RRMS oder PPMS? (Allgemeines)

W.W. @, Mittwoch, 28.11.2018, 16:35 (vor 11 Tagen) @ W.W.

Nun zu Punkt 2: Die MS beginnt oft mit Schüben, aber in seltenen Fällen, kann sie sich auch langsam progredient entwickeln. Darum wird in aller Regel eine MS mit schubförmigem Beginn (RRMS) von einer primär progredienten MS (PPMS) unterschieden.

Was sollte dagegen einzuwenden sein? Ich habe früher auch angenommen, es gäbe eine häufige RRMS und eine seltene PPMS und dazwischen eine SPMS, in die praktisch alle RRMS münden würden.

Dann gab es irgendwann einmal vor 30 Jahren eine Studie von Kurtzke oder Poser, in der er behauptete, die RRMS habe viele Herde im MRT und die PPMS keine!

Ich finde diese Veröffentlichung nicht mehr, vielleicht kennt sie ja einer unserer Leser. Jedenfalls schien das meine Meinung zu bestätigen: Die PPMS ist etwas ganz anderes als die RRMS.

Jetzt sind mir Zweifel gekommen. Ich glaube nicht mehr, dass man die PPMS klar von der RRMS unterscheiden kann. Ich bin eher überzeugt: Die PPMS unterscheidet sich nur klinisch von der RRMS, indem sie keine eindeutigen Schübe macht, aber kernspintomographisch sind sie im Wesentlichen gleich.

Alles mit den Schüben ist ein Problem, obwohl es so einfach zu sein scheint, Schübe diagnostizieren zu können: Weil man sie definieren kann! Ich glaube, nichts, was man definieren kann, gibt es in der Natur wirklich. Weil sie sich nicht definieren lässt!

Es gibt einen Aberglauben an Definitionen, etwa den, nur das sei ein Schub, was mindestens 24 Stunden dauert. Ist das wirklich war? Und was ist mit frischen Herden, die zufällig bei einer MRT-Kontrolle gefunden werden. Handelt es sich um "stumme" Schübe, die möglicherweise einer Cortisonbehandlung bedürfen?

W.W.

PS: An dieser Stelle ein statistischer Exkurs: Ich habe eben behauptet, dass man z.B. "Stress" nicht messen kann. Was für den einen Stress ist, ist für den anderen eher eine Anregung. Nun gilt es aber in der Wissenschaft als das Maß aller Dinge, wenn man sich auf Messbares bezieht, und das, was nicht messbar ist, messbar macht.

In der MS-Forschung, also z.B. bei der Einschätzung der Wirksamkeit der Betainterferone, war der "Stress" aus dem eben genannten Grund unbrauchbar, also suchte man etwas leichter Messbares, und nahm die Schübe.

Wenn man Schübe richtig definiert, dann scheint man ein gutes und interpersonelles Maß zu haben, ob ein Medikament die Schübe vermindert oder nicht. Man macht die Schübe also sozusagen zu einem "Ersatzkriterium": Je weniger Schübe unter der Behandlung auftreten, desto wirksamer ist das Medikament!

Nun mach die Betainterferone aber nicht nur eine Schubverminderung, sondern haben auch andere Nebenwirkungen. Das heißt, so richtig "doppelblind" kann keine Studie mit Betainterferonen sein, denn die Patienten, die grippeähnliche Nebenwirkungen, Hautrötungen, Leberwerterhöhungen usw. haben, werden also eher zur Verum- als zur Kontrollgruppe gehören.

Praktisch jeder Auswerter solcher Studien weiß ziemlich genau, ob ein Patient das Verum bekommt oder nicht. Es ist also nicht auszuschließen, dass er "unbewusst" etwas bei dem einen (in der Plazebo-Gruppe) für einen Schub hält, was er in der Verum-Gruppe eher als vorübergehende Unpässlichkeit oder als "Fluktuation" einordnet. So können statistisch signifikante Unterschiede auf ganz normale Weise Zustandekommen, ohne dass jemand etwas Böses tut.

Ein anderes Problem ist, ob die Schübe das messen, was man messen will. Darum spricht man ja auch von "Ersatzkriterien", denn was man wissen will, ist ja eigentlich: Wenn ich mir dieses Medikament spritze, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass es meinen MS-Verlauf günstiger macht. Aber genau darauf gibt das Studienergebnis (sei es nun korrekt oder nicht) keine Antwort, denn es könnte ja sein, dass das Medikament Schübe unterdrückt, aber den MS-Verlauf unter der Schubschwelle negativ beeinflusst, wie es z.B. bei den Alphainterferonen passiert ist.

Noch genauer scheint es zu sein, wenn man die Herde in den Kontroll-MRTs misst. Was sollte objektiver sein? Aber auch hier weiß der auswertende Arzt, Radiologe, Statistiker (der die Daten auf Vordermann bringt) Bescheid und zählt die Herde auf seine Art, die durchaus nicht "objektiv" sein muss, denn es gibt sehr kleine und größere Herde und manche, die man kaum entdecken kann (z.B. Mark-Rinden-Grenze).

Ein letztes Problem: Studienergebnisse, die einem nicht passen, landem im Papierkorb und werden niemals veröffentlicht. Wenn man also 3 Studien durchführt, von denen eine ein statistisch signifikantes günstiges Ergebnis liefert, zwei aber nicht, dann wird man immer Gründe finden, die beiden negativen Studien auszuschließen (so, wie Aschenputtel nur die Erbsen den Tauben übriglässt, die schlecht sind). Man nennt das publication-bias. Sie soll die größte Irrtumsquelle in der Welt der Wissenschaft sein!!!


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