Kann man die MS operieren? (Allgemeines)

W.W. @, Montag, 04. Dezember 2017, 09:23 (vor 10 Tagen)

Ich entnehme Sally's Café, dass eine randomisierte Studie zur "Liberation procedure" gescheitert ist:

Die ‚venöse MS’ – Kann man die MS operieren?
Bereits in den 80er Jahren hatte der österreichische Arzt Franz Alfons Schelling die Hypothese aufgestellt, die MS-Herde könnten etwas mit Abflussproblemen des Blutes aus dem Gehirn zu tun haben. Er kam darauf, weil sich im Zentrum eines jeden MS-Herdes immer eine Vene befindet - und wegen der Dawson-Finger (siehe Kapitel 3). Es wäre also möglich, dachte er, dass das Blut zwar aus den Hirnarterien in die Venen gelangt, aber wegen Engpässen nicht gleich zum Herzen hin abfließt, sondern dass es zu einem Rückstau kommt. Auf diese Weise würde sich der Druck in den Hirnvenen erhöhen und es könnte passieren, dass Blut sozusagen in die falsche Richtung zurück ins Gehirn gepresst wird. Das heißt, die MS-Herde wären deshalb perivenös, weil die Herdentstehung von den Venen aus beginnt. Wenn dies so wäre, müsste auch in der Umgebung der Venen der Eisengehalt im Gehirn erhöht sein – wegen der roten Blutkörperchen, die ebenfalls ins Hirngewebe gedrückt werden.1

Ausgangspunkt von Schellings Überlegungen war wohl, dass das venöse System variabler als das arterielle System ist, und dass es durchaus denkbar sei, dass das Gefäßsystem des Gehirns eher von Venenanomalien heimgesucht werde. Wenn es also zu Abflusshindernissen komme, könne dies dazu führen, dass es zu einem Rückstau des Blutes kommt und dadurch zu einer Druckerhöhung im venösen Schenkel des Gehirns bzw. Rückenmarks. Wie bei den ‚Krampfadern’ der Beine könne auf diese Weise das gestaute Blut durch die Blut-Hirn-Schranke hindurch in das Hirngewebe gedrückt werden und so eine Hirnschädigung entstehen, die nur scheinbar Entzündungszeichen aufwies.

Obwohl Schelling seine Überlegungen im LANCET veröffentlichte, erntete er in den deutschsprachigen Ländern nur Hohn und Spott. Aber in Italien wurde seine Idee von dem Gefäßchirurgen Paolo Zamboni aufgegriffen. Er wies tatsächlich nach, dass bei Personen mit Multipler Sklerose, die Venen, welche die wichtigsten Abflusswege des Blutes vom Gehirn hin zum Herzen sind, erheblich verengt oder sogar blockiert waren. Dieser geschwächte venöse Abfluss wurde dann als chronische cerebrospinale venöse Insuffizienz (CCSVI) bezeichnet.
So untersuchte er 109 MS-Patienten dopplersonographisch und fand bei jedem einzelnen von ihnen, dass der venöse Abfluss beeinträchtigt war. Im Vergleich dazu hatte nicht ein einziger der 177 Kontrollpersonen, (Patienten mit anderen neurologischen Krankheiten und gesunde Personen unterschiedlichen Alters) einen gestörten venösen Abfluss aus dem Gehirn. Die Autoren sagen, diese 100%ige Übereinstimmung bestätige ihre Hypothese, andere haben große Zweifel, wenn in der Medizin (oder bei Wahlen!) etwas nahezu 100%ig ist.

Um nun aber zum Entscheidenden zu kommen: Zamboni hat in den Jahren 2006 bis 2009 bei 51 Patienten mit schubförmig-remittierender MS einen Eingriff durchgeführt, den er als „liberation procedure“ bezeichnete. Er berichtet darüber: Achtzehn der Probanden mit einem akuten Schub, erhielten eine Notfallbehandlung und bei allen bildeten sich deren Symptome vollständig innerhalb von wenigen Stunden bis zu ein paar Tagen zurück. Die anderen Probanden hatten eine stark reduzierte jährliche Schubrate und vor allem: die Einzigen, welche einen neuen Schub nach dem Eingriff bekamen, waren diejenigen, welche wiederholt gestörte venöse Abflussprobleme hatten. Die Probanden berichteten auch von einer dramatischen Verbesserung bei der chronischen Müdigkeit. Zusammenfassend werde ersichtlich, dass die Entlastung bei den venösen Abflussproblemen zu großen Verbesserungen der MS Symptome führt. Dies sei ein weiterer Beweis für die wichtige Rolle, welche die CCSVI bei der MS spielt.

Ich halte die Erfolge eher für durchwachsen, und sie scheinen sehr davon abzuhängen, ob man sie mit den Augen der Liebe oder nüchtern betrachtet.
Ich persönlich weiß nicht, was ich von der Theorie halten soll. Ehrlich gesagt, schreckt es mich auch ab, dass die MS eine Domäne für operative Eingriffe und Gefäßchirurgen werden soll. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es in einem so wichtigen Organ wie dem Gehirn und dem Rückenmark rein mechanisch so häufig zu Abflussstörungen kommen soll. Auch sehe ich mit Unbehagen, dass die operierten Patienten ein Leben lang Stents, also Fremdkörper, in ihren Venen tragen und mit Aspirin oder anderen gerinnungshemmenden Substanzen behandelt werden müssen.

W.W.


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