Entzündung vortäuschen könnten.

Daraus ergab sich ein dritter Punkt. In der MS-Forschung dominiert die Ansicht, die MS sei eine Erkrankung, bei der überaktive Lymphozyten das eigene Hirngewebe angreifen würden. Diese Vermutung beruht im Wesentlichen darauf, dass man in MS-Herden häufig Lymphozytenansammlungen beobachtet hat. Der naheliegende Schluss lautete, es müsse sich um eine chronische Entzündung handeln. Aber dann erschien die bemerkenswerte Arbeit von Barnett und Prineas, die den Verdacht nahe legt, dass die Lymphozyten nicht primär für die Schädigungen im MS-Herd verantwortlich sind, sondern eher sekundär einwandern, um zerfallendes Hirngewebe abzutransportieren.

W.W.


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