Beeinträchtigt die MS die Denkfähigkeit? (Allgemeines)

W.W. @, Montag, 27. November 2017, 16:06 (vor 15 Tagen) @ IceUrmel

Wenn Sie allerdings von Psychopathologie der Fatigue sprechen betreten Sie gefährliches Terrain, denn das impliziert eine psychische Erkrankung und daran anschließend die üblichen Diskussionen.

Nein! Es impliziert, dass die Hirnleistung aus irgendeinem Grund reduziert ist.

Darüber hinaus weiß bis heute niemand so richtig, was es mit der Fatigue auf sich hat, es existieren lediglich Theorien.

Ich wundere mich immer darüber, wie wenig Akzeptanz das diffuse Diskonnektionssyndrom findet. Meiner Ansicht nach löst es das Fatigue-Problem.

W.W.

Ist das Fatiguesyndrom ein diffuses Diskonnektionssyndrom?
... Als ich abends in meinem italienischen Stammrestaurant saß, fühlte ich mich wie erschlagen und zum ersten Mal dachte ich darüber nach: Warum war ich so kaputt? Das Recherchieren und Lesen in einer Bibliothek war ich gewohnt und stellte für mich eher ein Vergnügen als eine Belastung dar. Plötzlich fiel mir auf, dass es mir praktisch jedes Mal so ging, wenn ich in Berlin war. Es musste etwas mit der Rastlosigkeit dieser Stadt und der verwirrenden Vielfalt von Sinneseindrücken zu tun haben, die auf mich als Mann vom Lande einstürmte: das Vorbeihasten der Menschen, die Hektik in der U-Bahn, das Mädchen mit den grün-rot gestreiften Haaren, der Punk mit der Hahnenkamm-Frisur, die witzigen Sprüche auf den riesigen Reklamewänden, die Zeitungsausrufer, der Duft von gebratenen Maronen hier und von Champignons in Knoblauchsauce dort – und der Clown, der auf Hochstelzen auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor tanzte.
Mir wurde auf einmal bewusst, welche Mühe es für das Gehirn bedeutet, aus der Unmenge von Informationen das Unwichtige auszusortieren, so dass schließlich nur noch ein Bruchteil der Sinnesdaten ins Bewusstsein gelangt. Wenn das Gehirn wie ein Muskel wäre, dann würde es vermutlich mit Muskelkater reagieren, aber es empfindet ja keinen Schmerz. Die einzige Möglichkeit, die es hat, sich vor einem Zuviel an Eindrücken zu schützen, besteht darin, dass es zunehmend müder und langsamer wird, bis es schließlich ganz abschaltet. Könnte es bei MS-Betroffenen nicht ähnlich sein?

Wie stumm sind die „stummen Herde“?
Lassen Sie mich an dieser Stelle noch einmal auf den Begriff der „stummen“ MS-Herde zurückkommen. Damit sind ja die Herde gemeint, die mitten im Gehirn, zum Beispiel an den Ufern der Hirnkammern liegen, sich aber nie durch Symptome bemerkbar gemacht haben. Aber sind sie wirklich stumm? Früher dachte man, das Gehirn sei ein Organ mit ungenutzten Kapazitäten. So wie man mit dem Siebtel einer Leber oder nur einer Niere leben kann, sei mindestens die Hälfte des Gehirns nicht ausgelastet.
Das ist sicher nicht richtig. Es gibt keine Stelle im Marklager, durch die nicht ein dichtes Netz von Nervenfasern zieht, die alle Hirnregionen miteinander verknüpfen. Jeder Gegenstand, den wir wahrnehmen, wird zunächst in Einzelwahrnehmungen zerlegt, die über die ganze Hirnrinde verteilt sein können. Das Tasten einer glatten Oberfläche, das Sehen einer runden Form und einer grünen Farbe, der aromatische Duft in der Nase und der säuerliche Geschmack auf der Zunge sind zunächst einmal nicht mehr als ein „Bündel von Empfindungen“. Die Informationen aus den verschiedenen Sinnesorganen, die sich normalerweise „wie von selbst“ zu einer Wahrnehmung zusammenfügen, müssen in einem durch MS-Herde gestörten Netzwerk mühsam zusammengesucht werden, bis schließlich ein Apfel erkannt wird.
Wir können den Betroffenen mit einem Menschen vergleichen, der in einem Buch liest, in dem jeder 5. Buchstabe fehlt. Je komplexer eine Situation ist, desto mehr kommt die Denkanstrengung zum Tragen, und weil die Störung durch eine Diskonnektion, d.h. eine Unterbrechung von Verbindungen, bedingt ist und diese nicht an einer, sondern an vielen Stellen des Gehirns, also diffus erfolgt, kann man von einem „diffusen Diskonnektionssyndrom“ sprechen.

Der Cocktailparty-Effekt
Dies kann viele Auswirkungen haben. Eines der häufigsten Symptome ist der sogenannte „Cocktailparty-Effekt“: Die Betroffenen klagen, dass sie in Gesellschaften rasch ermüden, weil sie im Stimmengewirr Mühe haben, die Hintergrundgeräusche auszublenden. Andere merken, wie ihr Gleichgewichtssinn im Laufe des Tages nachlässt. Dann nehmen sie gerne mal einen Türrahmen mit und stolpern „über die Teppichkante“. Alles, was Gesunde „mit links“ erledigen, müssen MS-Betroffene mit größter Sorgfalt tun und sei es nur die Abstimmung des Fingerdrucks beim Spülen eines dünnwandigen Weinglases. Manchmal kann es auch in ganz einfachen Situationen zu einem Wirrwarr von Gedanken und Handlungen kommen. Das hat mir eine Patientin einmal sehr eindrücklich geschildert: „Wenn ich gleichzeitig eine Tür zumachen und meinen Ärmel zurückschieben will, dann überlege ich erst einmal: »Was macht die rechte Hand? Macht sie erst die Tür zu und schiebt dann den Ärmel hoch?« Und dann macht die Hand die Bewegung, als wolle sie den Ärmel hochschieben, ist aber an der Türklinke.“


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