Auch wenn man eine MS nicht heilen kann, kann man sie trotzdem überwinden! (Allgemeines)

W.W. @, Sonntag, 09.09.2018, 23:25 (vor 73 Tagen) @ Bennie

Nach der groben 1/3 - 1/3 - 1/3-Regel haben 1/3 aller MS-Betroffenen einen leichten Verlauf, 1/3 einen mittleren und 1/3 einen schweren Verlauf. Ich glaube diesen Zahlen nicht. Meiner Ansicht nach haben mehr als die Hälfte aller MS-Betroffenen einen leichten Verlauf, d.h., dass sie eine normale Lebenserwartung haben und bin an ihr Lebensende gehfähig bleiben.

Ich habe dazu geschrieben:

Man kann darüber streiten, was das Wichtigste zur MS ist. Ich denke, es ist dies: Eine MS, die heutzutage diagnostiziert wird, hat nichts, aber auch gar nichts mehr mit der MS zu tun, wie sie in älteren Lehrbüchern und Ratgebern beschrieben wird. Leider hat sich jedoch das Schreckensbild der MS so tief in unser Bewusstsein eingegraben, dass es schwer ist, den alten Aberglauben durch ein neues, wesentlich freundlicheres Bild zu ersetzen.

...

Je weniger wir über das wissen, was uns bedroht, desto schrecklicher ist das Bild, das sich unsere Phantasie davon macht. Noch vor 30 Jahren galt die MS als eine unheilvolle Krankheit, die scheinbar harmlos mit flüchtigen Symptomen beginnt, im weiteren Verlauf jedoch unerbittlich fortschreitet und über kurz oder lang zu Rollstuhlabhängigkeit und Pflegebedürftigkeit führt. Nach dem damaligen Wissen wurden nur wenige Betroffene von diesem Schicksal verschont.

In dem Maß, wie unsere Kenntnisse zunehmen, beginnt der Mythos von der grausamen MS zu verblassen, und sie wird mehr und mehr zu einer ganz normalen Krankheit. Viele meinen, dies sei den Fortschritten in der Therapie zu verdanken. Aber in Wirklichkeit ist es ganz anders:

Es sind die Erfolge in der Diagnostik, die das Bild der MS grundlegend verändert haben. „Wie kann das sein?“, werden Sie verwundert fragen. Die Erklärung ist einfach. Wir sehen von Krankheiten praktisch immer nur die Spitze des Eisbergs, also den Teil, der sich durch Symptome bemerkbar macht, oder der durch unsere diagnostischen Methoden entdeckt werden kann. Aber ganz im Gegensatz zum Eisberg verbirgt sich unterhalb des Wasserspiegels nicht der gefährliche Teil, sondern die Hauptmasse der milden Krankheitsverläufe.

Stellen Sie sich einen Fischer vor, der mit einem immer engmaschigeren Netz aufs Meer hinausfährt. Er wird immer kleinere Fische fangen. Genauso ist es mit einer immer feineren Diagnostik und der MS: Wenn die Diagnostik immer empfindlicher wird, werden immer mehr Mini-Fälle diagnostiziert werden.

Vor Einführung der Kernspintomographie war die Diagnose einer MS außerordentlich schwierig, und es gab, grob eingeteilt, drei Gruppen von MS-Betroffenen: Zur größten gehörten die, die eine leichte Form der MS hatten, diese aber nie bemerkten. Man sprach von klinisch „stummen“ Verläufen, die z.B. als Zufallsbefund bei Obduktionen zutage traten.

Die zweite Gruppe stellte eine Grauzone dar: Patienten, die zwar ein oder mehrere Male Symptome erlitten hatten, die den Verdacht auf eine MS weckten, der aber letztendlich nicht zu erhärten war. Hierzu gehörte auch eine Vielzahl von Menschen, bei denen sich die Ärzte mit ihrer Diagnose zwar sicher waren, die aber schwiegen, weil sie die überwiegend jungen Menschen nicht beunruhigen wollten und auf einen günstigen natürlichen Verlauf hofften. Das war zu rechtfertigen, denn die therapeutischen Möglichkeiten, auf den Krankheitsverlauf einzuwirken, waren damals gleich Null. Und tatsächlich kam bei vielen von denen, die eine MS hatten, es aber nicht wussten, die Krankheit von selbst zum Stillstand und sie entgingen so der statistischen Erfassung.

Die letzte Gruppe war die kleinste: Sie bestand aus den Krankheitsfällen, die so dramatisch verliefen, dass sie einfach nicht übersehen werden konnten. Da aber nur diese Verlaufsformen für epidemiologische Untersuchungen zur Verfügung standen, wurde das Bild der MS durch die ungünstigsten (und damit am besten zu diagnostizierenden) Verläufe geprägt.

Die Situation änderte sich schlagartig, als in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kernspintomographie in die klinische Diagnostik eingeführt wurde. Während zuvor die Diagnose zu schwierig gewesen war, war sie jetzt zu leicht. Überspitzt gesagt: Die Kernspintomographie hört die Flöhe husten. Immer häufiger wurden immer leichtere MS-Erkrankungen diagnostiziert, so dass die Prognose der früher so gefürchteten Krankheit immer günstiger wurde. Heutzutage kann davon ausgegangen werden, dass die MS in mehr als zwei Drittel der Fälle einen milden Verlauf nimmt, also die Lebenserwartung nicht wesentlich verkürzt und zu keiner oder nur einer unwesentlichen Behinderung führt.
Das ist für mich die wichtigste Botschaft in diesem Buch. Sie wird durch die Olmsted County-Studie1 bestätigt.

Die Olmsted County-Studie
1991 wurden im Verwaltungsbezirk Olmsted in Minnesota 162 MS-Patienten erfasst. Alle bis auf einen einzigen Patienten konnten nach genau 10 Jahren nachuntersucht werden. Das überraschende Ergebnis war: Die meisten Patienten waren stabil geblieben oder zeigten nur eine minimale Progression. 83% der Patienten, die 1991 einen EDSS von 3 und weniger aufwiesen, waren auch 2001 noch ohne Unterstützung gehfähig. Für die gesamte Gruppe betrug die durchschnittliche Verschlechterung des EDSS nicht mehr und nicht weniger als 1.0 Punkte.
Die Autoren kamen zu dem Schluss: „Je länger die MS besteht und je geringer der Behinderungsgrad ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Betroffener stabil bleibt und sich seine Krankheit nicht weiter verschlechtert. Das trifft besonders auf Patienten mit gutartiger MS zu, die nach 10 Jahren oder länger einen EDSS von 2,0 oder weniger haben. Ihre Chance stabil zu bleiben, beträgt mehr als 90%.“ Ich denke, das ist eine sehr beruhigende Aussage.2


Ich behaupte also, dass die MS wesentlich besser verläuft, als uns einige Neurologen weismachen wollen, dass vieles für das wait-and-watch-Prinzip spricht, und dass eine möglichst frühzeitige MS-Therapie mit Basistherapeutika nicht erforderlich ist. Ich fürchte sogar, dass eine frühzeitige Therapie der MS die Zahl der unguten Verläufe vermehren könnte.

W.W.

Quelle: Pittock SJ e.a. Change in MS-related disability in a population-based cohort: a 10-year follow-up study. Neurology. 2004 Jan 13; 62(1):51-9.


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