Obduktionen und MS-Häufigkeit (Allgemeines)

W.W. @, Mittwoch, 28.11.2018, 15:55 (vor 12 Tagen) @ W.W.

Ich fahre mit Punkt 1 fort: Warum ist es so schwierig abzuschätzen, wie häufig die MS wirklich ist? Warum wird man nicht müde, uns zu beteuern, man wisse leider nicht, wie häufig die MS wirklich sei und ob sie in den letzten Jahrzehnte zugenommen habe?

Bei der MS gibt es eine entlegene Möglichkeit, die tatsächliche Anzahl abzuschätzen. Das sind Obduktionen. Früher wurde noch viel obduziert. Heutzutage ist das sehr selten geworden. 1m Jahr 1961 fanden Georgi und Mitarbeiter bei 15.644 Obduktionen 12 Fälle von ‚stummer’ MS, also MS-Fälle, die niemals diagnostiziert worden waren. Das entspricht einer Häufigkeit von 77 auf 100.000. Bei einer anderen Untersuchung, die mir bekannt ist, fand Gilbert 1983 5 ‚stumme’ MS unter 2450 Obduktionen, was einer Häufigkeit von 204 auf 100.000 entspricht.
Nehmen wir einfach nur einmal diese beiden Zahlen zusammen, dann sind das 17 von 18.094 und das entspricht 94 auf 100.000.

Wenn man also davon ausgeht, dass die Zahl ‚stummer’ MS etwa 0,1% beträgt, dann fällt auf dass das genau die Zahl ist, mit der man in Deutschland von tatsächlich diagnostizierter MS rechnet. Die Zahlen geben also einen Hinweis darauf, dass etwa die Hälfte alle MS-Erkrankungen klinisch unbemerkt verlaufen könnte.

Die Zahlen belegen die Annahme, die MS sei sehr viel häufiger als man denkt, und ich glaube auch, dass sie mehr als doppelt so häufig ist, als sie diagnostiziert wird, und daran ändert auch das beste Diagnoseschema nichts. Warum?

Ich glaube, die übersehenen MS-Fälle sind nicht nur die, die keine fassbaren MS-Symptome machen, obwohl man in ihrem Gehirn oder Rückenmark Herde nachweisen kann, sondern dazu kommen noch eine Menge MS-Fälle, die nicht einmal Herde machen. Ich möchte diese Fälle als Prä-MS bezeichnen, so wie man von einer Präkanzerose sprechen kann, oder einem latenten Diabetes.

Beispiel: Mehr als die Hälfte aller über 60-jährigen Männer haben ein Prostatacarcinom und sterben mit 70 oder 80 an einem Herzinfarkt - und das Prostatacarcinom wird zufällig bei der Autopsie gefunden. Hatten sie nun ein Prostata-Ca? Das heißt, es gibt Vorformen des Krebses, die sich irgendwann einmal zu einem Krebs auswachsen können, aber unbestimmt lange Zeit in einem Ruhestadium verharren.

Wenn dann der Arzt zu viele Vorsorgeuntersuchungen macht (z.B. die PSA der Ordnung halber bestimmen lässt), dann kann es passieren, dass man ein Prostata-Ca anscheinend früh genug erkennt, dies aber eine übwerflüssige Belastung ist, denn es hätte sich zu Lebzeiten nie bemerkbar gemacht! Ich glaube übrigens, dass es bei dem Brustkrebs-Screening um genau dasselbe Problem geht!

Auch mit der MS könnte es ähnlich sein. Ich weiß: Zur Diagnose einer MS soll ja dazugehören. dass sie Beschwerden macht. So, wie ein Schub nur ein Schub sein soll, wenn neue Herde Ausfälle machen. Aber was ist mit den vielen Vorformen der MS, die keine spürbaren Symptome machen, die also nicht diagnostiziert werden können, nicht einmal mittels weißer Herde im Kernspintomogramm? Gibt es die gar nicht? Oder sind sie per definitionem keine MS?

Kurz: Meine Annahme ist, dass in vielen Menschen der Keim der MS steckt (vielleicht sogar in 1% aller Deutschen), aber sie nur sichtbar wird, wenn zu der Anlage weitere belastende Ereignisse kommen. Und wir werden diese verborgene MS-Häufigkeit niemals entdecken!

...

W.W.


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