Ich weiß es nicht - was für eine Erleichterung! (Allgemeines)

Boggy, Freitag, 06.07.2018, 14:54 (vor 76 Tagen) @ naseweis

Herr Drobinski, und naseweisens Anregungen beschäftigen mich noch - produktiv.

Dobrinski: "Die große Unvorhersehbarkeit verträgt sich nicht gut mit der Vorstellung, dass man die Zügel des Lebens fest in der Hand halten muss, dass die Regierung der großen Geschichte und man selber der kleinen den eigenen Willen aufzwingen muss."

Der Umgang mit der Ungewißheit ist eine schwierige Aufgabe. Das muß man wohl lernen, üben, und hoffentlich bekommt man dabei Orientierungen, echte, gute Leitlinien, Hilfen an die Hand ...
Ungewißheit ist ein schwieriger Aspekt der MS.

Dobrinski: "Dieser Fatalismus ist subversiv. Er beugt sich dem Unausweichlichen und bewahrt doch das Eigene. Er richtet sich wieder auf, selbst wenn er weiß, dass er sich dem nächsten Unausweichlichen beugen muss. Er verzieht gewissermaßen den Mund zum Spott, wenn einer mit seiner quälenden Sorge kommt und seiner namenlosen Angst, mit brennendem Hass oder dunkler Verzweiflung: Und - was hilft das alles?"

Das erinnert mich ein bißchen ans Camus' "Der Mythos von Sisyphos", nicht ganz und gar ... aber erfreulich nah
(s. http://ms-ufos.org/forum/index.php?id=39604 )

Und dies stimmt natürlich auch und ist wichtig: "Dieser Fatalismus verbietet sich für den Architekten, der eine Brücke entwirft, für den Arzt am Operationstisch oder den Polizisten bei der Terrorfahndung."

Aber eben auch:
"Diese Form des Fatalismus befreit. Sie trennt das Mögliche vom Unmöglichen. Sie lenkt den Blick auf das Machbare, auf die Möglichkeiten, auf das Gute auch im Ausweglosen, auf den Genuss der Zigarette im Angesicht des elektrischen Stuhls."

Vor vielen Jahren hörte ich einen Vortrag des amerikanischen Zen-Meisters Richard Baker. Ein Satz hat mich elektrisiert und mich seither nicht mehr verlassen. An einer Stelle sagte er: "Not-knowing - what a relief." ("Nicht-Wissen - was für eine Erleichterung.")
Ich hatte auf der Stelle begriffen.

Alle meine Vorstellungen (in meinem Geist/Bewußtsein) über die Zukunft, JETZT, in diesem Moment, sind NICHT die Zukunft, sondern nur Vorstellungen. Das, was ich mir (vielleicht mit Angst und Anspannung) vorstelle, EXISTIERT jetzt (noch) nicht. Vielleicht wird es nie Wirklichkeit.

Ich weiß es nicht. Ich kann all diese Vorstellungs-Last sofort fallenlassen.
Welch eine Erleichterung!

(Und natürlich und gleichzeitig weiß ich auch, daß es Situationen geben kann, in der der es eine Qual sein kann, etwas (noch) nicht zu wissen. Eine Qual, die man nur schwer oder gar nicht fallenlassen kann.)

Gruß
Boggy

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.


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